Alle Jahre wieder: naturwissenschaftliche Bildung


Es ist die Zeit der Jahresrückblicke, und die konzentrieren sich üblicherweise darauf, was neu war in diesem Jahr, was ungewöhnlich, was ganz besonders.

Und dann kommen unverhofft doch noch die Beispiele, die uns zeigen, was leider, leider offenbar unverändert geblieben ist. Willkommen am Ende des Jahres 2013 - und naturwissenschaftliche Bildung wird von einer Reihe derjenigen, die sich für gebildet halten, so stiefmütterlich behandelt wie eh und je.

Diesmal ist es ein Artikel im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der vorführt, auf welche elementaren Grundkenntnisse man als gebildeter Mensch offenbar gut verzichten kann. Das Thema: hochaktuell und relevant, nämlich die Bilder des US-amerikanischen Fotografen, Künstlers und Aktivisten Trevor Paglen, der Abhörstationen der NSA, Spionagesatelliten und andere sichtbare Zeichen der Überwachungsmaschinerie fotografiert hat; der Artikel: Tausend Augen schauen uns an vom 30.12.2013 [inzwischen korrigiert; die Kritik in meinem Text bezog sich auf diese frühere Version.]

Hätte die FAZ, die sich ja (gerade auch im Feuilleton!) durchaus um die Naturwissenschaften bemüht, eine bitterböse Satire zum Thema Hochkultur vs. naturwissenschaftliche Bildung schreiben wollen, der Artikel wäre nicht viel anders ausgefallen als jetzt. All die äußeren Zeichen der Bildung sind vorhanden: Da wird Heine ins Feld geführt, dessen "Himmelsaugen droben" den Titel inspiriert haben, Kant mit seiner Ehrfurcht vor dem gestirnten Himmel über ihm, die Rolle des Himmels in der Kunstgeschichte (William Turner!), aber weil man modern ist eben auch John Lennon ("no hell below us, above us only sky") und Antonionis "Blow Up".

Und man kann sich lebhaft vorstellen, mit welchem Naserümpfen der stereotype Bildungsbürger reagiert hätte, wäre dort ein Heine-Gedicht irrtümlich Schiller zugeschrieben, Turner mit falschem Vornamen genannt, John Lennon mit Paul McCartney verwechselt oder Kant falsch zitiert worden. Daran, dass der Artikel in punkto Naturwissenschaft ungleich peinlichere Schnitzer bietet als solche Verwechslungen, hätte sich der stereotype Bildungsbürger aber leider nicht gestört, denn es wäre ihm oder ihr gar nicht aufgefallen. [...]

Das ist ärgerlich, wäre selbst dann ärgerlich, wenn es nicht nur eines von einer ganzen Reihe von Beispielen wäre und selbst dann, wenn es irgendwo auf einem Nischenblog anstatt im Feuilleton einer einflussreichen überregionalen Zeitung sein Publikum fände. Und es will mir wirklich nicht in den Kopf wo jetzt noch, im 21. Jahrhundert, diese Geringschätzung für Sachverhalte und Umstände herkommt, die in einer modernen Gesellschaft längst Teil der Allgemeinbildung sein sollten.

Zumal der Artikel direkt zeigt, was schiefgeht, wie man sich lächerlich machen und wie die Betrachtung der Bilder komplett fehlschlagen kann, wenn das Grundwissen fehlt. Das erste Beispiel:

An diesem scheinbar idyllischen Ort entsteht das Bild, das zu einer der ersten Ikonen des Big-Data-Zeitalters wurde: Die grünschimmernde, leicht unscharfe Aufnahme einer Abhörstation der NSA, die den „Moon Bounce“ auffängt, eine Schallreflektion, die um 1940 entdeckt wurde. Viele akustische Signale versenden sich im All - es sei denn, die Unterseite des Mondes reflektiert sie zurück auf die Erde. Seit Januar 1946 beschäftigt das Phänomen das Militär; damals zeichnete man in Fort Monmouth, New Jersey, das Echo vom Mond auf, was ein surrealer Moment gewesen sein muss: Die Tonsignale aus dem All entpuppten sich als unsere eigenen Stimmen. Seitdem wird auch hier an Daten gesammelt, was nur geht; Trevor Paglen ist der erste, der in seiner Kunst die neuen Orte von Big Data sichtbar macht.

Genau. Schallsignale, die durch das All reisen, am Mond reflektiert werden und sich als unsere eigenen Stimmen entpuppen. Was sich hinter diesen wenigen Sätzen an potenziellem Wissensdefizit, auch über Kultur, verbirgt, ist erschreckend. Wie kann man Musik, Musikinstrumente und Gesang richtig verstehen, wenn man keine Idee davon hat, dass Schall eine Schwingung der Luft ist, dass die Klangkörper der Instrumente und die Stimmbänder der Menschen schwingen, diese Schwingungen an die Luft übertragen und diese Schallwellen dann die Ohren der Zuhörer erreichen? Oder, falls es nicht daran gehakt haben sollte: Was für eine Vorstellung vom Weltraum dort draußen hat man, wenn man meint, dort gebe es Luft, durch die sich Schallsignale ausbreiten können, hinaus ins All, zum Teil reflektiert am Mond (der dann ja offenbar auch durch den riesigen Luftozean da draußen treibt)?

Wie kann man, um ein wichtiges Beispiel zu nennen, so grundlegende Probleme wie den Klimawandel einschätzen, wenn man keine Vorstellung davon hat, dass die Atmosphäre nur eine vergleichsweise dünne Schutzhülle ist und ansonsten dort draußen im Weltraum so gut wie nichts ist?

Und nicht zuletzt: Welche missverständlichen Vorstellungen vom NSA-Überwachungsskandal bekommt ein Leser, der an dem zitierten Absatz orientiert möglicherweise auf die Schnapsidee kommt, unsere eigenen Stimmen und das, was wir im Alltag so sagen, würden nach Reflektion am Mond direkt von den Geheimdiensten aufgezeichnet?

Schwer zu entscheiden, ob man da lachen oder weinen soll.

