Vergangenheit in Theorie und Praxis

26. Januar 2015 von Yoav Sapir in Geschichte

Begonnen habe ich diese Diskussion über »Was ist Geschichte?« mit der Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Geschichte, d.h. zwischen dem, was war und verging, und dessen gegenwärtiger Wahrnehmung. Bislang haben wir über die Geschichte, also die Wahrnehmung des Vergangenen gesprochen. Nun soll das Vergangene selbst besprochen werden: Inwiefern können wir als Historiker wissen, was war?

Auf der theoretischen Ebene erscheint die Vergangenheit wie natürlich entstanden (im Gegensatz zur künstlich bzw. bewusst konstruierten Geschichte): Vergangenheit ergibt sich einfach durch den natürlichen, objektiven Fortgang der Zeit, ganz egal, ob ein bewusstes Subjekt sie als solche wahrnimmt. Darum hat nur alles eine Vergangenheit, auch das, was kein historisches Bewusstsein haben kann wie die Tiere, oder das, was gar kein Bewusstsein hat wie etwa die Gesteine der Geologie. Vor dem Erscheinen des menschlichen Bewusstseins gab es zwar keine Geschichte, aber sehr wohl eine Vergangenheit.

Das ist ein logischer, theoretischer Schluss, der einen epistemologischen Rahmen konstruiert (die »Vergangenheit«), mit dem wir uns vorstellen können, dass etwas war und verging. Doch ist das eben nur ein Rahmen, ein Kasten, den die Theorie nicht mit Inhalt auffüllen kann. Sich vorstellen zu können, dass vor uns etwas/vieles war, ist zwar eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung von historischem Bewusstsein; aber noch wichtiger ist es, sich vorstellen zu können, was vor uns war.

Wenn wir über Geschichte sprechen, über die Wahrnehmung von Vergangenem, über Erzählung und Beschreibung sowie über Deutung und Sinngebung, dann geht es uns bzw. dem Historiker nicht darum, dass etwas war, sondern darum, was war. Es geht um Inhalte. Doch genau an diesem entscheidenden Punkt kann uns die Theorie, welche nur die Vergangenheit als solche, eine »Vergangenheit an sich« konstruieren kann, nicht weiterhelfen.

So stellt sich demjenigen, der über Geschichte und Vergangenheit reflektiert, die Frage, welchen Zugang wir also trotzdem zur Vergangenheit haben: Wie können wir in der Praxis erfahren, was war? Und inwiefern können wir uns sicher sein, dass das, wovon wir meinen, dass es war, tatsächlich so war, wie wir es wissen?

Um diese Problematik darzulegen, möchte ich zunächst über die eigene Vergangenheit sprechen, die jeder von uns hat. Außer bei Zeitzeugen wichtiger Ereignisse, sind persönliche Erinnerungen normalerweise zwar kein historisches Thema, aber da jeder von uns welche hat, sind sie ein guter Einstieg: Wie sicher können wir uns dessen sein, was wir selbst, d.h. unmittelbar, erlebt haben?

Wie wir inzwischen wissen, unterliegt unser eigenes Gedächtnis Schwankungen, Änderungen und Verzerrungen. In den letzten beiden Jahrzehnten ist ein großer Korpus an Aufnahmen von Gesprächen mit Holocaustüberlebenden entstanden, damit ihre Aussagen als Zeitzeugen auch nach ihrem Tode zur Verfügung stehen. Historiker, die diese Gespräche auswerten, werden manchmal mit Angaben konfrontiert, von denen sie aus anderen Quellen wissen, dass sie so, wie der Zeitzeuge es erzählt, nicht stimmen. Dieses Problem als solches anzuerkennen, bedeutet freilich nicht, dem Zeitzeugen eine Lüge zu unterstellen; im Gegenteil, dieser ist sich ganz sicher, dass es so war, wie er es erzählt (der Interviewer eines Zeitzeugen soll sowieso nichts einwenden, sondern nur Fragen stellen).

