Österreichische Symbolpolitik: Was haben Mozart und Freud gemeinsam?

10. Juni 2009 von Yoav Sapir in Geschichte

Mozart u. FreudWeitere Überlegungen zum deutschesten Nichtdeutschland und dessen heutigem Selbstverständnis.

Der Fall Mozart

Im heutigen Österreich figuriert die Person Wolfgang Amadeus Mozarts bekanntermaßen als Nationalsymbol de facto. Das liegt jedoch nicht besonders nahe, wie man zunächst denken mag: Mozart wurde 1756 im damaligen Fürstbistum Salzburg geboren, also innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, doch außerhalb des seinerzeitigen Österreich. Obwohl die Political Correctness die Abgrenzung "Österreichs" von "Deutschland" postuliert, hat die Zweite Republik seine Figur praktisch für sich beansprucht.

 
Nichtsdestoweniger ist Mozart 2003 vom ZDF in die Vorschlags- bzw. Kandidatenliste für die Sendung Unsere Besten einbezogen: an sich natürlich zu Recht, doch in der österreichischen Öffentlichkeit hat dieser Schritt in jenem August für Aufregung gesorgt und manchmal sogar Empörung ausgelöst. Nichtsdestoweniger hat der Komponist auf Platz 20 rangiert.
 
Wem "gehört" nun Mozart? Ob, wie es das ZDF gemeint hat, die politische Zugehörigkeit des damaligen Fürstbistums zum Alten Reich ausreicht, um in Mozart "einen von uns", also einen "Deutschen" im heutigen Sinne zu erblicken, ist fragwürdig, da selbst Wien lag als Residenzstadt römisch-deutscher Kaiser selbstverständlich innerhalb der Reichsgrenzen. Ganz zu schweigen von den Konsequenzen einer Anwendung dieses Kriteriums auf Böhmen und Mähren; es sei hier nur an František Palackýs Weigerung erinnert, an der Frankfurter Nationalversammlung teilzunehmen. Zudem hätte nach diesem Kriterium etwa der Königsberger Philosoph Immanuel Kant nicht miteinbezogen werden dürfen. Ob die ehemaligen Reichsgrenzen das beste Argument gebildet haben, bleibt hier also dahingestellt: Vielmehr wollen wir uns auf die österreichische Seite fokussieren.
Eigentlich - und nicht zuletzt auch rechtlich - gehört der Komponist der ganzen Welt und als Salzburger, wenn mit ihm schon Identität gestiftet wird, allen Deutschen dies- und jenseits des Obersalzbergs. Doch gerade an solchen Kleinigkeiten werden bedeutsame Praktiken sichtbar: Aller Aufregung zum Trotz kann Österreich in Bezug auf Mozart offensichtlich keinen (wenn auch nur medialen) Alleinvertretungsanspruch erheben. Es scheint vielmehr, dass seine Person in Österreich entkontextualisiert wird. Denn die angebliche Zugehörigkeit Mozarts zu Österreich wird v. a. darauf zurückgeführt, dass er auf dem heutigen Staatsgebiet Österreichs geboren wurde, auch wenn er später in Mittel- und Westeuropa praktisch überall auftrat.
 
Die Unmöglichkeit klarer Grenzziehungen, die mit der problematischen Entstehung des heutigen Österreich einhergeht, soll also durch die Orientierung am heutigen Hoheitsgebiet gelöst werden. Es ist ein zwar ahistorisches, aber zumindest objektives Kriterium. Ob aber dieses Kriterium - ich nenne es das "Mozart-Prinzip" - von der Zweiten Republik konsequent angewandt wird?

Der Fall Freud

Anlässlich des 150. Geburtstages Sigmund Freuds wurden am 5. und 6. Mai 2006 alle (damals 29) Österreichischen Kulturforen weltweit symbolisch, also für diese beiden Tage, in "Sigmund-Freud-Institute" umbenannt.

 
Dass thematisch eher frei agierende Einrichtungen sich trotzdem in die Tradition einer spezifischen, weltberühmten Person zu stellen versuchen, um durch diese implizierte Aneignung seines Erbes an Profil zu gewinnen, ist eigentlich nachvollziehbar und insbesondere im deutschsprachigen Mitteleuropa weit verbreitet; man denke etwa an jenes Institut, in dessen Fußstapfen die weltweit verzweigten Österreichischen Kulturforen treten wollen: Das bundesrepublikanische Goethe-Institut ist ja nach einer Person benannt, der das Substantiv "Deutschland" zwar keineswegs fremd war, die aber noch überhaupt nichts mit der Bundesrepublik zu tun hatte bzw. haben konnte.
 