Noch ein Beispiel gefällig? Hier habe ich das Bild, das den Artikel einleitet, in Web-Originalgröße wiedergegeben, so, wie es den Online-Text auf faz.net illustriert:

Screen shot 2013-12-31 at 12.27.57 PMTrevor Paglen, "Four Geostationary Satellites Above the Sierra Nevada" (2007), zitiert nach dem genannten FAZ-Artikel. Dort ist als Quelle angegeben: © Courtesy of Metro Pictures; Altman Siegel; Galerie Thomas Zander

 Die Beschreibung dazu im Text:

Dies ist das Bild einer Nacht in den Bergen: Mondlicht fällt auf den Schnee, der Wald ist schwarz, der Himmel leer und kalt, nur ein paar Lichter rasen vorbei, keine Kometen, sondern Dinge, die der Mensch ins Bild schoss, Satelliten. Der Fotograf, der hier regungslos auf die Erscheinung wartete, hat sie mit einer Langzeitbelichtung sichtbar gemacht; er wusste, dass die Flugkörper hier, nachts in der Sierra Nevada, zu sehen sein würden.

Was will mir diese Beschreibung sagen? Wenn ich nur direkt nach dem Text gehe, dann offenbar: Unten die Berge (der Sierra Nevada) im Mondlicht, und darüber im Himmel die vorbeirasenden Lichter, die der Autor mit Kometen vergleicht, per Langzeitbelichtung sichtbar gemacht, damit sind dann wohl die deutlich erkennbaren Striche am Himmel gemeint.

Aber die Striche sind natürlich nicht die Satellitenspuren, denn wie der englische Titel des Bildes schon sagt: Es ging um geostationäre Satelliten, die Paglen da aufgenommen hat. Geostationär, das heißt: Von einem gegebenen Standort auf der Erde aus immer an der gleichen Stelle am Himmel stillstehend. Der Grund, warum die Satellitenantennen an unseren Häusern keine komplizierte Nachführbewegung ausführen müssen, sondern, einmal ausgerichtet, brav weiter das Fernsehprogramm übertragen.

Aber wer das Bild nicht versteht, kann es auch nicht richtig in Szene setzen und z.B. merken, dass die Version direkt im Online-Haupttext so klein ist, dass der Betrachter das wichtigste an dem Bild fast zwangsläufig übersieht. Ich zeige im folgenden mal einen Ausschnitt aus der größeren Bildversion, die man aus dem FAZ-Artikel durch zweimaliges Anklicken bekommt (erstes Klicken führt zur Fotostrecken, zweites zum Vollbild) Anklicken des Vollbild-Icons bekommt:

ausschnitt-1

Ausschnitt aus Trevor Paglen, "Four Geostationary Satellites Above the Sierra Nevada" (2007), zitiert nach dem genannten FAZ-Artikel. Dort ist als Quelle angegeben: © Courtesy of Metro Pictures; Altman Siegel; Galerie Thomas Zander

Da sieht man zumindest zwei von den vier geostationären Satelliten die, im Gegensatz zu den langen Strichspuren der Hintergrundsterne, als kleine Punkte sichtbar werden, in diesem Falle einmal mittig links und einmal, etwas tiefer, mittig rechts. Zur Sicherheit hier noch einmal mit von mir per Hand eingezeichneten roten Pfeilen, die auf die Satellitenpünktchen zeigen:

ausschnitt-2

Bearbeiteter (rote Pfeile) Ausschnitt aus Trevor Paglen, "Four Geostationary Satellites Above the Sierra Nevada" (2007), zitiert nach dem genannten FAZ-Artikel. Dort ist als Quelle angegeben: © Courtesy of Metro Pictures; Altman Siegel; Galerie Thomas Zander

Die anderen beiden Satelliten-Pünktchen sind in dem für den FAZ-Artikel-Webtext gewählten Bildausschnitt schlicht abgeschnitten. Man sieht sie nur auf dem Vollbild, am oberen Rand links und am oberen Rand rechts. Klar: Wenn man ein Bild nicht verstanden hat, läuft man beim Bildausschnitt und bei der Wahl des Maßstabs Gefahr, die eigentlich wichtigen Motive unter den Teppich zu kehren.

Alle Jahre wieder. Aber solange solche Schnitzer offenbar niemandem hinreichend peinlich sind, um Anstalten zu treffen, sie in Zukunft zu vermeiden, gibt es auch immer wieder Anlass für Blogartikel wie diesen hier. Egal ob es, wie neulich nebenan auf den Kosmologs, ein deutscher Milchwarenhersteller ist, der sein Unwissen vorführt, oder wie in diesem Falle die FAZ.

Bis es dann irgendwann, hoffentlich, nicht mehr nötig ist. In diesem Sinne: Einen guten Rutsch ins Jahr 2014!

 

 

 


Nachtrag 2.1.2014, 17:30 Uhr: In der Zwischenzeit habe ich eine E-Mail des Autors des von mir kritisierten Artikels erhalten. Von Gleichgültigkeit oder Abwiegeln, das sei positiv angemerkt, ist in der E-Mail nicht das geringste zu merken; sie benennt das, was ich hier kritisiere, ganz klar als "sehr ärgerlich[e ...] Fehler", und die Online-Version ist inzwischen korrigiert. Der Autor hat mich außerden in dieser E-Mail über die Hintergründe der Entstehung des Artikels informiert. Ich habe als Reaktion darauf einige Passagen (farblich leicht abgesetzt) in meinem Text verändert.

 


43 Kommentare zu “Alle Jahre wieder: naturwissenschaftliche Bildung”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Hier muss man sich fragen wie weit das Unwissen, die Dummheit, Unbedarftheit und Nachlässigkeit von Niklas Maak geht. In der Wikipedia findet man nämlich unter dem Eintrag Moon Bounce eine Beschreibung dieses vielen Amateurfunkern bekannten Phänomens. Offensichtlich hat der Autor es nicht einmal für nötig befunden, diesen Begriff in der Wikipedia nachzuschlagen oder er hat es zwar getan, hat aber nichts verstanden. Durchaus möglich, dass ein FAZ-Koleiter des Feuilletons nicht einmal den Unterschied zwischen akustischen und Radiowellen kennt und dementsprechend den Wikipedia-Artikel zwar gelesen, aber nicht verstanden hat.
    Man könnte durchaus auf die Idee verfallen, dass die Bildung gewisser Gebildeter nichts anderes ist als Name Dropping und die Assoziation von Begriffen mit nicht verstandenen Inhalten.

