Deutscher und Jude zugleich: der Fall Kafka (eine Analyse des Deutschen im Spiegelbild der Literatur)

20. Januar 2014 von Yoav Sapir in Dichtung und Literarisches

Richten wir unser Augenmerk auf die Vorstellung von »deutscher« Literatur, so begegnet uns gleich die oben besprochene Problematik der Neubesetzung bzw. Überschreibung des »Deutschen«. Ist mit »deutscher« Literatur diejenige der Deutschen gemeint? Die (alle?) Literaturen, die in deutscher Sprache entstanden sind? Die Literatur, die in der »Bundesrepublik Deutschland« entsteht?

Da die BRD den Anspruch auf Deutschland erhebt und im offiziellen Sprachgebrauch das Adjektiv »deutsch« im nationalistischen Sinne verwendet, stellt sich die Frage, was eine »nationale« Literatur überhaupt bedeuten soll. Man denke etwa an die real existierende »Deutsche Nationalbibliothek« oder ihr israelisches Pendant, die »Jüdische Nationalbibliothek«.[1] Um den Rahmen dieses Textes nicht zu zersprengen, möchte ich hier keine Grundsatzdiskussion über das Konzept der nationalen Literaturen und die Existenzberechtigung einer »deutschen«, »jüdischen« oder »polnischen« Nationalbibliothek entfachen. Ich lasse mich und Sie vielmehr wahrnehmen, dass es in Leipzig und Jerusalem solche staatlichen Einrichtungen wirklich gibt. Das ist die Realität, mit der wir uns auseinander setzen müssen.

Man könnte dieses Problem aus so vielen theoretischen oder hypothetischen Perspektiven beleuchten, aber das Schicksal wollte es so, dass zurzeit, gerade wenn ich meine Gedanken niederschreibe [im Jahre 2012], ein aktueller Fall zur Diskussion steht, nämlich Kafkas Nachlass und die Frage, wo dieser aufbewahrt werden sollte: Sollte er in Israel bleiben, wo der Großteil sich momentan befindet, oder nach Deutschland, nämlich ans Deutsche Literaturarchiv in Marbach, verkauft werden?

Dieser Streit vollzieht sich in Israel im Prinzip als eine rechtliche Frage, aber auf die rechtlichen Aspekte möchte ich hier nicht eingehen, da sie nichts mit unserem Thema zu tun haben. Bei diesem Text, der ums Deutsche und Deutschland handelt, möchte ich die Diskussion auf die deutsche Seite fokussieren. Die Stimmen aus Deutschland, die manchmal auch in Israel Widerhall finden, behaupten, Kafka gehört als deutscher Schriftsteller eben nach Marbach, um dort neben anderen literarischen Größen der deutschen Literatur seinen Platz zu finden. Aber inwiefern war Kafka »Deutscher«?

Kafka war kein Bürger eines deutschen Nationalstaats. Man könnte meinen, er sei, weil eben in Prag, eigentlich in Deutschland geboren worden (und diese Interpretation unterstütze ich), aber dann haben wir mit einem pluralistischen Deutschlandverständnis zu tun, das wiederum nichts mit dem Deutschlandverständnis der BRD zu tun hat. Kafka war bisweilen im damaligen Deutschen Reich, nämlich in Berlin, aber zu Besuch – niedergelassen hat er sich hier nicht. Er ist also noch (wesentlich) weniger »deutsch« als Heinrich Heine »französisch«. Nichtsdestoweniger werden wir mit dem ziemlich absurden Versuch konfrontiert, Kafka rückwirkend einzudeutschen.

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Eine talmudische (und wohl allgemein-vernünftige) Regel besagt, dass demjenigen die Beweislast obliegt, der vom anderen etwas haben will, was sich eben (ob zu Recht oder zu Unrecht) im Besitz des anderen befindet. Hat Letzterer vom Ersteren etwas unterschlagen, so muss der Erstere beweisen, dass das umstrittene Objekt tatsächlich zweifelsohne ihm gehört. Im facettenreichen, vielschichtigen Fall Kafkas ist das keine leichte Aufgabe. Weil die deutsche Seite im Disput sich der Schwäche ihrer Position anscheinend bewusst ist, wird auch die Meinung vertreten, dass der Versuch der Jüdischen Nationalbibliothek, den Export des in Israel befindlichen Nachlasses Kafkas zu verhindern, schon deswegen abzulehnen sei, weil eine »Jüdische Nationalbibliothek« aus theoretisch-historischen Gründen keine Existenzberechtigung habe, jedenfalls nicht als ein staatliches Institut Israels, zumal Kafka ja kein Bürger Israels war.

Es sei dahin gestellt, ob die Originalschriften eines jüdischen Schriftstellers in einer jüdischen Nationalbibliothek keinen Platz haben dürften, denn man könnte ja tatsächlich meinen, das jüdische Volk existiere nicht (man denke etwa an das essayistische Buch von Shlomo Sand). Da wir hier aber mit Deutschland und dem Deutschen zu tun haben, stellt sich vielmehr die Frage: Inwiefern gibt es ein »deutsches Volk«? Sind eine »Deutsche Nationalbibliothek« und ein »Deutsches Literaturarchiv« berechtigt? Und was dürfte, grundsätzlich betrachtet, durch solche Einrichtungen beansprucht werden?

Wenn wir uns mit solchen Fragen befassen, ist der Fall Kafka ein exzellentes Lackmuspapier, das uns auch zeigt, wie aktuell diese Fragen, ja diese grundsätzliche Hinterfragung des Deutschen ist. Schließlich kommen wir nicht umhin, dass Kafka kein Deutscher war und kaum im damaligen deutschen Reich lebte. Neben dem Jüdischen hängt seine Person vielmehr mit dem Tschechischen bzw. Böhmischen sowie mit dem Österreichischen (im habsburgischen Sinne) zusammen als mit dem »Bundesdeutschen«. Das Einzige, was manchen in der BRD den Anspruch auf eine Germanisierung Kafkas ermöglicht, war seine Sprache bzw. die Sprache seiner Texte. Das bedeutet jedoch, wenn man es zu Ende denkt, notwendigerweise die Usurpation aller deutsch(sprachig)en Schriftsteller unter den bundesdeutschen Adler.

Was bedeutet ein solcher Ansatz etwa für die Österreicher (im heutigen Sinne)? Hat die Zweite Republik keine Berechtigung, ein Konstrukt ihrer eigenen Literatur zu pflegen? Warum »gehört« Kafka eher in die BRD bzw. nach Marbach[2] als nach Wien oder Prag? Das bundesdeutsche Pochen auf alles Deutsche, das sich am Beispiel der Person Kafka einfach sehr prägnant zeigt, ist ein Ausdruck der fortschreitenden Nationalisierung des Deutschen – trotz und vielleicht gerade zur Zeit einer europäischen Übernationalisierung (die psychologischen Fragen, die dieses Phänomen aufwirft, bedürfen einer gesonderten Studie).