Wirklich problematisch kann diese Form der Traditionsaneignung also wohl erst werden, wenn die Einrichtung einen Staat vertritt, dessen eigentliche Politik der amtlich (wenn auch kurzfristig) angeeigneten Tradition widerspricht. Dies scheint im Fall Freud nun durchaus der Fall zu sein.
 
Vom teilweise skandalösen Umgang der Zweiten Republik mit den zurückgekehrten Juden braucht man hier nicht zu reden; stattdessen ist Ruth Beckermanns Unzugehörig. Österreicher und Juden nach 1945 (Wien: Löcker, 1989) zu empfehlen. Vielmehr muss zum Verständnis der Freud-Problematik der historische Zusammenhang vergegenwärtigt werden, der diesem spezifischen Fall zugrunde liegt.
 
1856 wurde ein jüdisches Kind namens Sigismund Schlomo Freud in Mähren geboren. Sein Fall ist also dem Mozarts diametral entgegengesetzt: Auf dem Hoheitsgebiet des heutigen Österreich befindet sich dieses Land freilich nicht, dafür gehörte es zur damaligen Zeit dem habsburgischen Österreich.
 
Mit dem Mozart-Prinzip kann hier also nicht argumentiert werden. Aber die heutige Republik "Österreich", und zwar erst recht die zweite, versteht sich - nicht ohne völkerrechtliche, auf die Entstehung der Ersten Republik zurückgehende Berechtigung - als Nachfolgerin der (seit dem Ausgleich 1867 nur noch in Cisleithanien) gleichnamigen Habsburgermonarchie. Dies wird nicht zuletzt auch durch die von den habsburgischen Symbolen abgeleiteten Hoheitszeichen des heutigen Österreich zum Ausdruck gebracht und veranschaulicht. Zudem stellt sich diese Republik, zumal es ihr mehr Touristen und sonstige Gewinne bringt, als die Erbin dieser Monarchie schlechthin dar. Doch aus diesem Selbstverständnis werden gerade diejenigen ausgeschlossen, aus deren Reihen der kleine Schlomo kam.
 
Damals waren die Juden keine Ruthenen, Polen, Slowaken, Tschechen oder Deutsche, sondern Österreicher. Gerade deswegen, weil sie mit dem Nationalismus der Einheimischen nichts zu tun haben konnten, stellten sie als Volksgruppe wohl die einzigen Österreicher dar, die es im habsburgischen Vielvölkerstaat eigentlich gab, und somit auch die treusten Untertanen des Kaisers. Die Österreichische Wochenschrift gab ab 1884 kein anderer heraus als der aus Ostgalizien stammende Rabbiner Josef Samuel Bloch, der im damaligen Reichsrat seinen ostgalizischen Bezirk vertrat. Diese Namensgebung zeugt vom damaligen Bewusstsein: Während die deutschen Untertanen sich sinngemäß zum deutschen Volk, die tschechischen Untertanen zum tschechischen Volk etc. bekannten, waren viele Juden in Cisleithanien gerade dem übernationalen Österreich treu. Denn in dieser Vorstellung, diesem Konstrukt, fanden sie damals als zerstreutes, ohnmächtiges Volk verständlicherweise Zuflucht. Das ist der Zusammenhang, in dem damals zahlreiche Juden in die Residenzstadt der Habsburger gezogen sind, wie Freuds Familie auch.
 
Diesen Zusammenhang beschrieb der ungarischstämmige Schriftsteller Franz Theodor Csokor zurückblickend in seinem 1936 erschienenen Theaterstück 3. November 1918: Der Waffenstillstand steht bevor. In einem Militärsanatorium wird der Oberst Radosin begraben, der den Freitod gewählt hat. Es stehen an seinem Grab Offiziere aus allen Teilen der k. u. k. Monarchie, die ins offene Grab Erde schütten - und bei erklären: "Erde aus Ungarn. Erde aus Polen. Erde aus Kärnten. Slowenische Erde. Tschechische Erde." Dann erreicht die Schaufel den Regimentsarzt, einen Juden namens Dr. Grün. "[M]it einem Zögern, aber nicht lächerlich, eher rührend", wirft er dem Oberst "Erde - aus - Erde aus Österreich" nach.
 