  2. Markus Pössel Antworten | Permalink

    Ich sehe keinerlei Anlass, Herrn Maak für dumm, unbedarft oder auch nur ganz allgemein für unwissend und nachlässig zu halten. Das ist ja gerade das Sonderbare an denjenigen Menschen, die zwar klassische Bildung besitzen, aber die Naturwissenschaft dabei links liegen lassen. In denjenigen Bereichen, die für Herrn Maak zur Allgemeinbildung zählen, ist er wahrscheinlich durchaus bewandert, außerdem vermutlich von beachtlicher Belesenheit. Aber die Naturwissenschaft bleibt dabei - zumindest in Teilen - außen vor.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Das genau gleiche denke ich auch. Ich hab meine herablassenden Äusserungen über Herrn Maak nur deshalb so zugespitzt, damit sich jemand daran stört. Das Nennen eines konkreten Namens in einem Artikel der einenen allgemeinen Missstand aufzeigen will, ist immer etwas problematisch.

  3. Hans Antworten | Permalink

    Hm... - Ich glaube, solange in diesen Kreisen die Auffassung vorherrscht, in Sachen Bildung wäre dass, was Herr Schwanitz in seinem Buch "Bildung" vorgetragen hat, dass Mass aller Dinge, solange wird sich daran nichts ändern. Wenn dann die technische Entwicklung irgendwann mal hinreichend weit fortgeschritten ist, werden solche Leute sie wahrscheinlich für Magie halten. - Ich kann mir auch vorstellen, dass es einige heute schon tun, obwohl sie es eigentlich besser wissen sollten.
    Wahrscheinlich sollten diejenigen, die sich in beiden Gedankenwelten auskennen, also sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den Geisteswissenschaften, mal mehr Beiträge (für's Feuilleton) schreiben, die zum Dialog einladen, indem sie beispielsweise die klassischen Philosophen mit ihren Worten über moderne Naturwissenschaft reden lassen. Eine Auflistung der Errungenschaften, die wir ohne die modernen Naturwissenschaften nicht hätten, wird wahrscheinlich niemanden mehr beeindrucken, denn "das weis man ja". Interessanter wären da wahrscheinlich so "was-wäre-wenn..?" Gedankenspiele, die jeweils eine bestimmte naturwissensachaftliche Bildungslücke aufzeigen. - Ich hab aber keine Ahnung, ob das auch funktioniert.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Ehrlich gesagt, habe ich auch an Schwanitz's "Alles was man wissen muss?" gedacht, habe mich aber nicht getraut das auszusprechen, weil es mir etwas zu gemein und niederträchtig vorkam, den FAZ-Autor der Oberflächlickeit zu bezichtigen.
      Doch etwas muss ich doch noch zur Verteidigung von Niklas Maak schreiben: Es gelingt ihm doch eine Stimmung zu evozieren und er wird dem portraitierten Fotografen Trevor Paglen bis zu einem gewissen Grad gerecht. Trevor Paglen scheint mir übrigens eine Person zu sein, die wirklich in beiden Welten zuhause ist, in der von Mathematik und Naturwissenschaft bestimmten als auch in der Welt der Kunst, die uns den Anstoss für eine neue Interpretation der Welt geben will. In gewisser Weise bedient sich Paglen gewisser Praktiken vieler Künstler, ihr Werk mit einer Aura zu umgeben und den Betrachter raten zu lassen. Wenn er einem Bild den Titel gibt „Four Geostationary Satellites Above the Sierra Nevada“ und nichts weiter zu dem Bild erklärt, dann weiss er genau, dass nicht alle in der Lage sein werden, das Bild richtig zu interpretieren. Er umgibt damit das Bild auf seine Art mit einem Geheimnis. Negativ formuliert könnte man sagen, dass er damit auch ein gewisses Elitedenken an den Tag legt.

      • Markus Pössel Antworten | Permalink

        Wie man die Naturwissenschafts-Schnitzer in die Gesamtwertung einfließen lässt, ist natürlich jedem selbst überlassen. Wobei da, wie erwähnt, von Interesse wäre, ob Leute, die jetzt sagen "Ach lass doch, halb so schlimm" über Schnitzer in Kunst oder Literatur genauso hinwegsehen würden und wenn nicht, wo der Unterschied liegt.

        Ob die geostationären Satelliten auf Elitedenken zurückgehen oder schlicht auf zu optimistische Annahmen bzgl. der Allgemeinbildung des Betrachters, kann ich nicht beurteilen. Aber wer den Begriff nicht versteht sollte im Zeitalter von Wikipedia keine Probleme haben, seine Wissenslücke zu füllen.

  4. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Schwarmintelligenz
    Von den 16 in der FAZ abgedruckten Kommentaren zum Artikel Tausend Augen staunen uns ans weisen zwei auf die falsche Erklärung von Moon-Bounce hin und einer weist darauf hin, dass ein Lichtstrich am Himmel der Nevada-Wüste kein geostationärer Satellit sein kann. Dann gibt es noch 4 Antworten auf den Hinweis zur Abbildung von geostationären Satelliten von einem Erdstandpunkt aus. 2 von diesen Antworten behaupten, geostationäre Satelliten könne man wegen ihrer Helligkeit von nur 11Mag gar nicht photographieren, selbst nicht mit einem kleinen Teleskop. Meine persönliche Vermutung ist, dass die Langzeitaufnahme (deren Länge man aus der "Strichlänge" des mitabgebildeten Fixsterns berechnen könnte) eben doch genug lang war um die geostationären Satelliten abzubilden.