Nun sind die oben genannten Alternativen, wie wir wissen, gewissermaßen hypothetisch, seitdem die Tschechen 1948 mit dem deutschen Erbe Böhmens und Mährens fertig wurden und solange die Österreicher ihre Identität aus der Abgrenzung zum großen Bruder als wichtigstem Bezugspunkt schöpfen und sich identitätsmäßig kaum bis gar nicht für das Jüdische am Österreichischen interessieren.[3] Da ich aber der nationalistischen Inanspruchnahme des Deutschen kritisch gegenüberstehe, möchte ich eine andere Perspektive auf diese Problematik vorschlagen: Deutsch als jüdische Sprache.

***

Freilich haben viele Sprachen einen sehr engen Zusammenhang mit einem bestimmten Volk, so etwa das Polnische mit den Polen und das Hebräische mit den Juden. Aber an sich lässt sich keine Sprache in Besitz nehmen. Je nach historischer Entwicklung und politischer Stellung kann eine Sprache auch zum Erbe anderer Völker werden. Vor allem im Rahmen der habsburgischen »Kultursendung« wurde die deutsche Sprache internationalisiert, sie wurde zu einer Lingua franca in Zisleithanien und anderen Teilen Mittel- und Osteuropas und war folglich nicht mehr die Sprache der Deutschen allein.

Diese Entwicklung – die beherzigende Annahme der deutschen Sprache durch Nichtdeutsche – trifft m. E. vor allem auf jüdische Kreise, weniger auf tschechische, ruthenische etc. zu. So wurde das Hochdeutsche, obwohl ursprünglich keine jüdische Sprache wie Hebräisch, Jiddisch oder Jüdisch-Arabisch, auf diese dialektische Weise zu einem jüdischen Mittel, Teil des jüdischen Diskurses in der Moderne, nicht unähnlich der heutigen Funktion des Englischen in manch jüdischen Kreisen.

Normalerweise wird dieses scheinbar symbiotische Phänomen auf eine enge Bedeutung reduziert, nämlich auf den jüdischen Beitrag zur deutschen Kultur. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille und, was die soziale Wirklichkeit dieser jüdischen Kreise und die nicht stattgefundene Symbiose (es sei auf Gerschom Scholem hingewiesen) angeht, die weniger wichtige der beiden Seiten. Die andere, ja die Vorderseite im Lichte der damaligen Rezeption bestand darin, dass diese jüdischen Kreise, welche – bis zu einer gewissen, konfessionsbedingten assimilatorischen Grenze – deutsche Sprache und Kultur angenommen haben, haben auf diese Art und Weise, d. h. in deutscher Sprache, das Jüdische bereichert. Wenn ich als Nichtdeutscher, ja als Jude diesen Text auf Deutsch schreibe, so möchte ich mich in dieser Tradition sehen – ohne auf die andere Seite der Medaille zu verzichten, aber im Bewusstsein, von einer doch auch jüdischen Sprache Gebrauch zu machen.

Von meinem damaligen Betreuer, Moshe Zimmermann, habe ich gelernt, dass jede Erkenntnis auch auf Vergleiche (»was nicht mit Gleichsetzung zu verwechseln ist!«, ertönt seine Stimme noch in meinem Kopf) zu stützen ist. Ich bitte Sie also, sich die heutige Lage des Englischen vor Augen zu führen, das ja aufgrund seiner historischen Entwicklung nicht mehr auf die Engländer beschränkt ist, oder etwa die weltweite Lage des Französischen, das nicht mehr ausschließlich die Sprache der Franzosen ist. Nun hat sich die Geschichte im deutschen Fall leider so entwickelt, dass Deutsch außerhalb deutscher Lande eine nur noch recht marginale Rolle spielt und tatsächlich »die Sprache der Deutschen« ist. Früher war es aber anders und das dürfen wir nicht vergessen, wenn wir über Kafka diskutieren. Nicht trotz, sondern gerade wegen seines Gebrauchs der deutschen Sprache war Kafka Teil eines sehr jüdischen Phänomens zur damaligen Zeit; kein deutscher, sondern ein jüdischer Schriftsteller in deutscher Sprache.

Ja, Deutsch als jüdische Sprache – auch das gehört zur Emanzipation des Deutschen (und Deutschlands) von der BRD. Das mag vielleicht allzu optimistisch klingen. Viele Juden werden mir deswegen vorwerfen – und zwar (aus ihrer Sicht) zu Recht –, einen etwas verklärten Blick aufs Deutsche zu haben. Denn wie kann das Deutsche nach »Auschwitz« wieder eine jüdische Sprache sein? Aber das ist nun mal unser Erbe. Wir können entweder Kafka (und viele andere natürlich, denn Kafka dient hier ja nur als ein aktuelles Beispiel) aus den Anthologien, Sammlungen und Bibliotheken der jüdischen Literatur entfernen – oder akzeptieren, dass Deutsch auch eine der jüdischen Sprachen ist. Haben wir Juden nicht den Mut, den Anspruch auf unser eigenes Erbe zu erheben und der bundesdeutschen Kulturusurpation der Stirn zu bieten? Ich zumindest möchte mir das Deutsche nicht wegnehmen, von der BRD und ihren Vertretern beschlagnahmen lassen. Darum spreche ich hier von der Emanzipation des Deutschen von der BRD. Das Deutsche – und somit auch Deutschland – besteht eben, obwohl natürlich nicht in erster Linie, so doch auch in und aus »Nichtdeutschen« (und dazu möchte ich nicht nur Kafka, sondern auch mich selbst zählen).[4]

***

Das Marbacher Literaturarchiv ist für die BRD zwar von nationaler Bedeutung, an sich aber keine nationale Einrichtung (es befindet sich in Trägerschaft der Deutschen Schillergesellschaft e. V.). Wesentlich wichtiger ist darum eine andere Einrichtung, die in puncto Kultur tatsächlich den Staat repräsentiert und in seinem Auftrag agiert, nämlich das Goethe-Institut. Beim Anblick dieser Selbstbetitelung taucht vor meine Augen sofort die Frage auf: War Goethe »Deutscher«?

Goethe lebte lange vor der Gründung der BRD, des Gemeinwesens also, dessen unfreiwilliger Kulturrepräsentant seine Person bzw. sein Name geworden ist. Auch die Gründung eines deutschen Nationalstaates im Januar 1871 hat er ebenso wenig erlebt wie die erste Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Als Untertan verschiedener Herrscher, war das Deutschland, das Goethe kannte, trotz aller Wandel vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation über die Interimszeit der napoleonischen Herrschaft bis hin zum Deutschen Bund der Restaurationszeit (was an die bayrische Vorstellung vom »Bund deutscher Länder« erinnert, die 1949 vom parlamentarischen Rat leider abgelehnt wurde) zeit seines Lebens ein mehrstaatliches, pluralistisches, ja ziemlich verschwommenes, keineswegs leicht zu definierendes Gebilde.