Bei der allmählichen Überführung Österreichs in eine Republik wurde den meisten unter diesen eigentlichen Österreichern ihre Identität abgesprochen: Es durften nämlich - und selbst das nicht ohne eine lange Diskussion - nur jene Juden Österreicher bleiben, die nach Kriegsende in jenem willkürlich bestimmten Rest Österreichs lebten, aus dem die Republik Deutschösterreich hervorging (zu gleicher Zeit mussten die habsburgischen Deutschen gegen ihren Willen plötzlich Österreicher werden, aber diese Vorstellung konnte sich, wie man seit März 1938 weiß, kaum durchsetzen). Alle anderen Österreicher - wie etwa jene, die Bloch gewählt hatten - durften keine mehr sein. Diese Politik galt nicht nur für sie, sondern auch für deren Nachkommen, und wird vom heutigen Österreich nach wie vor getrieben: Wessen Eltern bzw. Großeltern in anderen Teilen des vormals kaiserlich-königlichen, cisleithanischen Österreich blieben, der hat heute, obwohl er aus Österreich stammt, keinen Anspruch auf die österreichische Staatsangehörigkeit.
 
Ich vertrete damit notabene nicht die Meinung, dass Kinder und Enkel der im damaligen Österreich geborenen Juden sich heutzutage für die österreichische Staatsangehörigkeit interessieren sollten, sondern arbeite eine innere Diskrepanz auf der österreichischen Seite heraus. Denn vor diesem Hintergrund wird eines klar: Die ausländischen Kulturvertretungen des heutigen Österreich haben sich an einen aus Mähren Gebürtigen angelehnt, der zwar kein Tscheche war, aber auch kein Deutschösterreicher. Ja, wie zahlreiche Juden stammte Freud zwar aus Österreich, aber nicht aus dem Gebiet des heutigen Österreich, sondern aus dem gestrigen Österreich, jenem von Josef Bloch und Franz Josef. Würden seine Eltern heute leben und in das heutige Österreich übersiedeln wollen, so könnten sie trotz der österreichischen, weil cisleithanischen Herkunft doch keine Österreicher werden. Verbieten würde es ihnen die Rechtslage in demselben Österreich, das sich Freuds rühmt - und aus dem er bekanntermaßen nach London fliehen musste, wo er 1939 starb.
 
Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang auch die vom 2. Jänner 1986 datierte Widmung des 50-Schilling-Scheins (deren Anlass mir unbekannt ist) und die Widmung der festlichen 50-Schilling-Münze im Jahre 2000 (anlässlich des 100-jährigen Jubiläums von Freuds Traumdeutung). Auch in diesem Fall wird die Figur entkontextualisiert und inkonsequent benutzt: Freud wird nur insofern in das Repertoire aufgenommen, als seine Figur Österreich gut repräsentieren kann, ohne dass dieses Vorbild auch auf die österreichische Politik angewandt würde.
 
Eine mögliche Erklärung

Mir scheint die oben an zwei Beispielen veranschaulichte Entkontextualisierung kein Zufall, sondern ein wesentlicher Zug der nationalen Identitätsstiftung in der Zweiten Republik zu sein. Diese Praktik ist aus dem politisch korrekten Selbstverständnis der Zweiten Republik entstanden und wird noch immer von ihm erzwungen. Dieses nationale Selbstverständnis dogmatisiert die Gegenüberstellung zweier Konstrukte, nämlich von "Österreich" und "Deutschland" als zwei ebenbürtigen, voneinander abgegrenzten Nationalstaaten.

 
Allerdings ist Österreich kein richtiger, weil historisch gewachsener Nationalstaat: Im Gegensatz zu jedem anderen Nationalstaat, wo die Linke sich gewohntermaßen von der eigenen Nation distanziert und die Rechtsextremisten in die eigene Nation verliebt sind, ist es in der Zweiten Republik so, dass die Linke die österreichische Nation beschwört, während sich die Rechtsextremisten von dieser Vorstellung abkehren und zum deutschen Nationalstaat bekennen.
 
Vor dem Hintergrund dieser Problematik wird zur Konstruktion eines ebenbürtigen Österreich ein Narrativ benötigt, das die beschworene Ebenbürtigkeit dieser sehr jungen Nation untermauern könnte. Daher wird die Vorstellung von Gleichwertigkeit und Abgrenzung auch rückwirkend, d.h. sogar für die Zeit vor 1945 angewandt, obwohl das Österreichbewusstsein in der Ersten Republik kaum verbreitet war. Durch die - wenn auch inkonsequente - Aneignung von repräsentativen Personen aus der Zeit vor der Zweiten Republik soll das zwar neue, aber eben auch auf die Vergangenheit bezogene Narrativ bestätigt werden.
 