Das menschliche Gedächtnis trügt und fälscht. Nicht immer, aber auch nicht selten. Selbst das, was wir unmittelbar erlebt haben, bleibt uns nicht in unmittelbarer Form erhalten: Bereits die Aufnahme ins Gedächtnis unterliegt unserer subjektiven, weil menschlichen Wahrnehmung. Im Lauf der Zeit, die nach dem Erlebnis vergeht, können weitere Verzerrungen auftreten. Und was alles noch umso schwieriger macht: Solche Schwankungen erfolgen von Anfang an unbewusst und willkürlich. Man ist eben nicht »Herr im eigenen Haus«, wie bereits Freud feststellte.

Doch zurück zu der Art von Vergangenheit, mit der sich die Geschichte normalerweise befasst, nämlich zu der Vergangenheit, die wir nicht selbst erlebt haben. Wenn es bereits bei der eigenen, persönlichen Vergangenheit schwankt, wie sicher können wir uns jener Vergangenheiten sein, die noch weiter, wesentlich weiter zurückliegen?

Auch wenn die Theorie uns sagt, dass die Vergangenheit »an sich« (also die Erkenntnis, dass etwas war) neutral und objektiv ist, gibt es in der Praxis, wo es um Inhalte geht (was war?), keine unmittelbare Vergangenheit; diese ist nur mittelbar erreichbar und zwar mittels unseres historischen Bewusstseins. Unser Zugang zur Vergangenheit ist in erster Linie das geistige Auge, mit dem wir in die Vergangenheit »zurückblicken« können. Nur deswegen sind wir in der Lage, uns Vergangenes, das wir nicht selber erlebt haben, trotzdem vorzustellen und zu vergegenwärtigen (und daraufhin auch zu deuten und auszuwerten).

Zeugnisse aus fernen Tagen können zwar helfen, sich vor dem geistigen Auge eine Vergangenheit auszumalen; aber erst der menschliche Geist kann aus solchen Zeugnissen überhaupt ein Bild von der Vergangenheit entwickeln. Darum ist es der Geist, nicht die Zeugnisse, der eine solche Vorstellung, ein geistiger Rückblick, überhaupt möglich macht.

Dass ein solcher Rückblick des Bewusstseins im Spiel ist, mag zunächst banal klingen, aber für uns bedeutet das, dass wir es hier auch mit einem Zurückblickenden, also einem Subjekt zu tun haben. Wo ein Subjekt ist, da weicht die theoretische Objektivität dem Subjektiven. Die Theorie mag also darauf hinweisen, dass die Vergangenheit neutral und objektiv ist; für den Historiker bedeutet es trotzdem wenig. In seiner Praxis hat er mit einer Vergangenheit zu tun, die nur subjektiv erreichbar ist.

Wir können also das Vergangene nicht beschreiben oder besprechen, ohne es erst mal im Bewusstsein zu betrachten, d. h. auf die eine oder andere Weise wahrzunehmen. Man kann das theoretische Konstrukt der »Vergangenheit an sich« nur brauchbar machen, sofern man diese Vergangenheit mit bestimmten Inhalten (etwa anhand schriftlicher Zeugnisse aus der Vergangenheit) auffüllen, sich sie also irgendwie vorstellen kann. Das bedeutet: Die einzige Vergangenheit, mit der wir in der Praxis arbeiten können, ist die Vergangenheit, die wir als solche wahrnehmen. Die für uns relevante Vergangenheit existiert nur so weit wie unsere Wahrnehmung davon.

Da aber die menschliche Wahrnehmung immer subjektiv ist, ist auch unser einziger Zugang zu der Vergangenheit eben subjektiv. Das geistige Auge, das sich (etwa anhand schriftlicher Zeugnisse) ein Bild von einer bestimmten Vergangenheit ausmalt, kann unmöglich ein objektives, neutrales Bild hervorbringen (ganz zu schweigen davon, dass bereits die alten, von früheren Menschen erhaltenen Zeugnisse selber keineswegs objektiv sind). Die objektive, neutrale Vergangenheit, wie sie sich in der Theorie zeigt, bleibt uns als Menschen de facto versperrt. Sie existiert nur in der Theorie, sonst nicht.