Inwiefern war Goethe also nicht nur ein Schriftsteller in deutscher Sprache, sondern ein »deutscher« Schriftsteller? Nun, die ersten Punkte, die mir einfallen, lauten: Er lebte an Orten, die sich damals als deutsch betrachteten; diese Orten befinden sich heute auf dem geographischen Gebiet, das zur »Bundesrepublik Deutschland« gehört; er war Untertan von Herrschern, deren Fürstentümer bzw. Staaten sich später zu einem deutschen Nationalstaat zusammenschlossen; und nicht zuletzt – und darauf kommt es wohl an – sah er sich selbst, völlig abgesehen und unabhängig vom noch nicht geborenen Nationalstaat, als Deutscher an und – was noch wichtiger ist – wurde von seiner damaligen Umgebung wie auch von späteren Generationen ebenfalls als solcher gesehen (ganz wie Kafka, der zwar kein Deutscher war, aber auch ohne den jüdischen Nationalstaat sich als Jude verstand und auch von anderen, etwa in der jüdischen Unterkunft in Berlin-Mitte, als solcher angesehen wurde).

Ja, Goethe war Deutscher, in jeder Hinsicht und jedem Sinne vielleicht, außer in einem; denn im Sinne des Grundgesetzes war er keiner, ebenso wenig wie Kafka ein Bürger des modernen jüdischen Staates war (wobei es zwischen Kafkas Tod und der Gründung Israels immerhin wesentlich weniger Abstand gibt als zwischen Goethe und der BRD).

***

Darf also die BRD mit Goethe prunken? Wer soll das verbieten. Kann die BRD so etwas machen? Offensichtlich schon, wenn genug Leute an dieses Konstrukt glauben. Aber unproblematisch ist es nicht, genauso wie die Vorstellung von der »deutschen« Literatur überhaupt. Darum müssen wir das Deutsche hinterfragen, das gängige Deutschlandbild anzweifeln. Wenn ich mich zum Abschluss dieser Untersuchung doch zu einer Feststellung durchringen muss, dann lautet diese, dass der Anspruch der BRD und deren Einrichtungen auf Goethe, den Deutschen, ebenso zweifelhaft ist wie ihr Anspruch auf Kafka, den Juden.

 

 


[1] Aus der Website der dortigen Nationalbibliothek: »The Jewish National and University Library serves a threefold purpose: it is the National Library of the State of Israel, the National Library of the Jewish People, and the Central Library of the Hebrew University. […] [I]t collects books, periodicals, manuscripts, documents, recordings, maps, and pictures that reflect or represent the history of the Jewish people and its culture with no distinction as to orientation, purpose, importance or age level, encompassing all aspects of Jewish life and cultural expression: history, biography, language, education, religion, folklore, philosophy, belles lettres, art, recreation, and so on.« (s. http://jnul.huji.ac.il/eng/history.html)

[2] Dem Marbacher Archiv muss man zugute halten, dass es – ganz im Sinne eines deutschen Archivs – tatsächlich auch die Nachlässe manch österreichischer Schriftsteller enthält (z. B. Ilse Aichingers). Zudem ist Kafka nicht der einzige Nichtdeutsche, der da (teilweise bzw. ganz) seinen Platz findet – Mascha Kaléko sei hierfür ein Beispiel.

[3] Die wichtigste Ausnahme hiervon ist wohl Kurt Schubert (1923-2007), der Begründer der Wiener und überhaupt österreichischen Judaistik, mit dem ich glücklicherweise vor seinem Tode, bei einem seiner Aufenthalte in Israel, das Österreichische besprechen konnte.

[4] Hier stellt sich die komparative Frage, ob das Jüdische ebenfalls auch in und aus Nichtjuden besteht. Die Antwort hierauf lautetet meines Erachtens: Ja, wenn auch (noch) nicht in einem ähnlichen Umfang wie im deutschen Fall. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der arabische Schriftsteller Sayed Kashua, dessen exzellente Bücher sich an das jüdische Publikum in dessen Sprache wenden. Kashua, der im Gegensatz zu den meisten Arabern in Israel gerade das jüdische Schulwesen absolvierte, sagte mal, seine Arabischkenntnisse sind nicht gut genug, um seine Bücher auf Arabisch (und nicht auf Hebräisch) zu schreiben. Auch das erinnert an Kafka, der als Jude zwar Hebräisch lernte, aber seine Texte niemals hätte in einer anderen Sprache schreiben können als auf Deutsch.

 


In eigener Sache: Jewish Heritage Tours in Berlin



23 Kommentare zu “Deutscher und Jude zugleich: der Fall Kafka (eine Analyse des Deutschen im Spiegelbild der Literatur)”

  1. Horst Antworten | Permalink

    Nichts gehört dem "Einzelnen" allein! Sogar seine Gedanken nicht, weil diese immer in Abhängigkeit von Umwelt und "Gemeinschaft" geprägt wachsen - leider entarten sie aufgrund unserer systematischen Kreisläufe immer wieder eskalierend.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Ich wiederhole meine letzte Bemerkung - dass ich deine Kommentare kaum verstehen und die Bezüge zu meinen Texten kaum nachvollziehen kann... :(

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Kafka ist nicht nur ein deutschsprachiger Schriftsteller, seine Werke gehören sogar zum Kanon der deutschen Literatur (und zugleich zum Kanon der Weltliteratur).
    Sicher ist Kafka auch ein jüdischer Schrifsteller. Im Streit um seinen Nachlass - gehören seine Werke in die deutsche oder in die jüdische Nationalbibilothek - geht es also letztlich darum ob Kafka mehr Jude als deutschsprachiger Schrifsteller ist. Diese Frage stellt sich nur deshalb, weil seine Werke nicht zugleich in der deutschen und der jüdischen Nationalbibliothek sein können.
    Allenfalls könnte man noch zugunsten der jüdischen Nationalbibliothek einwenden, Kafka sei zwar deutschsprachiger Schrifsteller, aber sicher kein deutscher Schrifsteller, schreibt doch Kafka an Milena: ".. ich habe niemals unter deutschem Volk gelebt, Deutsch ist meine Muttersprache und deshalb mir natürlich, aber das Tschechische ist mir viel Herzlicher, deshalb zerreisst Ihr Brief manche Unsicherheiten, ...."
    Wobei diese Textstelle sogar erlauben könnte Kafka als tschechischen Schrifsteller zu sehen. Er verstand Tschechisch jedenfalls sehr gut, fühlte sich aber doch zuwenig sicher darin, um umfangreichere tschechische Texte zu schreiben.
    In den Briefen an Milena liest man auch:

    Dann das Judentum. Sie fragen mich ob ich Jude bin, vielleicht ist das nur Scherz, vielleicht fragen
    Sie nur ob ich zu jenem ängstlichen Judentum gehöre, jedenfalls können Sie als Pragerin in dieser
    Hinsicht nicht so harmlos sein wie etwa Mathilde, Heines Frau. ...