Bei weiterem Interesse an der verschlungenen Genese des Terminus "Österreich" empfehle ich folgendes Buch: Zöllner, Erich. Der Österreichbegriff. Formen und Wandlungen in der Geschichte. Wien: Verlag für Geschichte und Politik, 1988
 
 
Und nicht zuletzt 
 
...möchte ich mich bei der Wiener Historikerin Dr. Louise Hecht bedanken, die mich v. a. während meiner Jerusalemer Studienjahre in die Rätsel des Österreichischen eingeführt hat.
 
 
 
 

4 Kommentare zu “Österreichische Symbolpolitik: Was haben Mozart und Freud gemeinsam?”

  1. Louise Hecht Antworten | Permalink

    bei allem, was man/frau österreich zu recht vorhalten kann/soll/muss - ich bin keineswegs der meinung, dass österreich dem deutschen (heute als "kulturprinzip" verbrämten) blut-prinzip folgen sollte - im sinne von "jede/r, die/der einen österreichische vater hat und sich - wo immer auf der welt - zum österreichertum bekennt, hat anspruch auf die österreichische staatsbürgerschaft".

    die 1. republik hatte allen einwohnern der monarchie das recht zur "option" für die österreichische staatsbürgerschaft eingeräumt (juden allerdings nicht ohne diskussion). wer nicht optierte, blieb jedoch bürger seines herkunftslandes (was - nebenbei gesagt - für juden 1938 manchmal lebensrettend war!). das halte ich für ein faires und demokratische prinzip, an dem ich festhalten will.

  2. Yoav Sapir Antworten | Permalink

    @ Louise

    Vielen Dank für deinen Kommentar!

    Nun, ja, aber, wie du mir schon mal erklärt hast, doch nicht wirklich allen Einwohnern, sondern nur denjenigen, die im kleinen Rest lebten, der Deutschösterreich und kurz darauf die Republik "Österreich" wurde. Und was ist mit den zahlreichen anderen? Was ist etwa mit den ostgalizischen Wählern Blochs? Sie durften nicht optieren und konnten daher auch nicht Bürger ihres Herkunftslandes bleiben, an dessen Stelle ein neuer Staat trat, in ihrem Fall nämlich das neugegründete Polen.

    1918 lebte wohl die überwiegende Mehrheit derer, die sich wirklich noch zu Österreich bekennen wollten, in jüdischen Häusern außerhalb der deutschen Siedlungsgebiete. Diesen Österreichern wurde ihr österreichisches Heimatland entzogen, abgesprochen. So erging es auch meiner Familie mütterlicherseits: Plötzlich mit Polen konfrontiert, wanderte sie mit einem "Zertifikat" bereits 1925 aus Ostgalizien aus, was ihr - im Gegensatz zur ganzen Verwandtschaft, die dort blieb - nun mal das Leben rettete.

    Jedenfalls behaupte ich nicht, dass die Zweite Republik diese oder jene Politik verfolgen sollte, sondern, dass die Symbolpolitik nicht immer mit der sonstigen Politik vereinbar ist bzw. dieser entspricht. Vor allem dann nicht, wenn den Symbolen, wie etwa in den obigen Beispielen, Entkontextualisierung zugrunde liegt. Das ist aber freilich nicht immer so: Bei Haydn z. B. ist die Instrumentalisierung weit weniger problematisch, weil er ja aus Niederösterreich bzw. Österreich unter der Enns stammt. Da ist die Konstruktion sozusagen stabiler und tragfähiger.

  3. Berzelmayr Antworten | Permalink

    In einem seiner Briefe hat sich W.A. Mozart ja selbst als einen "Teutschen" und Deutschland als sein "geliebtes Vaterland" bezeichnet. Salzburg gehörte damals übrigens noch zum "bairischen Reichskreis", allerdings war die Politik der Salzburger Bischöfe schon seit dem Spätmittelalter oft gegen das frühere Mutterland gerichtet. Aber ich denke, die damalige Wahl im ZDF bezieht sich eher auf die schwäbische Herkunft des Vaters. Letzten Endes waren die Österreicher wohl deswegen so empört, weil sie ein Riesengeschäft mit Mozat betreiben (Merchandaising! ;) und es irgendwie peinlich ist, wenn man zugeben muss, dass er "einem nicht hunderprozentig gehört".

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