Aquafarmen – Fisch für Landratten

4. Februar 2013 von Sören Schewe in Wissenschaft

Ein Fischbrötchen ist durchaus etwas Leckeres und schmeckt gleich noch viel besser, wenn man dabei den Fischern am Hafen bei der Arbeit zusehen kann. Aber wie lange noch? Überfischung ist ein großes Thema und Prognosen über den Zeitpunkt leergefischter Weltmeere sorgen nicht unbedingt für Entspannung. Es wird also dringend Zeit für Alternativen. Bei Nutztieren hat das ja schließlich auch geklappt - Zeit für Fischfarmen?

Sicher, diese Idee der kultivierten Zucht von Fischen außerhalb von Meeren, Flüssen oder Seen ist jetzt nicht neu. Schon vor 4000 Jahren gab es erste sogenannte Aquakulturen. Wirklich groß wurden diese Kulturen aber erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts - mit dem Einzug erster genetischer Verbesserungsprogramme. Welche Fische in Aquakulturen gehalten werden, hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab. Natürlich muss die Zucht gelingen und es sollte eine Absatzmöglichkeit geben. Auch die Lebensweise der Fische spielt eine Rolle. Hechte sind zum Beispiel eher Einzelgänger und brauchen ihren Freiraum. Den kann man vielleicht in einem Sea Life garantieren, in einem Betrieb ist das schon schwieriger, weshalb man sich hier auf geselligere  Fische wie Aal, Wels, Stör, Barsch, Zander, Karpfen, Forellen, Saibling, Lachs oder Zierfische konzentriert. 

Beim Geflügel bspw. gibt man die Besatzdichte mit Anzahl der Tiere pro Quadratmeter an. Bei Fischen definiert man diese als Masse an Fisch pro Volumeneinheit Wasser. Das klingt erstmal etwas ungenau, liegt aber schlicht daran, dass es unterschiedlich große Fische gibt. Auch soziale Aspekte spielen da mit rein. Letztlich sollte die Besatzdichte so gewählt sein, dass sich die Fische nicht gegenseitig verletzen. Auch bei der Entstehung von Krankheiten kann eine zu hohe Dichte eine Rolle spielen - neben Futter und Wasserparametern.

Natürlich geht es bei Fischen wie bei allen anderen Nutztieren auch um die Zunahmen, also die Zeit, die ein Fisch bis zur Schlachtreife benötigt. Das unterscheidet sich zwischen den Arten, grundsätzlich kann man aber von einem 4-mal schnelleren Wachstum in Farmen gegenüber der Natur ausgehen. Ein Fisch also, der in der Natur zwei Jahre braucht, um sein Schlachtgewicht zu erreichen, schafft dies in einer Anlage in sechs Monaten. Ähnlich wie bei Zootieren, die auch nicht immer so wie all die schlauen Biologen und Tierärzte wollen, stellt auch bei Fischen die Reproduktion eine gewisse Herausforderung dar, denn nicht alle Arten lassen sich unter den Bedingungen einer Farm vermehren, weshalb hier und wieder auf Wildfänge zurükgegriffen wird.

Kommen wir jetzt mal zu einem Punkt, der mich bei der Recherche etwas stutzen ließ. Für die Produktion carnivorer Arten bräuchte es Fangfisch, und zwar mehr als 1kg für ein 1kg Aquakulturfisch - so las ich es in einem Working-Paper von 2008. Damit wäre zumindest für diese Arten das Argument der Überfischung für Aquafarmen einigermaßen hinfällig (wohlgemerkt NUR für die Mast carnivorer Arten). Alternativen zum Fangfisch sollten nach Möglichkeit wenig Ballaststoffe, Stärke und antinutritive Stoffe enthalten, während ein hoher Proteingehalt gut wäre. Getreide, Ölfrüchte, Hülsenfrüchte und Fleisch-/Blutmehle bzw. Krill und Seeringelwürmer könnten als Alternativen herhalten. Faktoren wie Verdaulichkeit, Wirtschaftlichkeit und Verfügbarkeit sind auch wichtig, unterscheiden sich faktisch aber nicht von der Landwirtschaft.

Das sollte als Überblick erstmal reichen - nicht nur, weil dieser Bereich für mich totales Neuland darstellt, weshalb ich mich natürlich über Kommentare dazu freue (ich freu mich natürlich immer über Kommentare).


Hier verlinke ich mal das "Working Paper" von 2008: Forschung und Entwicklung in der Aquakultur (PDF)

 


7 Kommentare zu “Aquafarmen – Fisch für Landratten”

  1. dmt2050 Antworten | Permalink

    ca. 4 kg Wildfisch für 1 Kg Aquafarmfisch

    "Input" ist für wilde Raubfische noch höher da länger leben also 20+ kg für 1kg. Somit zwar nicht toll sondern nur besser ( in diesem Bereich)

  2. Sören Schewe Antworten | Permalink

    Danke!

    Na dann sollte man da vielleicht über die Züchtung noch was drehen bzgl. der Futterverwertung.

  3. Philipp Bayer Antworten | Permalink

    GMO-Fische in Aquafarmen

    Ein anderer Grund, Aquafarmen einzusetzen ist die Haltung von genetisch modifizierten Fischen, damit diese aus der Wildpopulation rausgehalten werden.

    Schon seit längerem versucht die Firma AquaBounty für ihren AquAdvantage Lachs eine "sicher"-Einstufung von der FDA zu bekommen, was bald wohl auch funktionieren wird: https://en.wikipedia.org/wiki/AquAdvantage_salmon

    Großartig verändert wurde da auch nichts: Ein Gen aus dem Königslachs, und eine Promoter-Region aus dem "ocean pout", viel ist das nicht - der Rest wurde mit konventioneller Zucht erreicht.

    AquaBounty zufolge werden diese Fische _nur_ in Aquafarmen gehalten, evtl. um Kritikern zuvorzukommen, oder um die FDA-Einstufung zu erleichtern: http://www.aquabounty.com/...cts/products-295.aspx

    Natürlich gibts schon eine Petition dagegen, mit den üblich überdrehten Wörtern und Halbwahrheiten: https://secure.avaaz.org/en/stop_frankenfish_r/?bFviiab&v=21102

  4. Sören Schewe Antworten | Permalink

    Moin Philipp,

    stimmt, den Lachs gab es ja auch noch, hatte ich völlig vergessen. Geschlossene Systeme (Kreislaufsysteme) werden aber auch für "normale" Fische verwendet, einfach um den Einfluss auf die Umwelt durch Abwässer möglichst gering zuhalten, das Schmutzwasser wird dabei durch Biofilter (Bakterien) und UV-Licht gereiningt bzw. desinfiziert.

  5. fatih Antworten | Permalink

    was essen Piranhas?

    Haltung und Zucht vom Piranha - Serrasalmus nattereri Um den Mythos Piranha (Serrasalmus nattereri) ranken sich viele Schauergeschichten.

  6. Sören Schewe Antworten | Permalink

    Hallo Fatih,

    ich bin jetzt nicht so der Piranha-Experte, aber vielleicht hilft Dir das hier weiter:

    https://sh-home.de/andreas/Andreas_Aquaristik_Seiten/Piranha_Ernahrung.html

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