    Jedenfalls scheinen Sie keine Angst vor dem Judentum zu haben.
    Das ist auf das letzte oder vorletzte Judentum unserer Städte bezogen etwas Heldenhaftes ...

    Kafka hat zweifelsohne eine starke jüdische Identität. Doch zugleich ist er auch ein Unbeheimateter. Es ist schwierig zu sagen was wichtiger ist: Die Sprache in der er schreibt, das Land in dem er lebt oder seine jüdische Herkunft.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Erst mal danke für den guten Kommentar.

      Was ich im obigen Text zu beleuchten versucht habe, war ja zweierlei:
      1. Ob "deutsch" notwendigerweise auf die BRD verweisen muss (wäre eine deutsche Nationalbibliothek in Prag undenkbar und wenn ja, warum?)
      2. Ob Deutsch als Sprache nicht auch als eine der jüdischen Sprachen verstanden werden kann (tatsächlich beschränkt sich die jüdische Nationalbibliothek nicht auf Texte in den "typisch jüdischen" Sprachen)

      Vor diesem Hintergrund verstehe ich nicht ganz, warum es darauf ankommen sollte, "was wichtiger ist" bzw. "ob Kafka mehr Jude als deutschsprachiger Schriftsteller ist", wie du schreibst. Ich würde sagen: ein deutscher Schriftsteller (was nichts mit dem deutschen Volk oder mit dem deutschen Staat zu tun hat) und ein jüdischer Schriftsteller zugleich - ohne Konkurrenz zwischen beiden Eigenschaften, weil sie sich auf zwei verschiedenen Ebenen abspielen (etwa das Wie und das Was).

      Die Frage danach, was er "mehr" war, erinnert mich an einen jüdischen Witz, der so lautet:

      Ist ein Krokodil länger oder grüner?

      Die Antwort: grüner, denn grün ist er sowohl in die Länge als auch in die Breite.

      Ich erzähle diesen "Witz", weil es im Prinzip keinen Widerspruch oder keine Konkurrenz gibt zwischen dem Grünsein und dem Langsein des Krokodils. Und so verhält es sich, oder sollte es sich verhalten, mit der deutschen Sprache und dem Judentum. Mit anderen Worten: Die Frage, was Kafka "mehr" war, geht von der (unbewussten?) Prämisse aus, dass Deutsch keine jüdische Sprache ist oder sein kann. Und genau diese Prämisse wollte ich mit dem obigen Text infrage stellen.

  3. Paul Stefan Antworten | Permalink

    "Deutsch" muss sich keineswegs nur auf Deutschland, schließlich ist es Schriftsprache in der Schweiz und in Österreich, wo es auch Literatur in dieser Sprache gibt und es gibt noch kleine Reste deutscher/deutschsprachiger Bevölkerung in verschiedenen Ländern.
    Eine deutsche Nationalbibliothek in Prag kann ich mir nicht vorstellen, weil sich das tschechische Nationalbewusstsein in Abgrenzung vom österreichischen und deutschen formiert hat. Das ging soweit, dass rückwirkend die deutschsprachigen Vornamen von bedeutenden Persönlichkeiten eingetschecht wurden. Inzwischen wird das deutsche Erbe wieder aufgenommen, es gibt z.B. Ausstellungen zu deutschböhmischen Künstlern und inzwischen auch ein Kafka-Museum.
    Kafka war kein deutscher Schriftsteller, er war deutschsprachiger Schriftsteller. Vielleicht sollte man sich die Mühe machen, das längere Wort zu benützen, damit es keine Missverständnisse gibt. Es könnte durchaus sein, dass er damals von deutschnationalen Pragern als Jude ausgegrenzt wurde.
    Das ist ja die Crux des Nationalismus, dass er dazu neigt, angeblich andere konkurrierende Identitäten auszuschließen.
    Ich habe kein Problem mit Deutsch als jüdischer Sprache.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Ich erblicke in deinem Kommentar einen Widerspruch, nämlich dann, wenn du einerseits sagst:

      "Deutsch" muss sich keineswegs nur auf Deutschland [verweisen] [ich nehme an, dass du hier mit "Deutschland" die BRD als deutschen Nationalstaat meinst]

      Aber andererseits:

      Kafka war kein deutscher Schriftsteller, er war deutschsprachiger Schriftsteller

      Verstehst du, was ich meine?

      Dann schreibst du:

      Vielleicht sollte man sich die Mühe machen, das längere Wort zu benützen, damit es keine Missverständnisse gibt

      Aber was steckt hinter dem längeren Wort, hinter dieser Differenzierung? Eben die Prämisse, dass "Deutsch" den "Deutschen" gehört. Schau mal hier rein:
      http://www.scilogs.de/un-zugehoerig/deutschland/
      Und ich möchte daraus die relevanteste Stelle zitieren:

      Die amtliche Inanspruchnahme »Deutschlands« durch die letztendlich von den Westalliierten errichtete Bundesrepublik diente wohl nicht zuletzt der Legitimierung des neuen Staates als einzigen Rechtsnachfolgers des Deutschen Reichs (im Gegensatz zu den anderen Nachfolgestaaten: der DDR und der Zweiten Republik Österreich). Doch für die Bedeutung von »deutsch« hat sie schwerwiegende Konsequenzen herbeigeführt: Infolge der Inanspruchnahme hat sich in den darauf folgenden Jahrzehnten eine Differenzierung zwischen »deutsch« und »deutschsprachig« durchgesetzt, die den Nationalismus in sich birgt, ja aus diesem hervorgeht (»Deutscher« kann demnach nur sein, wer dem vermeintlichen Nationalstaat angehört und höchstens auch wer diesem laut dem Bundesvertriebenengesetz angehören darf und will). Dass etwa 1983 in Belgien die »Deutsche Kulturgemeinschaft« in die »Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens« umbenannt wurde, ist nicht zuletzt auch vor diesem Hintergrund zu verstehen.

      Und weil ich diesem Nationalismus, dieser Inanspruchnahme Deutschlands und des Deutschen widerstrebe, sage ich: Kafka war (u. a.) ein deutscher Schriftsteller.

