Die Tübinger Ansprache in Heidelberg – und eine Überlegung zum interreligiösen Dialog

25. Januar 2009 von Yoav Sapir in Holocaust

Am 27. Januar, dem nationalen Feiertag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, hat die Evangelische Landeskirche in Baden einen Gedenkgottesdienst in der Heidelberger Johanneskirche veranstaltet.

Im Rahmen des Gottesdienstes ist der Kirchenpfarrer Prof. Dr. Klaus Müller von seiner Landeskirche in das Amt des landeskirchlichen Beauftragten für das christlich-jüdische Gespräch eingeführt und sein Vorgänger, Dr. Hans Maaß, verabschiedet worden.

In diesem Zusammenhang war ich zu einem real existierenden Dialog zwischen Pfr. Prof. Dr. Müller und mir eingeladen, mit dem der neue Auftrag von Prof. Dr. Müller eingeweiht worden ist.

Mein Beitrag zu diesem Dialog hat in einer leicht modifizierten Fassung der Tübinger Ansprache bestanden, die dem aktuellen Anlass und dessen heuriger Verbindung mit dem jüdischen Kalender angepasst wurde. Der Beitrag von Prof. Dr. Müller hat sich auf die Schwierigkeiten bezogen, sich als Christen Fragen nach dem Warum und Wozu zu stellen.

Im Rückblick auf den Gottesdienst möchte ich eine Überlegung zur Institution des interreligiösen Dialogs (mit oder ohne Anführungsstriche) mit euch teilen:

Der christlich-jüdische Dialog kann einerseits deswegen stattfinden, weil Christen sich zum grundsätzlichen, absoluten Schluss der Verfolgungsgeschichte bekennen und sich der Aufarbeitung dieser Geschichte widmen; und andererseits deswegen, weil Juden bereit sind, sich daran zu beteiligen und somit überhaupt einen Dialog zu ermöglichen.

Natürlich kommt es auch darauf an, was jeder als eine (nicht "die") christliche bzw. jüdische Stimme jeweils zu sagen hat, aber die Grundstruktur scheint von vornherein festzustehen: Es geht dabei nicht um Gleichgewicht, Ausgleich oder Gleichheit, sondern um Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit.

(Freilich haben die Juden ihrerseits auch zu tun, nämlich Etliches bezüglich Jesu von Nazareth aufzuarbeiten - jedoch nicht als Christ, sondern als Jude, d.h. nicht im Rahmen eines Dialogs mit Christen, sondern zunächst und vor allem im Rahmen eines innerjüdischen Diskurses.)

Wenn es eines Tages zu einem echten Dialog zwischen Muslimen (nicht "Arabern" etc.) und Abendländern kommt (nicht "käme"), kann es dann wohl nicht anders gehen. Allerdings erscheint ein echter Dialog - ohne die künstliche Herstellung von Gleichgewicht, Ausgleich oder Gleichheit, dafür mit ehrlicher Verpflichtung zu Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit - unmöglich, solange die islamischen Mehrheitsgesellschaften die bald latente, bald unverhüllte Aggression islamisch motivierter Massenbewegungen nicht ausgegrenzt haben.

Genau so wie im christlich-jüdischen Fall, kommt man im islamisch-abendländischen Fall nicht um ein klares Schuldbekenntnis als Voraussetzung für die Entstehung eines echten Dialogs herum.


3 Kommentare zu “Die Tübinger Ansprache in Heidelberg – und eine Überlegung zum interreligiösen Dialog”

  1. Martin Huhn Antworten | Permalink

    Hm, mal schauen, ob ich am Dienstag mit dabei bin. Vielleicht kann ich mir ja noch ein paar Kollegen schnappen, die mitkommen.

  2. Michael Blume Antworten | Permalink

    Viel Glück und Erfolg!

    Und viele gute Erfahrungen im Dialog mit Christen (und später vielleicht sogar Muslimen!). Es gibt nichts Besseres, um Vorurteile abzubauen und sowohl das Verständnis des je anderen wie auch eigenen Glaubens dabei zu vertiefen. Finde ich toll, dass Du Dich in diesem Bereich engagierst!

  3. Yoav Sapir Antworten | Permalink

    @ Michael

    Ich glaube, dass es weder hier noch da um Vorurteile bzw. den Abbau von solchen geht. Und wenn, dann geht's am Eigentlichen vorbei.

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