  5. Markus Pössel Antworten | Permalink

    Beobachten kann man die auf alle Fälle, auch mit nicht allzu großen Teleskopen, siehe Seiten wie diese hier (archiviert).

    Interessanter finde ich die Frage, ob geostationäre Satelliten soweit auseinander sein können wie auf jenem Bild (die Frage wird hier gestellt).

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Interessanter finde ich die Frage, ob geostationäre Satelliten soweit auseinander sein können wie auf jenem Bild (die Frage wird hier gestellt).

      Vielleicht liegen die geostationären Satelliten gar nicht so weit auseinander, denn mit einem Superteleobjektiv von 1200mm Bremmweite ergibt sich nur noch ein diagonaler Bildwinkel von 2,1 Grad. Würde natürlich bedeuten, dass auch die Belichtunszeit relativ kurz gewesen wäre, was nur mit einem sehr lichstarken Objektiv die Abbildung von geostationären Satelliten ermöglichen würde.

      • Markus Pössel Antworten | Permalink

        Ich hab zum Spaß mal versucht, herauszufinden, welche Sterne das Bild eigentlich zeigt. Derzeitige Arbeitshypothese: Der ganz helle ist Sirius, die Strichspur daneben Mirza. Dann entspräche die Bilddiagonale 48 Grad. Das wäre dann so etwas wie ein 35 mm-Objektiv auf einer Vollformatkamera, nachträglich etwas beschnitten.

  6. Karl Bednarik Antworten | Permalink

    Die geostationären Satelliten sind vermutlich die einzigen Himmelsobjekte, die auf einer Langzeitbelichtung mit einer relativ zur Erde ruhenden Kamera punktförmig erscheinen.

    Im schlimmsten Fall erscheinen die geostationären Satelliten als kurze senkrechte Linien.

    Nur interessehalber:

    Auch für die geostationären Satelliten gibt es nur zwei wirklich stabile Orte:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Geostation%C3%A4rer_Satellit#Satellitenbahn

    Die erstaunlich lange Liste der geostationären Satelliten:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_geostation%C3%A4ren_Satelliten

  7. Petra Antworten | Permalink

    Zweimal in den Kommentaren der Hinweis auf Schwanitz. Das Buch hat uns alle geprägt. Als mathematisch-naturwissenschaftlicher Niete wären auch mir die Fehler nicht aufgefallen. Aber als Artikel für das künstlerische Feuilleton könnte man es mal durchgehen lassen.
    BTW...man kann die Fotos im Artikel sofort vergrößern. Unten rechts das Icon anklicken.

    • Markus Pössel Antworten | Permalink

      Wobei Schwanitz ja nach eigener Aussage nur den Status Quo wiedergibt, dass naturwissenschaftliche Bildung de fakto nicht als Teil von "alle[m], was man wissen muss" gesehen wird.

      Danke jedenfalls für den Hinweis auf das direkt anklickbare; ich hab's korrigiert.

  8. Kanuk Antworten | Permalink

    Ich sehe hier in diesem Blog-Eintrag leider nur die Retour-Kutsche für die Arroganz von einigen Feuilletonisten, ihre Bildung als die Wichtigste überhaupt zu klassifizieren.

    Die Fehler von Maak hätte man mit SIcherheit korrigieren können - aber doch bitte nicht mit dieser Arroganz und Übertreibung.

    Und ob es in der aktuellen Gesellschaft wirklich eine Geringschätzung der Physik und der Ingenieurs- und Naturwissenschaften gibt, kann man doch stark bezweifeln.

  9. Stefan Meixner Antworten | Permalink

    Sorry. Schallwellen vom Mond zurückgeworfen. Da hilft auch die beste humanistische Bildung nicht. Das ist das, was man einen Epic Fail nennt. Niemand muss ein Quark erklären können - aber dass Schall ein Medium für die Fortpflanzung benötigt, ist Mittelstufe. Auch ein humanistischer Fachidiot ist ein Idiot.
    Aber google ist anscheinend in der FAZ-Redaktion für einige Redakteure gesperrt. Heute haben Sie Frau Prof. Dr. Ing Irina Smirnova aus Hamburg kurzerhand zur Ex-AfD-Frau gemacht, nur weil die Politologin zufälligerweise genauso heißt.

  10. Markus Pössel Antworten | Permalink

    Der Vorwurf der Arroganz geht an meinem hauptsächlichen Argument genau vorbei, denn ärgerlich wird das Ganze ja im Gegenteil dadurch, dass es um elementare Missverständnisse geht, die eigentlich jeder als solche erkennen sollte, nicht um Insiderwissen.

    Die Geringschätzung gibt es meiner Erfahrung nach auch heute noch in ähnlicher Form wie sie C. P. Snow vor mittlerweile mehr als fünfzig Jahren festgestellt hat. Aber positive Gegenbeispiele würden mich durchaus interessieren.

  11. Kanuk Antworten | Permalink

    Die Arroganz springt einem hier doch ins Gesicht:
    Maak spricht davon, dass der Mond Schallwellen reflektieren würde: Also hat er laut diesem Blogeintrag entweder absolut keine Ahnung, wie Musik funktioniert (Kicherkicher) oder er glaubt gar, dass das Weltall voller Luft sei (Doppelkicher).
    Das ist eine völlige Überinterpretation anstatt einfach davon auszugehen, dass Maak sich da keine genauen Gedanken gemacht hat, weil es an der Stelle absolut keine Rolle für die Interpretation spielte. Es ist eine falsche Simplifizierung mit falschen Begriffen, hier im Blogartikel wird aus Maak aber einfach ein Vollidiot gemacht, der besser über alles schweigen sollte, da er ja wohl nichts begreifen kann.

    Und beim Bild der geostationären Satelliten: Nein, es ist kein Allgemeinwissen zu wissen, dass geostationäre Satelliten auch auf langzeitbelichteten Fotos fast absolut stationär sind und nicht in einem gewissen Rahmen vom irdischen Standpunkt aus "schwanken" können. Dass das Bild da eine Fehlannahme provoziert, indem die hellen Objekte gar nicht gemeint sind, wurde auch ignoriert.