      • Paul Stefan Antworten | Permalink

        Bei ersten Wort "deutsch" dachte ich gerade an die, die man früher "Volksdeutsche" genannt hat, im Unterschied zu den sog. "Reichsdeutschen".

        "Infolge der Inanspruchnahme hat sich in den darauf folgenden Jahrzehnten eine Differenzierung zwischen »deutsch« und »deutschsprachig« durchgesetzt, die den Nationalismus in sich birgt, ja aus diesem hervorgeht (»Deutscher« kann demnach nur sein, wer dem vermeintlichen Nationalstaat angehört und höchstens auch wer diesem laut dem Bundesvertriebenengesetz angehören darf und will). "

        Ich denke nicht, dass dahinter ein Nationalismus steckt, sondern eher die Sorge davor, dass die Staaten, in denen "Volksdeutsche" wohnen, keine Ansprüche Deutschlands fürchten müssen (ich konnte aber nicht den ganzen Text lesen).
        Die Nachbarn Ungarns sind nicht so begeistert, dass die Auslandsungarn die ungarische Staatsbürgerschaft erhalten können.
        Das Sudetengebiet wurde von Hitler annektiert, weil dort Deutsche wohnten: "Heim ins Reich", dabei haben die sogenannten sudetendeutschen Gebiete immer zu Böhmen gehört, waren nie einem deutschen Staat entfremdet worden.

        Kafka nenne ich deutschsprachig, weil er meines Wissen sich nicht als ein expliziter Deutschen bekannt hat, was in Prag auch möglich gewesen wäre. Aber vielleicht war es ihm unter solchen Leuten zu nationalistisch? Vielleicht wollte er sich nicht in die deutsch-tschechische Auseinandersetzung hineinziehen lassen? Als Jude wurde er möglicherweise von vielen Prager Deutschen nicht als Deutscher akzeptiert. Wenn auch Deutsch seine Muttersprache war, beherrschte er auch Tschechisch, was für seinen Beruf nach der Unabhängigkeit von Bedeutung war. Die deutsche Sprache war nur ein Identitätsmerkmal von Kafka, kein ausschließliches. Deswegen möchte ich nicht sagen, dass er "deutsch" war.
        Aber wie ich sehe, hat sich jetzt ein "(u.a.) deutscher" Schriftsteller eingeschlichen.

        Worte, Begriffe, Definitionen, vor allem juristische, legen schnell Dinge fest, die nicht völlig festzulegen sind. Und soziale Gruppen neigen zu Ausgrenzungen.

        • Yoav Sapir Antworten | Permalink

          Zu Kafkas Zeiten war "deutschsprachig" noch kein Modewort wie heute. Es gab "reichsdeutsch" vs. "deutsch", nicht "deutsch" vs. "deutschsprachig".

          Diese Sorge, die du vermutest, ist derselbe Einheitswahn wie früher, der keinen Pluralismus duldet, kein Deutsches außerhalb Deutschlands. Früher wollte man Deutschland soweit erweitern, dass alles Deutsche darin seinen Platz findet. Nun geht es darum, das Deutsche so eng zu definieren, dass es sich nirgendwo sonst manifestieren kann außer in der BRD. Wie sagte Korff 1949 im Parlamentarischen Rat? "Deutschland braucht nicht mehr zu entstehen, Deutschland ist!" - Hitler mag im Krieg verloren haben, doch in den Köpfen hat er gewonnen.

          • Paul Stefan | Permalink

            "Deutschsprachig" war früher unüblich, weil die Verhältnisse anders waren. Andere Umstände, andere Wörter. Es gibt in Europa kaum noch "Volksdeutsche".

            Die Vernichtung der mittel- bis osteuropäischen Mischkulturen ist eine kulturelle Katastrophe, aber ich wünsche mir auch nicht den aggressiven Nationalismus des langen 19. Jahrhunderts zurück. Man kann das Rad der Zeit auch nicht zurückdrehen.

            "Diese Sorge, die du vermutest, ist derselbe Einheitswahn wie früher, der keinen Pluralismus duldet, kein Deutsches außerhalb Deutschlands."

            Es geht nicht um "Einheitswahn", sondern um Rücksicht auf Empfindlichkeiten der Nachbarn. Vor nicht allzu langer Zeit konnte es schon als Revanchismus ausgelegt werden, wenn man Breslau statt Wroclav und Danzig statt Gdansk sagte. Inzwischen gibt es mehr Vertrauen in Deutschland, die östlichen Nachbarn sehen, dass wir nicht wieder einmarschieren. Aber in Krisenzeiten werden die alten Feindbilder schnell wieder ausgegraben, siehe Griechenland.

            Ja, es wäre schön, wenn wir alle so tolerant und offen wären, dass wir keine Problem mit eigenen und anderen Gruppenidentitäten hätten. Aber so funktioniert der Mensch halt nicht. Griechenland liegt im Streit mit Makedonien wegen des Namens, für die meisten Deutschen ist das wohl unverständlich.
            Wenn sich Österreicher zu ihrem Deutschtum bekennen möchten, wird die BRD bestimmt keinen diplomatischen Protes einlegen, großdeutsche Bemühungen wrid die BRD aber nicht unterstützen.

            "Hitler mag im Krieg verloren haben, doch in den Köpfen hat er gewonnen." Das ist eine polemische Überinterpretation. Zu Hitlers Ideologie gehörte mehr als nur "Großdeutschland".

          • Yoav Sapir | Permalink

            Diese "Rücksicht", von der du sprichst, ergibt nur Sinn, wenn man von gewissen Prämissen ausgeht. Nämlich, dass der bzw. das Deutsche im Osten "an sich" schon bedrohlich sei, also dass es schon deswegen zum deutschen Staat gehöre, weil es "deutsch" ist (und eben nicht nur "deutschsprachig"). Ich bestreite natürlich sind, dass es Gründe gibt, diese Prämissen gelten zu lassen - diese Sichtweise kritisiere ich selber, wenn auch anders als du. Ich meine vielmehr, dass sie nicht unbedingt so aufgefasst werden soll.

            Nehmen wir Lwiw als Beispiel: Nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Jiddisch heißt die Stadt "Lemberg". Aber das Jiddische bzw. Jüdische Lemberg stellt für Lwiw keine Bedrohung dar, weil keiner würde auf die Idee kommen, dass das jüdische Lemberg von einem, geschweige denn *dem* jüdischen Staat einverleibt werden sollte (mal abgesehen vom Verschwinden der örtlichen Juden, was ja letzten Endes auch auf die örtlichen Deutschen zutrifft).

            Vor diesem Hintergrund kommen wir nun auch zum Österreichischen: Zunächst ist natürlich nicht jeder Österreicher deutsch. Aber die eigentliche Frage ist, warum du beim deutschbewussten Österreicher sofort an die BRD denkst. Woher rührt diese bis zum Automatismus konditionierte Assoziation bzw. Verknüpfung von "deutsch" mit der BRD oder überhaupt mit einem Staat, geschweige denn mit einem einzigen Staat?

