Bloggen über das liebe Vieh – einige Erfahrungen

10. Oktober 2014 von Sören Schewe in Sichtweisen

Momentan erkunden zunehmend Landwirte das Internet, genauer gesagt erproben sie die die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke. Die weitaus größte Mehrheit allerdings weiß noch nicht so genau, was sie davon halten soll und ob man im Netz überhaupt vernünftig über Tierhaltung diskutieren bzw. diese kommunizieren kann. Zu diesem Thema ist mir hier im Blog ein Artikel ganz besonders in Erinnerung geblieben.

Ende Februar 2011: Während mein Leben gerade mit großer Begeisterung meinen Alltag sabotierte, tauchten über Twitter plötzlich Fragen zu dieser einen Petition gegen Massentierhaltung auf. Ob ich da nicht mal was einordnen könnte. Klar, aber schwierig ohne Zeit, was meine Leserinnen, Leser und Follower aber null interessierte. Das Ergebnis war ein Puzzle aus zwei älteren Artikeln und ein wenig Kontext, alles andere als ein Glanzstück meines Bloggerdaseins.
Verzeiht mir den heftig.to-Style, aber was dann passierte, hat mich wirklich völlig ernst gemeint schwer überrascht.

Während ich weiter Pannen behob, entstand in meinem Blog eine sehr sachliche Diskussion. Ging es zu Beginn noch um die Petition, stand später die Landwirtschaft grundsätzlich und die Massentierhaltung im Besonderen zur Debatte. Am Tonfall änderte auch die Tatsache nichts, das mein Artikel auf der Seite jener Petition verlinkt wurde. So meldeten sich recht schnell auch die Initiatoren in meinem Blog zu Wort. Inhaltlich war das zwar nicht immer durchgehend sinnvoll, aber sachlich und respektvoll - eine Eigenschaft, die ich ihnen wirklich hoch anrechne, denn nur so lässt sich letztlich mit unterschiedlichen Ansichten vernünftig diskutieren.

Überhaupt bilden die Kommentare das Herzstück dieses Artikels (1). Manch einer ist vielmehr ein eigener Beitrag, richtig gut. Ich kann jetzt nicht jeden guten Kommentar zitieren, aber wenn Ihr das mal durchgeht, achtet besonders auf diese Namen:

  • Daniel
  • Sebastian
  • Torben Hoffmeister
  • Maulwurf
  • Franzbua
  • Reuben C
  • und natürlich Mona, die viele gute Antworten "provoziert" hat.

(2)

Etwas weniger überrumpelt schrieb ich im selben Jahr dann noch über das Privathof-Geflügel von Wiesenhof. Auch hier war alles super, was allerdings angesichts der medialen Aufregung noch viel weniger zu erwarten war, schließlich ging mein Artikel praktisch gleichzeitig mit einer Reportage über das System Wiesenhof live. Die folgenden schlaflosen Nächte hatte ich zum Glück völlig umsonst.

Natürlich könnte ich hier auch noch andere Artikel anführen, wenn es aber einen einzigen Beleg für das Potential einer direkten Kommunikation landwirtschaftlicher Themen gibt, dann ist das jener Artikel aus 2011, dessen Diskussion meine wildesten Vorstellungen übertroffen hat. Das war schlicht geil!

Als Fazit muss ich jetzt einfach mal loswerden, dass ich mit Euch die besten Leserinnen und Leser habe, die erst durch ihre Reaktionen und Beiträge nicht nur meine Begeisterung für die Landwirtschaft geweckt und mich für viele weitere Artikel motiviert haben. Vielmehr kann ich jetzt sehr guten Gewissens sagen, dass eine sachliche Diskussion über Landwirtschaft möglich ist, womit wir auch die einzige Intention dieses Artikels geklärt hätten.

Was die Kommunikation bzgl. Social Media angeht, gibt es Empfehlungen und Tipps en masse, wovon man sich allerdings nicht nervös machen lassen sollte. Letztlich weiß niemand wie der Hase läuft. 5-Punkte-Pläne funktionieren nicht. In meinem englischen Artikel hatte ich direkt zu Beginn eine Aussage aufgegriffen, die mir immer mal wieder begegnet und mich jedes Mal irre macht. Man könne eben über dies und jenes nicht schreiben, weil das eben zu provokant sei. Bullshit. Siehe oben. Warum? Siehe nochmal oben. Und unten.

In diesem Sinne:

Probiert was aus! Das Interesse ist da - weshalb es ab dem nächsten Artikel dann auch wieder thematisch weitergeht.