    "Positive" Gegenbeispiele: Man könnte sich dafür anschauen, wo es an den Universitäten Renovierungen und Neubauten gibt und wo nicht. Schön ist auch, dass sich Abiturienten mit sehr guten Noten gerne anhören dürfen, dass sie mit Germanistik, Geschichte und co. doch ihr Können verschwenden. Die Bedeutung der Geistes- und Kulturwissenschaften für den Standort Deutschland hört man auch selten von Politikern betont. Und schon mal einen Artikel über Dekonstruktivismus in den Onlinemedien gelesen? Über Quantentheorie kann man regelmäßig was lesen.

    • Markus Pössel Antworten | Permalink

      Wow. Aus meiner Sicht ein beeindruckendes Beispiel für Über- und Fehlinterpretation meines Blogartikels, unvorteilhafte Unterstellungen inklusive.

      Ich greife mir mal die für mich interessanteste Aussage in Ihrem Kommentar heraus, muss dazu aber erstmal einen Schritt zurück gehen: Ich habe in Kunstführern etc. über die Jahre hinweg eine ganze Reihe von Bildinterpretationen gelesen. Die setzten typischerweise Vorwissen über die historischen Umstände, die Kleidung der gemalten Personen, die zu jener Zeit übliche Symbolik und so weiter voraus. Ich erinnere mich an keinen einzigen Fall, indem sich der Autor oder die Autorin darüber beschwert hätten, der Künstler oder die Künstlerin hätten einen bestimmten Aspekt des Gemäldes oder des Bildes zu sehr versteckt, nicht offensichtlich genug in den Mittelpunkt gerückt oder ähnliches. Oder sich beklagt hätte, um einen bestimmten Aspekt des Bildes zu erfassen, müsse man schon sehr genau hinschauen.

      Warum behandeln Sie Paglen an dieser Stelle anders und beschweren sich, dass er mit seinem "Bild da eine Fehlannahme provoziert, indem die hellen Objekte gar nicht gemeint sind"? Warum kann für Paglens Bild nicht gelten, was Sie, vermute ich mal, z.B. jedem historischen Gemälde zugestehen würden? Dass man es sich genau und sorgfältig anschaut? Dass man versucht zu verstehen, was der Künstler da gezeigt hat? Dass man sich das nötige Vorwissen aneignet?

      Aus meiner Sicht liegt der Verdacht nahe, dass das, was Sie da machen, gerade ein Beispiel für die Geringschätzung gegenüber naturwissenschaftlichen Inhalten/Aspekten ist, gegen die ich hier anschreibe. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren.

      Zu den angeblichen positiven Gegenbeispielen: In dieser Debatte ging es (seit mittlerweile 55 Jahren) statt um die Fragen der Forschungsfinanzierung, der Karriereförderlichkeit oder des wirtschaftlichen Nutzens darum, was zum (allgemein verbreiteten) Bildungsbegriff dazu gehört und was nicht; in den Worten von Schwanitz: "So bedauerlich es manchem erscheinen mag: Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht."

      • Kanuk Antworten | Permalink

        Nein, ich glaube das ist absolut keine Fehlinterpretation Ihres Artikels. (Und wenn hätten Sie mal darauf eingehen können.)

        Der Unterschied zu einem historischen Kunstwerk ist: Es ist nicht historisch, es ist zeitgenössisch. Künstler und Rezensent befinden sich hier in der gleichen Zeit und in der gleichen Kultur. Die Notwendigkeit von historischem Wissen ergibt sich daraus, dass man bei vielen Kunstwerken einfach riesige Zeitabstände überbrücken muss. Das ist hier nicht der Fall. Oder wo müsste Maak seine Interpretation ändern, wenn er die Physik beachten würde?

        Und dann: Ich mache Paglen keinen Vorwurf. Den mache ich Ihnen alleine, dass Sie hier mit einem arroganten Duktus vorgegangen sind. Paglen hat wahrscheinlich genau damit gespielt und Maak ist darauf reingefallen. Hätte man natürlich ansprechen können - aber doch bitte nicht in diesem Ton. Ist das zumindest Bestandteil einer Fehde mit Maak, der irgendwas schon mal als absolutes Grundwissen dargestellt hat? Oder geht es am Ende nur um die Wunde, die Schwanitz mit seinem grausigen Werk der Seele der Naturwissenschaftler zugefügt hat?

        Zum Thema Allgemeinbildung: Mag sein, dass einige naturwissenschaftliche Bildung nicht direkt der Allgemeinbildung zuordnen. Da diese aber heutzutage ebenso nötig und wirtschaftlich deutlich profitabler als geisteswissenschaftliche Bildung ist, ist das wenn einfach nur ein Nachhang sehr alter Ansichten.

        • Markus Pössel Antworten | Permalink

          Dass genaues Hinsehen und Vorwissen nur bei historischen Werken vonnöten seien, ist doch einfach Unsinn. Das brauchen Sie bei Banksy oder Neo Rauch ganz genauso. Und in diesem hier behandelten Fall eben auch, nur eben Grundwissen aus dem naturwissenschaftlichen Bereich.

          Im Falle von "Four Geostationary Satellites Above the Sierra Nevada" dürften die vier Lichtpunkte im Original bei einigermaßen genauer Betrachtung schon deswegen sichtbar sein, weil es sich um einen 150 mal 120 cm großen Druck handelt. Dass die vier Punkte im Vergleich zu den großen Sternspuren vergleichsweise unauffällig sind, dürfte ein wichtiger Teil der Aussage des Bildes sein - Paglen sagt ja selbst, dass er mit seinen Fotos die Technik des Sichtbarmachens an die Grenzen (und darüber hinaus) treiben will; "Chemical and Biological Weapons Proving Ground Dugway" und andere vom Hitzeflimmern ins Abstrakte gezogene Fotos sind das irdische Beispiel, die geostationären Punkte oder die (deutlich weniger markanten) Strichspuren anderer Satelliten die himmlischen Beispiele.