Der Mensch selbst bzw. sein Geist ist also das Mittel, über welches er sich (im Gegensatz zu anderen Lebewesen) den Zugang zu nur mittelbar erreichbaren Vergangenheiten verschaffen kann, die viele Generationen vor seiner eigenen Geburt passierten und eben vergingen. Man könnte schon sagen, dass es eben diese Fähigkeit zu historischem Bewusstsein ist, die uns als Menschen so besonders macht, die uns überhaupt zu Menschen macht. Das wäre natürlich ohne die Entstehung menschlicher Sprachfertigkeiten vor ca. 70.000 Jahren undenkbar, denn unsere Sprache (im Allgemeinen) ist das Mittel, mit dem wir sehr weit zurückliegende Vergangenheiten zumindest im Geiste, also eben »mittelbar«, erreichen können. Sprache ist die Plattform, ja die Grundlage für Vergangenheit im praktischen Sinne (im Gegensatz zum theoretischen, mit dem wir begonnen haben).

Auf dieser geistigen Plattform werden bei der Gattung des Menschen Inhalte bzw. Details über spezifische Vergangenheiten von einer Generation zur nächsten tradiert. Was nicht dokumentiert und weiter erzählt wird, hat kaum Chancen, erhalten zu bleiben; seine Existenz wird dann zu einer rein theoretischen Annahme, verloren im großen Ozean dessen, was nicht mehr beschrieben werden kann. In der Praxis aber hört alles auf zu existieren, zu dem wir keinen Zugang mehr haben können. Denn nicht die theoretische Vergangenheit, sondern nur eine spezifische, uns als Menschen irgendwie vorstellbare, wahrnehmbare Vergangenheit ist eine, aus der ein Historiker eine Geschichte weben kann.

Das so entstehende, von Historikern entwickelte »Wissen« über menschliche Vergangenheiten kann niemals objektiv sein. Denken wir wieder an Ranke und seinen romantischen, naiven Ansatz: Es geht nicht nur darum, dass keine von einem Historiker erzählte Geschichte eine bestimmte Vergangenheit so beschreiben kann, wie sie »eigentlich gewesen« sei; sondern auch darum, dass selbst diese vermeintlich ursprüngliche, rohe Vergangenheit, die wir uns hinter allen Erzählungen vorstellen, nicht das »eigentlich Gewesene« sein kann, sondern eben nur eine Vorstellung, eine mehr oder weniger verzerrte Wahrnehmung dessen, was einmal war und so, wie es war, für immer verloren ist, seitdem es verging.

Was können wir also über menschliche Vergangenheiten wirklich erfahren? Tatsächlich wissen wir nur von solchen Vergangenheiten, die per definitionem bereits subjektiv verarbeitet und manipuliert sind; wir kennen nur interpretierte Vergangenheiten, die ihrerseits selbst Wahrnehmungen sind - und nicht »das Ding an sich«.

Aber habe ich am Anfang nicht Geschichte als Wahrnehmung erklärt? Wenn Geschichte eine Wahrnehmung von Vergangenem ist, das Vergangene selbst aber ebenfalls ein Ergebnis von Wahrnehmung ist - was bedeutet das für die Differenzierung zwischen Geschichte und Vergangenheit, mit der wir begonnen haben? Genau darüber will ich im nächsten Beitrag sprechen: die Schichtung der Geschichte.


4 Kommentare zu “Vergangenheit in Theorie und Praxis”

  1. Stephan Happ Antworten | Permalink

    /Zitat/:
    Wenn Geschichte die Wahrnehmung von Vergangenem ist, das Vergangene selbst aber ebenfalls eine Frage der Wahrnehmung ist und nicht »das Ding an sich« - was bedeutet das für die Differenzierung zwischen Geschichte und Vergangenheit? /Zitatende/

    Zum Verhältnis zwischen Vergangenem und Geschichte nur so viel:

    Unter Geschichte versteht man im Allgemeinen diejenigen Aspekte der Vergangenheit, die vom Menschen erinnert und gedeutet werden, um sich über den Charakter zeitlichen Wandels und dessen Auswirkungen auf die eigene Gegenwart und Zukunft zu orientieren.