            Ein *unabhängiges* Österreich ist kein Widerspruch zum Deutschsein, zum deutschen Bewusstsein oder, wie du schreibst, zum Deutschtum. I'm Gegenteil: Die Unabhängigkeit Österreichs, gerade diese zu Unrecht verworfene Kleinstaaterei, lässt das Deutsche zur Geltung kommen.

            Was ich mit alledem verdeutlichen will, ist Folgendes:

            Deutschland muss nicht *ein* Staat sein. Deutschland muss nicht einmal ein *Staat* sein bzw. so aufgefasst werden. Heute wird Deutschland fast immer nur im Rahmen dieser kleinen Rubrik verstanden (z. B.: Deutschland und Mexiko), aber das ist allenfalls ein Aspekt, eine Reduzierung, die überhaupt nicht notwendig ist und zu der es auch Alternativen gibt (z. B.: Deutschland und Juda; Deutschland und Rom).

            Dass es heute in den Köpfen der Menschen trotzdem kaum anders geht, dass uns heute diese reduzierte, vereinheitlichte, homogene Auffassung von Deutschland alternativlos erscheint, ist nicht zuletzt auch Hitler bzw. seiner Zeit zu verdanken - und das ist es, was ich mit dieser Andeutung gemeint habe. Hätten 1949 Korff und seinesgleichen im Parlamentarischen Rat sich nicht durchgesetzt, wäre damals kein Staat entstanden, der den Anspruch auf Deutschland erhebt, sondern ein "Bund deutscher Länder", wie es die anderen wollten, die im Parlamentarischen Rat leider in der Minderheit waren.

            Zur weiteren Lektüre: http://www.verfassungen.de/de/de49/chiemseerentwurf48.htm

            PS. Wegen eines technischen Problems kann man auf meine Antwort nicht mehr "antworten" - stattdessen kann man unten einen ganz neuen Kommentar schreiben.

  4. Karsten Kruschel Antworten | Permalink

    Die Deutsche Nationalbibliothek (die übrigens auch am Standort Frankfurt/Main existiert) definiert ihre Arbeit eben nicht an deutschen Staatsgrenzen. Ihr Sammelgebiet ist das lückenlose Sammeln aller "deutschen und deutschsprachigen Publikationen ab 1913, im Ausland erscheinende Germanica und Übersetzungen deutschsprachiger Werke sowie die zwischen 1933 und 1945 erschienenen Werke deutschsprachiger Emigranten".

    In diesem Sinn war Kafka Deutscher.

      • Karsten Kruschel Antworten | Permalink

        ;-)
        Einiges.

        Dazu paßt ja auch der (heute) weitgehend verdrängte Fakt, daß die österreichische Nationalversammlung sich nach dem 1. Weltkrieg für einen Anschluß an Deutschland ausgesprochen hatte. Woraufhin die Allierten ein Vereinigungsverbot in die Versailler Verträge aufnahmen (und im März 1938 einen weiteren Grund gehabt hätten, Hitler rechtzeitig in den Arm zu fallen).

        • Yoav Sapir Antworten | Permalink

          Die (Deutsch-)Österreicher durften 1918/1919 sogar nach Weimar Vertreter schicken. Diese Einzelheiten habe ich hier, wie ich glaube, auch schon mal besprochen, aber ich finde es nicht.

          Jedenfalls: Wären die Alliierten damals nicht so dumm gewesen, wäre es höchstwahrscheinlich gar nicht zu Hitler kommen können. Das ist zwar nur eine kontrafaktische Hypothese, aber m. E. wird die Österreichproblematik tatsächlich weit unterschätzt, wenn es heute darum geht, das Phänomen Hitler zu verstehen.

  5. Zoran Jovic Antworten | Permalink

    Sollte Kafka sich als Österreiche gefüllt haben, dann als Deutschösterreicher, dann wäre er nicht nur deutschsprachig sondern auch deutsch im Sinne einer Volkszugehörigkeit gewesen. Es gibt zu dieser Zeit keine österreichische Volkszugehörigkeit oder Identität außerhalb des Deutschtums. Zwar mach ich mich damit in meiner Heimat (lebe in Wien als echter Tschusch, wie man die jugoslawischen Einwanderer hämisch nannte) nicht grade beliebt aber so sieht es aus. Viele Dinge spielen bei der Entwicklung eine Rolle, zwei Staaten, Österreicher sind Opfer des deutschen Nationalismus ergo sind Österreicher keine Deutsche, ein sehr starkes gesellschaftliches Tabu, würde ein Österreicher sagen ich fühle mich als Deutscher wäre der Nazivorwurf sehr schnell da, dies machen auch nur Leute aus der FPÖ (einer rechten Partei). Auch der Trend aus den USA die Nation mit den Staatsgrenzen zu identifizieren, und nicht ethnisch. Wohl auch ein Problem warum die USA bei ihrem Nationbuilding überall scheitern. Sie glauben, dass alle Afghanen Afghanen sind und nicht Paschtunen, Tadschiken oder Usbeken. Ähnliches in Afrika. Aber in Europa und grade bei den Deutschen scheint es sich durchgesetzt zu haben, die Nationendefinition. Aber alle diese Entwicklungen sind erst da als Kafka schon Tod ist. Erste Ansätze in der 1. Republik.

    Wär sich so ein Nationbilding aus der Nähe ansehen will kann mit Montenegro und Moladwien dies live erleben.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Das ist richtig. Allerdings ist das US-Modell wirklich "primitiv" bzw. eindimensional. Die Amerikaner sind so ein Salat aus der ganzen Welt, dass sie keine besonderen oder komplexeren Beziehungen kapieren können. Für sie ist Afghanistan tatsächlich eine Art Mexiko. Aber hier in Europa ist es ganz anders. Ungarn sich kann z. B. keineswegs so zum heutigen Rumänien verhalten wie es sich etwa zu Mexiko verhält. Österreich ist eine unabhängige Nation und das ist auch gut so. Aber es verhält sich zur BRD ebenfalls ganz anders als zu Mexiko. Auch das ist nicht anders möglich, weil die Beziehungen in Europa mehrdimensional sind, was schließlich darauf zurückgeht, dass auch die Völker in Europa mehrdimensional sind keine rein fingierte Reisepass-Produkte wie die Amerikaner (zumindest die meisten Völker... also abgesehen von Belgien etc.).