          Wenn man die geostationären Punkte in dem hier betrachteten Bild nicht einmal sieht, kann man auch den Aspekt des grenzwertig Sichtbaren in diesem Bild nicht richtig würdigen. Und landet stattdessen u.U. bei ganz falschen Assoziationen: Von der Strichspur, wie in der ursprünglichen Fassung, zum Kometen, also zu dem, was nur zwischenzeitlich an uns vorüberzieht (und damit ganz andere Eigenschaften hat als ein geostationärer Satellit - und damit auch nur ganz andere Funktionen haben kann!) oder bei einem Sprachbild wie "Unsere Vorstellung vom leeren Himmel bekommt Kratzer".

          Ist das alles in Ihren Augen nebensächlich, kleinlich, nicht der Kritik wert? Finden Sie es völlig problemlos, dass der Autor da ein Bild beschreibt, das er offenbar gar nicht richtig betrachtet hat?

          Und nein, ich habe keine Fehde mit Maak (dessen Namen mir vor der Artikellektüre noch nicht bewusst untergekommen war). Haben Sie mit Ihrer vom Ton her ja auch recht aufgebrachten und undifferenzierten Verteidigung eine persönliche Verbindung mit ihm?

          Und, wie schon anderweitig gesagt: Schwanitz ist nur ein (wenn auch ziemlich markantes) Symptom. Der FAZ-Artikel mit seinen Schnitzern ein anderes. Ob die zweierlei Maß bei der Bildinterpretation, mit der Sie hier messen, ein drittes sind, muss sich noch zeigen.

  12. Schneemieze Antworten | Permalink

    Danke für diesen Artikel.

    Man sieht leider immer wieder, dass Journalisten das elementarste Verständnis von Mathematik und Naturwissenschaften fehlt. Ein Beispiel, das mir besonders übel aufgefallen ist, ist bei FAZ.net erschienen:
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/armutsstatistiken-das-land-der-sieben-millionen-armen-schlucker-12688666.html

    Das Problem an dem Artikel ist, dass er eh tendentiös ist, aber der Ressortleiter Wirtschaft und Geld(!) hat es geschafft, folgendes zu schreiben:

    "Nach der offiziellen Definition gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Median) eines Landes verdient.[...] Der Median eignet sich nur schlecht für die Bestimmung der Armut.[...] Das konstruierte Beispiel dazu: Ein Aufschwung, der zum Beispiel jedem einzelnen Bürger in Deutschland 1.000 Euro im Monat zusätzlich bescherte, würde an der Armutsquote nichts ändern."

    Dass das absoluter Blödsinn ist, lässt sich im Kopf verifizieren. An der Stelle - und durch den Fakt, dass der Artikel bis heute nicht korrigiert ist - musste ich mich dann doch fragen, ob das mathematische legasthenie oder Absicht ist.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      "Das Land der sieben Millionen armen Schlucker" ist ein gutes Beispiel für einen Artikel in dem etwas scheinbar erklärt und aufgeklärt wird, der Autor aber darauf vertraut, dass der Leser es nicht selbst nachvollzieht. Leider kommt das nicht nur im Feuilletion vor.

    • Markus Pössel Antworten | Permalink

      Ein schönes Mathematikbeispiel - wenn man es nicht bis ganz zum Ende durchdenkt (mit den 60%), sondern bei "...also der Medianpunkt bleibt an der gleichen Stelle, wo er vorher war" aufhört, ist der Fehlschluss da. Insofern dürfte das weder richtige mathematische Legasthenie noch Absicht sein, sondern nur (schlimm genug) Schludrigkeit.

      Allerdings gibt es in der Tat keine Korrektur, obwohl ziemlich bald (Friedrich Kannitverstan 01.12.2013 16:50 Uhr, Oswin Krause 01.12.2013 17:28 Uhr, Max Schaefer, 01.12.2013 19:49 Uhr) einige Leser darauf hingewiesen hatten.

      Im Vergleich mit einigem anderen, was da mathematisch schiefgeht, ist dieses Beispiel allerdings schon durchaus subtil. Den Umgang mit Unsicherheiten z.B. bei der letzten Bundestagswahl (dazu hatte ich hier gebloggt) finde ich da noch bedenklicher.

  13. nanki pooh Antworten | Permalink

    "mit welchem Naserümpfen der stereotype Bildungsbürger reagiert hätte" -- offensichtlich dasselbe nasenrümpfen das ein beständig greinender naturwissenschaftsfuzzi hier produziert?
    die angeführten beispiele rechtfertigen eine neuauflage des "warum mögen bildungsbürger keine naturwissenschaften"-gefasels jedenfalls nicht (sondern legen eher nahe, dass es mit der grundlage ebenjenes gefasels nicht weit her sein kann).
    im übrigen leidet der artiekl an weitaus schwererwiegenden fehltritten in hinsicht auf geschichte, ideengeschichte oder philosophie -- und das sind ganz unzweifelhaft bestandteile des so verachtenswerten bildungsbürgertums.
    aber es ist nunmal ein feuilletonartikel -- da geht es nicht um wissensvermittlung, sondern um selbstdarstellung und selbstbeweihräucherung ("schau, was ich alles kann").

    etwa so, wie hier, wo ein esel den anderen langohr schimpft ...

  14. Wolfram Tungsteen Antworten | Permalink

    Nicht der FAZ-Artikel ist peinlich, sondern die kleinliche Art in der nebensächliche Unrichtigkeiten zu einem Drama der zwei Kulturen gebastelt werden. Schade eigentlich, denn das von C.P. Snow aufgezeigte Problem verdient eine ernsthaftere Diskussion.

  15. Markus Pössel Antworten | Permalink

    Schon interessant, wie die kritischen Kommentare zu diesem Beitrag sich gleichen. Jeweils die "Selber, selber!"-Komponente und jeweils auch die im Brustton der Überzeugung geäußerte Behauptung, dass die Sachfehler in dem FAZ-Artikel ja sowieso nebensächlich, nicht so schlimm usw. seien. Ich kann mich bei letzterer Behauptung - insbesondere wegen des sonderbaren Fehlens näherer sachlicher Begründungen - des Verdachts nicht erwehren, dass wir da genau jene Geringschätzung naturwissenschaftlichen Wissens in Aktion sehen, gegen die ich hier anschreibe.