    (Friedrich Jäger, Lexikon der Philosophie)

    "Das Ding an sich" lässt sich durch Authentizität, sprich unwiderruflicher geistger- und auch körperlich-mentaler in verbindender Unterstützung (technisch) medialer für das menschliche Hirn interpretierbarer (weil von ihm geschaffenes Hilfsmittel) FAKTEN rekonstruieren,,,

    In den Naturwissenschaften sind diese FAKTEN mit der Wahrscheinlichkeit 99,99999% zu versehen.

    In den Sozial- und Geisteswissenschaften bleiben diese Fakten aufgrund des Faktors Mensch eine Auslegungsache, die im Zuge einer Auseinandersetzung um die die Deutungshoheit in einzelnen Fällen, in denen es keine KLAREN BEWEISE (z. B. Popper - kritischer Rationalismus) gibt dem Verhältnis 50:50 vorbehalten...

    Wer die Meinungsführerschaft über diese 50:50 Auslegungen hat, der gehört zu denjenigen Menschen, der sich durchgesetzt hat... Punkt....

    Gute Nacht

    S. Happ

  2. Stephan Happ Antworten | Permalink

    Meine (jüdische) Oma, Gott habe Sie seelig, hat einmal gesagt: "Das was du siehst, wenn du die Augen zu machst, das gehört dir...Wie Recht Sie doch mit diesem einfachen Spruch hatte....

    Hier noch ein schöner jüdischer Witz:

    Der alte Moshe Teitelbaum liegt am Sterbebett:

    "Sarah, mein geliebtes Weib, bist du hier?"
    "Ja Moshe, ich werde nicht von deiner Seite weichen"
    "Und Isaak, mein einziger Sohn, bist auch du bei mir?"
    "Ja, Dade, ich bin auch hier."
    Und, und Hanna meine Tochter, mein Augenstern, bist auch du hier?"
    "Natürlich bin ich hier, Dade."
    Da bäumt sich der Alte auf und brüllt:
    "UND WER ZUM TEIFEL NOCH MAL IST DANN IM LADEN !?"

    Shalom.... :-)

  3. Stephan Happ Antworten | Permalink

    Und weil ich diesen jüdischen Humor so gerne mag... hier noch ein Witz:

    Levy steht an der Klagemauer und jammert:

    "Gott! Mein Sohn, den ich immer im Glauben erzogen habe, wird plötzlich katholisch!" Kommt von oben eine Stimme "Wem erzählst du das?" Fragt Levy "Und was soll ich jetzt tun?" Antwortet Gott "Mach's wie ich, schreib' ein neues Testament!"

    Einfach genial..... :-).... göttlliche Geschichte.....

    Shalom

  4. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Die Aussage "Sprache als Mittel, mit dem wir Vergangenheiten erreichen könnten" suggeriert, die Sprache habe in der Geschichstforschung eine grössere Bedeutung als in anderen Wissenschaften und im obigen Beitrag wird dann ja viel über die Zuverlässigkeit von Aufzeichnungen und Erinnerungen gesagt. Sprache ist aber nur dann das, was von der Geschichte übrigbleibt, wenn man nur Dokumente, Schriften als Primärquellen betrachtet. Werden jedoch Artefakte miteinbezogen, so können objektivere Aussagen gemacht werden. Fragestellungen wie die ab wann die Menschen Haustiere wie den Hund hielten können sowieso nur über Artefakte beantwortet werden, aber sogar für die neuzeitliche Forschung sind Artefakte oft aussagekräftiger als schriftliche Quellen. Beispiel: Ein Massengrab liefert objektivere Information als ein Bericht über ein Massengrab.

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