  6. Christoph Deblon Antworten | Permalink

    Der Standart-Sammelauftrag einer Bibliothek, die sich als "Nationalbibliothek" versteht, ist folgender:

    - Möglichst vollständig alle im jeweiligen Land erschienen Veröffentlichungen, unabhängig von der Sprache (die DNB (Deutsche Nationalbibliothek) sammelt also auch eine in Deutschland erschienene englischsprachige Veröffentlichung)

    - Möglichst vollständig alle weltweit in der jeweiligen Landessprache erschienenen Veröffentlichungen (die DNB sammelt also beispielsweise in den USA erschienene deutschsprachige Veröffentlichungen)

    - Möglichst vollständig alle weltweit erscheinenen Übersetzungen aus der jeweiligen Landessprache

    - Möglichst vollständig alle weltweit das jeweilige Land betreffenden Veröffentlichungen (also bei der DNB die "Germanica")

    - in einer relevanten Auswahl im Ausland erschienene Nicht-deutschsprachige Veröffentlichungen.

    Dieser Auftrag bezieht sich nur auf _Veröffentlichungen_ (also z.B. gedruckte Bücher), die es typischerweise in vielen Exemplaren gibt, nicht aber auf Nachlässe und dergleichen, so daß Kollisionen mit den Sammelaufträgen anderer Bibliotheken nicht auftreten.

    Von diesem Standart-Sammelauftrag gibt es natürlich Abweichungen, so sammelt die Nationalbibliothek der Schweiz natürlich nicht alles deutsch-, französisch-, italienischsprachige, da hätte sie viel zu tun. Analoges gilt für Österreich.

    Die Sonderbestimmung betr. Emigranten bei der DNB ermöglicht es, daß auch ein englischsprachiges, in den USA erschienenes Buch eines deutschsprachigen Emigranten gesammelt werden kann.

    Bei der DNB Frankfurt/Leipzig gibt es noch die Besonderheit, daß die Sammlung ausländischen Schrifttums (letzter Punkt oben) _nicht_ zu ihrem Sammelauftrag gehört (das ist die Aufgabe vornehmlich der Staatsbibliothek in Berlin sowie sogenannter "Sondersammelgebiete" an anderen Bibliotheken) - früher hieß die DNB deshalb auch nicht "Nationalbibliothek".

    Die Hauptbegriffe des Sammelauftrags der DNB sind also "in Deutschland erschienen", d.h. bei einem in Deutschland ansässigen Verlag oder Kommissionsverlag erhältlich, sowie "deutschsprachig". "Deutsch" kommt nicht vor und ist auch nicht gemeint.

    In der Nationalbibliothek Israels spielt bei der Definition des Sammelauftrages auch der Begriff "jüdisch" eine Rolle, der weder eine Sprache noch ein Land meint. Das ist eine spezielle Erweiterung des Standarts, die natürlich völlig legitim ist.

    Bei Nachlässen und dergl., die nur "einmal" existieren, kann es natürlich zu Interessenskonflikten zwischen den sammelnden Institutionen kommen. Wenn man also sowohl in Marbach wie in Israel am Nachlaß Kafkas interessiert ist, so ist das völlig normal und undramatisch. Es wäre auch legitim, wenn sich in den Niederlanden ein Institut gründete, das Nachlässe friesischsprachiger Schriftsteller sammelte, und damit auch die in Deutschland lebenden meinte. Wieviel Erfog sie bei der Sammlung haben, ist eine andere Frage.

    Im Falle Kafka ist also weder aus dem Sammelauftrag der DNB noch aus dem Interesse Marbachs eine Meinung dazu zu erschließen, ob Kafka "Deutscher" war. Das interessiert die Bibliotheken überhaupt nicht.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      Ich glaube, dass du es dir zu einfach machst. Nicht zufälligerweise heißt es nicht "Deutschsprachiges Literaturarchiv" oder "Deutschsprachige Bibliothek". Es wird schon den Anspruch auf das Deutsche als solches erhoben.

      Diese Ausführungen zum Auftrag etc. sind klar - wir streiten hier nicht darüber, ob es so ist oder nicht, sondern, was es bedeutet. Mir geht es hier um die kritische Perspektive.

      Ein Beispiel:

      Was hat die, sagen wir mal, "Hauptbibliothek der BRD" mit Deutschsprachigem in den USA zu tun? Überhaupt nichts. Das Deutsche gehört nicht der BRD. Nach dieser Logik sollte eine englische Nationalbibliothek alles sammeln, was in den USA auf Englisch erscheint - schließlich ist es ja "ihre" Sprache. Nun heißt aber diese "Hauptbibliothek der BRD" nicht zufälligerweise nicht so, sondern "Deutsche Nationalbibliothek" - weil eben das Deutsche an sich beansprucht oder (fast?) beschlagnahmt wird. Aus demselben Grund finden sich auch z. B. österreichische Autoren bzw. deren Nachlässe im "Deutschen Literaturarchiv" in Marbach.

      • Karsten Kruschel Antworten | Permalink

        In meiner obigen Antwort zum Sammelauftrag hatte ich Text von der Webseite der DNB zitiert ... die sich wiederum auf das "Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek" bezieht:
        http://www.gesetze-im-internet.de/dnbg/index.html

        Das ist alles hinterfragbar. Das Friesische z. B. wird als deutsche Mundart (oder Dialekt) behandelt, von manchen (vor allem den Friesen) aber als eigenständige Sprache angesehen. Das Dajtsche (auch Pennsylvaniadeutsch), das die Amischen in den USA sprechen, wird hierzulande ebenfalls als deutsche Sprachvariante betrachtet, hat sich aber weit vom Standarddeutsch entfernt ("Was happent?" = "Was ist passiert?").

        Es stimmt, das ist schon eine Art Umarmungs-Taktik.

  7. Paul Stefan Antworten | Permalink

    Wenn sich die Deutschen nach dem Krieg zu (zuerst zwei, dann) einem Nationalstaat zusammengeschlossen haben, dann haben sie nur das Selbstbestimmungsrecht der Völker wahrgenommen.
    Ich bin kein ausgeprägter Fan der deutschen Kleinstaaterei, die hat auch ihre praktischen Nachteile und das Problem der Inklusion und Ausgrenzung wird nur auf eine andere Ebene verschoben.
    Aufrufe zum Deutschsein außerhalb Deutschlands hätten direkt nach dem Krieg lächerlich geklungen. Deutsche, die im Osten geblieben sind, weil sie dort bleiben durften, mussten ihr Deutschsein oft verstecken, z.B. konnten sie wegen Anfeindungen nicht in der Öffentlichkeit Deutsch sprechen. Die BRD + DDR wollten nichts verlauten lassen, was irgendwie nach Revanchismus klang.
    Ja, das Adjektiv "deutsch" hat sich von einer rein supranationalen Bedeutung um 1800 zu einer eher, aber nicht ausschließlich, nationalen Bedeutung entwickelt, was einfach die historische Entwicklung reflektiert.