  16. Bild-APO, Aktivistische Journalisten, Syrien | Meonik Antworten | Permalink

    […] 3. “Alle Jahre wieder: naturwissenschaftliche Bildung”(scilogs.de, Markus Pössel) Der FAZ-Autor Niklas Maak hat zwar die Stimmung des Vortrags von Trevor Paglen auf dem 30C3 eingefangen, scheitert aber an den naturwissenschaftlichen Grundlagen der Arbeit des Künstlers und Aktivisten. Markus Pössel sieht darin ein systematisches Problem: “Daran, dass der Artikel in punkto Naturwissenschaft ungleich peinlichere Schnitzer bietet als solche Verwechslungen, hätte sich der stereotype Bildungsbürger aber leider nicht gestört, denn es wäre ihm oder ihr gar nicht aufgefallen.” […]

  17. cassandra Antworten | Permalink

    Leider ist als Allgemeinwissen nur Literatur, Kunst, Oper, Geschichte, Latein, griechisch etc anerkannt. Ich selbst gelte als sehr! ungebildet, da ich da überhaupt nicht mitreden kann - aber ich tue das auch nicht- ich gebe zu, wenn ich von einem Fachgebiet nichts verstehe.

    Naturwissenschaft wird nie als Allgemeinwissen oder gar Bildung anerkannt. Jene Personen, die die Naturwissenschaft verstehen und sich „auskennen“ werden belächelt wenn nicht gar verachtet.

    Solange in ARD oder ORF in Superabendshows die berühmten Schauspieler, Entertainer oder wer auch immer damit prahlen, dass sie von Mathematik nichts verstanden hätten und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) so berühmt und wichtig und reich seien, solange gelten Naturwissenschaftler als nicht ernst zu nehmende Nerds. Die Tochter eines Kollegen (Maschinenbauer) hat genau dies als Argument gebracht.

    Naturwissenschaftlern wird nichts verziehen, Journalisten dürfen sich jeden faux-pas erlauben- ich denke, sie sollten sich nicht an Dinge heranwagen, die sie nicht verstehen wollen. Welche Zeitung hat schon Naturwissenschaftler in der Redaktion? (Außer den Fachzeitschriften)

    • Markus Pössel Antworten | Permalink

      Genau um die Frage des Bildungsbegriffs und dessen, was daraus für den Umgang mit Wissenschaft folgt, geht es mir.

      Die Antwort auf die rhetorische Frage ganz am Ende fällt aber positiver aus, als hier suggeriert: Gute Zeitungen und Zeitschriften haben auch heute noch gut ausgebildete Wissenschaftsredakteure mit wissenschaftlicher Ausbildung. Und gerade die in meinem Beitrag kritisierte FAZ hat sich ja durchaus bemüht, naturwissenschaftliche Themen in ihr Feuilleton zu bringen also, verkürzt gesagt, in den Bereich der Zeitung, der dem Bildungsbürger noch am deutlichsten sagt, was zur Bildung gehört.

  18. Martin Huhn Antworten | Permalink

    Bildungsbürger, die nicht viel von Naturwissenschaft verstehen. Das an sich ist doch schon ein Widerspruch. Seit wann gehören die Naturwissenschaften nicht mehr zur Allgemeinbildung?

    Naja, es ist halt schon immer so gewesen. Wer gut laufen konnte, war der Liebling der Klasse und wer gut rechnen konnte, war ein Steber.

    Interessant ist die Diskussion hier. Defizite werden als solche nicht gesehen. Da wird wohl Allgemeinbildung mit Populärbildung verwechselt. Wobei ich nicht weiß, ob die Kultur-/Literatur-/Kunstbildung wirklich poplär ist.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Nicht der Läufer, sondern der humanistisch Gebildete ist immer noch das Mass. Wer die euorpäsche Kultur samt Geschichte kennt und einen überschaubaren Kanon an literarischen Werken verinnerlicht hat, ist eigentlich schon dabei und fällt bei gehobenem Party-Talk oder bei einem Bankett in besserer Gesellschaft nicht mehr unangenehm auf.
      Es geht eben auch und vor allem um einen gewissen Mindset, der Leute mit Bildung verbindet und der die Grundlage für manches belangloses oder auch interessantes Gespräch bilden kann. Das Problem mit den Naturwissenschaften, der Mathematik und den andern MINT-Fächner ist schon, dass diese Gebiete wohl auch einen bestimmten Mindset erzeugen, nur sind MINT-Leute oft nicht gerade die Unterhaltensten und selbst zwei Mathematiker mögen nicht viel Gemeinsames haben, wenn sie sich unterschiedlich spezialisiert haben. MINT-Leute wissen ja auch, dass ihr Gebiet nur selten ein gutes Gesprächsthema abgibt. Doch nicht selten hegen sie die Meinung, wenn es um gesellschaftlich relevante Entscheidungen gehe, dann müssten eigentlich sie das Sagen haben und nicht die Intellektuellen oder Leute mit einem klassischen Bildungshintergrund. Diese Überzeugung hat jedenfalls bereits mein Mathematiklehrer im Gymnasium sehr explizit vertreten. Er sah die Mathematik als Lebensschule, die zu klarem, logischen und schlussfolgerndem Denken verhilft. Etwas was er bei vielen Anderen, in der Öffentlichkeit Stehenden, zu vermissen meinte.

      • Markus Pössel Antworten | Permalink

        Die Gesprächsthema-Tauglichkeit variiert allerdings doch beträchtlich. Eine unter Astrophysikern weit verbreitete Erkenntnis lautet wie folgt: Angenommen, man wird in Zug oder Flugzeug vom Sitznachbar nach seinem Beruf gefragt. Wenn man sich den Rest der Reise angeregt unterhalten will, muss man "Astronom" sagen, wenn man seine Ruhe möchte, "Physiker".

        • Martin Holzherr Antworten | Permalink

          Richtig. Ein Astronom kann einem viel Interessantes erzählen. Klassisch humanistisch Gebildete geniessen aber beim Zusammentreffen zusäztlich noch in narzisstischer Weise die gemeinsame Gruppenzugehörigkeit. Das ist wie wenn man zusammen ins Militär gegangen ist - nur auf einer etwas höheren Stufe, denn im Gegensatz zum Militär kann man sein Leben lang sein humanistisches Wissen noch etwas erweitern und ausbauen - und der Andere versteht dieses neue Wissen immer noch, weil er die gleiche Basis hat.

          Jetzt fällt mir noch ein: Das gleiche gilt ja auch für Naturwissenschaftler. Auch alle Naturwissenschaftler haben ein gemeinsames Grundwissen, denn die Grundfächer und die Denkweise ist bei allen Naturwissenschaften ähnlich.

          Relativ wenig teilen aber die MINT-ler mit den Geistes- und Sozialwissenschaftlern. Kann es überhaupt eine übergreifende gemeinsame Bildung geben, die alle Gebildeten umfasst und mehr als ein bisschen Kulturwissen umfasst? Vielleicht wäre ein gemeinsames naturwissenschaftliches Weltbild oder mindestens die Kenntniss davon wirklich hilfreich.

  19. Martin Huhn Antworten | Permalink

    Hehe, vielleicht sollte die kleine Spamschutz Rechenaufgabe etwas komplizierter sein, dann würde es wohl einige Kommentare hier nicht mehr geben. ;-)

  20. harastos Antworten | Permalink

    Hi, (gutes Neues ...)
    Also, das mit dem Median verstehe ich nicht ganz. Der FAZ-Mensch hat doch (was die Mathematik betrifft) Recht. Die ArmutsQUOTE ändern sich doch wirklich nicht, wenn alle plötzlich 1000 € mehr kriegen. 5 Leute verdienen 1000 €, der Median ist 600 €. Und der eine von fünf, der 600 € verdient, ergibt eine Armutsquote von 20 %. Bei einem Verdienst von 2000 € liegt der Median zwar bei 1200 €. Aber der eine Arme, der unter 1200 € verdient, ergibt immer noch eine Armutsquote von 20%.
    Bin verwirrt. Allerdings ist das Jahr noch jung und ich noch immer verkatert ...

    • Markus Pössel Antworten | Permalink

      Äh - wie jetzt? Wenn vier Leute 1000 Euro bekommen und ein weiterer 600 Euro, dann ist der Median 1000 Euro, 60% davon sind in der Tat 600 Euro, und wenn man nicht kleinlich mit dem kleiner-gleich ist, haben wir in der Tat einen Armen, entspricht 20%.

      Wenn dieselben fünf jetzt aber alle 1000 Euro mehr bekommen, so die Voraussetzung, dann liegt der Median anschließend bei 2000 Euro, 60% davon sind in der Tat EUR 1200, aber der vormals Ärmste hat ja jetzt auch 1000 Euro mehr, also EUR 1600, und fällt nicht mehr unter die Armutsgrenze.

  21. Ute Treu Antworten | Permalink

    Hallo Martin, das könnte gut möglich sein. ;). Nach welchem Maßstab wird die Popularität der einzelnen Studienfächer gemessen? Viele Grüße Ute

  22. harastos Antworten | Permalink

    Beim Artikel von Niklas Maak zum Künstler Trevor Paglen (der sich im Übrigen gar nicht so schlecht liest) bin ich vor allem über ein wie ich finde merkwürdiges Sprachbild gestolpert. Er schreibt da von der "Unterseite des Mondes", an der die Reflexion stattfinde. Was bitteschön soll die Unterseite des Mondes sein? Er meint ja wohl die der Erde zugewandte Seite des Mondes.

  23. cassandra Antworten | Permalink

    "Seit wann gehören die Naturwissenschaften nicht mehr zur Allgemeinbildung?"

    Naturwissenschaften haben noch nie zur Allgemeinbildung gehört.
    Schau mal Quizzfragen in Fernsehshows an, wo es um sogenannte Allgemeinbildung geht. Je nach Niveau der Show sind es Fragen aus Oper und Literatur- oder Fußball.
    Fragen aus der Naturwissenschaft sind meist keine solchen: Was hat Frau Merkel studiert? war eine Frage- eine Frage, die ein guter Naturwissenschaftler aus zB Asien sicher nicht beantworten kann.
    Allgemeinbildung sind Fächer, die in Humanistischen Gymnasien unterrichtet werden.
    In Frankreich ist das anders, da gelten Mathematik und Naturwissenschaften viel mehr

    @ Martin Holzherr
    Meiner Erfahrung nach bevorzugt das sogenannte "Bildungsbürgertum" Latein um das "logische Denken" zu schulen.

    Irgendwie gelingt jenen Personen das logische Denken aber nicht wirklich, auch wenn sie Latein in der Schule gelernt haben. (Meine Erfahrung)

    "Wenn man sich den Rest der Reise angeregt unterhalten will, muss man "Astronom" sagen, wenn man seine Ruhe möchte, Physiker".

    Na da weiß ich wenigstens, was ich das nächste mal sage. :-)

    Ob Ich in einer Gruppe/Gesellschaft als ungesellig oder als extrovertiert und gesellig angesehen werde, hängt sehr stark von deren "Bildung" und Scheuklappen ab.

    Meine letzte Erfahrung: Sonnenflecken? "ach ich wusste nicht, dass es sowas gibt ???"
    Auf mein Angebot, dass wir uns die Flecken gerne anschauen könnten, was keinen Aufwand bedeutet- "ach nein, da hab ich keinen Bezug dazu"

    dann eben nicht :-(

  24. cassandra Antworten | Permalink

    in Österreich haben sie soeben das Wissenschaftsministerium abgeschafft- und die Finanzierung der Akademie der Wissenschaften zusammengestrichen

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