    Egal wie man die Grenzen zieht, bei der Bildung von Nationalstaaten gibt es keine saubere, klare Lösung. Die Abgrenzungsmentalität funktioniert auch auf der Ebene von Städten (siehe Kleinkriege bei den antiken Griechen, im mittelalterlichen Italien und auch in den mittelalterlichen deutschen Landen), ja Dörfern ("DIE sind nicht von hier!").
    Man kann nur darauf hin arbeiten, dass die Lösung bei der Nationalstaatsbildung ohne Blutvergießen geschieht, wie erst unlängst auf dem Balkan etc. Die historische Wirklichkeit wird dabei so lange beschnitzt und bewerkelt, bis sie zum jeweiligen nationalen Mythos passt (siehe z.B. Karlspreis für Verdienste um Europa).

    Vielleicht kommst Du der Lösung deiner Deutsch-Problematik näher, wenn Du explizit Schweizer und Österreicher u.a. Deutschsprachige nach ihrem Deutsch-Sein befragst. Sie scheinen sich hier nicht zu melden.

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      "Wenn sich die Deutschen nach dem Krieg zu (zuerst zwei, dann) einem Nationalstaat zusammengeschlossen haben" - haben sie das? Soweit ich mich erinnern kann sind aus Nazi-Deutschland mind. 3 Staaten entstanden.Ich empfehle sehr K. D. Erdmanns letzte Veröffentlichung: http://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Angebote/autor=erdmann+&infotext=drei+staaten

      "dann haben sie nur das Selbstbestimmungsrecht der Völker wahrgenommen." - aktuell war das 1918/19

      "Ja, das Adjektiv "deutsch" hat sich von einer rein supranationalen Bedeutung um 1800 zu einer eher, aber nicht ausschließlich, nationalen Bedeutung entwickelt, was einfach die historische Entwicklung reflektiert." - darum geht es hier nicht, sondern um die Bedeutungsverschiebung nach 1945. Das Subjektiv "Deutschland" als erstmaliger Staatsname und die darauf folgende Umdeutung des Adjektivs "deutsch" in der BRD und sonstwo (z. B. in Belgien).

      "Egal wie man die Grenzen zieht, bei der Bildung von Nationalstaaten gibt es keine saubere, klare Lösung." - freilich, ich argumentiere hier die ganze Zeit doch gegen die Vorstellung von Deutschland als (geschweige denn einem) Nationalstaat.

      "Vielleicht kommst Du der Lösung deiner Deutsch-Problematik näher, wenn Du explizit Schweizer und Österreicher u.a. Deutschsprachige nach ihrem Deutsch-Sein befragst. Sie scheinen sich hier nicht zu melden." - An diesem Satz verzweifele ich a bissl und bekomme das Gefühl, dass du wirklich nicht verstehst, worum es hier in den letzten Jahren geht. Das ist kein Vorwurf, nur eine Vermutung, dass du nur die letzten Seiten dieses digitalen Buchs gelesen hast. Also:

      Erstens habe ich mich sehr intensiv mit Österreichern und Österreich befasst, z. B. während meiner Studienzeit in Wien. Dazu findet sich hier im Blog nicht wenig, und in Österreich ist das bis jetzt auch gut aufgenommen worden, zumindest in akademischen Kreisen. Mit der Schweiz kenne ich mich weniger gut aus, war da auch zu Besuch aber nicht so oft wie in Österreich und habe da, also in der Schweiz, vor allem auch nicht gelebt.

      Zweitens geht es hier nicht um eine demoskopische Fragestellung. Was in den meisten Köpfen stattfindet, ist klar - eine Reproduktion der gängigen Bilder und Vorstellungen. Hier geht es darum, diese Vorstellungen zu hinterfragen und andere auszuprobieren. Das ist ungefähr so wie mit "Europa" - musste man ein zersplittertes Europa gutheißen, nur weil das bis vor kurzem die gängige Vorstellung war? Oder kann man Europa auch anders konzipieren? So verhält es sich mit meiner "Deutschlandphilosophie". Und ja, auch das hat es schon in Österreich gegeben, z. B. aus der Feder Fritz Fellners: http://www.scilogs.de/un-zugehoerig/historiographische_poesie/

  8. Christoph Deblon Antworten | Permalink

    Wie ich schon schrieb, ist der angeführte Sammelauftrag einer Nationalbibliothek als Modell zu verstehen, das natürlich häufig nicht 100%ig praktikabel ist (z.B. Schweiz). Im Falle Großbritannien/USA ist es aber tatsächlich so, daß der Anspruch in einer abgeschwächten Form besteht:

    "The international nature of the book publishing industry ensures that all significant English language publications from elsewhere in the world are also included."

    Das gilt für sowohl für die Library of Congress USA wie auch für die British Library (s. Wikip. engl. National Library).

    In der Nationalbibliothek von Israel ist es sehr ähnlich wie in der DNB, sie sammelt u.a.:

    "all material [also weltweit alles] published in Hebrew or any of the languages spoken in the Jewish Diaspora (such as Yiddish and Ladino)." ("Judaica" sind noch ein weiteres Sammelgebiet).

    "Deutschsprachige Nationalbibliothek" heißt es schon deshalb nicht, weil damit ja die Sammlung der fremdsprachigen Germainca, der Übersertzungen aus dem deutschen sowie der in Deutschland erschienene fremdsprachigen Literatur ausgeschlossen wäre. Die Art der Namensbildung ist international verbreitet.

    Bei den Nachlässen ist es ohnehin lockerer zui sehen, was wer bekommt hängt ja häufig wesentlich von Bestimmungen des Nachlaßgebers oder der Erben ab. Im übrigen gibt es ein Östereichisches, Schweizerisches, Russisches Literaturarchiv usw. Das Österreichische enthält Bestände von Hermann Hesse, der Russe, Schweizer und Deutscher (Württemberger) war.

    Mit "Besitzansprüchen" hat das in allen Fällen nicht das geringste zu tun.,

    • Yoav Sapir Antworten | Permalink

      »Mit "Besitzansprüchen" hat das in allen Fällen nicht das geringste zu tun« - okay, das ist deine Sicht und sie ist nachvollziehbar und verständlich. Ich sehe das anders. Meiner Meinung nach hat die Jüdische Nationalbibliothek in Israel deswegen so einen Namen und so einen Auftrag, weil es nicht zuletzt auch darum geht, zu zeigen, worauf das Jüdische hinauslaufen sollte - nämlich dorthin, nach Jerusalem. Und so verhält es sich m. E. auch mit dem Auftrag und dem Namen der "Deutschen Nationalbibliothek", die in Wahrheit nicht deutsch ist, sondern nur die BRD "repräsentiert".

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