Anmerkungen

  1. Was übrigens auch ganz grundsätzlich gilt. Erst Kommentare machen das Bloggen wirklich interessant, schließlich gibt es immer noch Aspekte, die ich vielleicht nicht auf dem Schirm hatte oder platz-bedingt ausgelassen habe, umgekehrt kann es immer mal passieren, dass für mich klare Zusammenhänge für Leser verwirrend sind. Dann müssen sie nachfragen können. Was ich auch schon erlebt habe: Menschen haben anderen Menschen ihre Fragen beantwortet, wenn ich gerad nicht da oder schlicht ahnungslos war. Da fällt mir spontan mein Artikel über Neonicotinoide ein, dessen Komplexität ich wohl doch etwas unterschätzt hatte. 40 Kommentare später sah die Welt auch für interessierte Leserinnen und Leser schon anders aus.
  1. Zuerst wollte ich einzelne Kommentare hier zitieren, deren Länge und das völlige Fehlen des Zusammenhangs sprachen für mich dann letztlich aber dagegen. Ich weiß, 121 Kommentare sind viel, aber das lohnt sich wirklich - eigentlich bei allen Artikeln in diesem Blog ;)

Anhang

Exemplarisch zitiere ich hier mal die Kommentare der Initiatoren:

  • Friederike Schmitz

Hallo,
der Ausdruck "Massentierhaltung" ist tatsächlich problematisch, da er mehrdeutig ist. Es geht in dem Appell natürlich nicht um die schiere Masse der Tiere, sondern um die Bedingungen, unter denen sie typischerweise in den gegenwärtig existierenden Massentierhaltungsanlagen leben müssen. Die Forderungen beschränken sich auch nicht auf die nach kleineren Beständen.

  • Christian Voigt

@Sören: Du meinst das sei falsch: "Wir behaupten: “Tiergerechte Tierhaltung ist besser als Massentierhaltung”. Das impliziert, dass Massentierhaltung nicht tiergerecht ist, aber nicht, dass die Haltung weniger Tiere per se tiergerecht wäre." Ich hab das geschrieben, deswegen erlaube ich mir mit folgendem Logik-Spam unsere Zeit zu verschwenden:

Meine These hat die logische Form von Aussage 1: "Wenn x die Eigenschaft F hat und y die Eigenschaft G, dann stehen x und y in der Relation x R y." (z.B.: Wenn ein Tier eine Maus und ein Tier eine Kuh ist, dann ist das erste Tier kleiner als das zweite.)

Wenn die Relation R "irreflexiv" ist, d.h. ein Gegenstand nicht zu sich selbst in dieser Relation stehen kann (wie bei "ist besser als"), dann kann Aussage 1 nur wahr sein, wenn auch Aussage 2 wahr ist: Was F ist, ist nicht G. (Jedes Tier, das eine Maus ist, ist keine Kuh).

Du behauptest jetzt, dass folgende Aussage auch aus Aussage 1 folgt:
Aussage 3: Wenn x *nicht* G ist und y G ist, dann stehen x und y in der Relation x R y. (Wenn ein Tier keine Kuh ist und ein anderes Tier eine Kuh ist, dann ist das erste Tier kleiner als das zweite)

Damit das aus Aussage 1 folgt, müsste aber folgendes zusätzlich behauptet werden: Aussage 4: Was nicht G ist, ist F. (Jedes Tier, das keine Kuh ist, ist eine Maus).

Das ist *nicht* mit Aussage 2 äquivalent! Aussage 2 läßt es zu, dass es Dinge gibt, die weder F, noch G (Tiere, die weder Maus noch Kuh, sondern z.B. Elefant) sind! Deswegen stimmt es, dass Aussage 1 für sich genommen nicht Aussage 3 impliziert.

Aus unserer These folgt also nicht, dass alles, was nicht Massentierhaltung ist, tiergerecht ist (Aussage 4). Es folgt nur, dass alles, was tiergerecht ist, nicht Massentierhaltung ist (Aussage 2).

Ich verstehe, dass die Verwendung des Begriffs "Massentierhaltung" mißverständlich und gegenüber Landwirten kontraproduktiv sein kann. Insofern gebe ich Dir recht. Aber es ist nun mal der gängigste Begriff und deswegen haben wir uns dafür entschieden ihn zu präzisieren, statt ihn zu vermeiden. Ich hoffe aus unserem Appell wird trotzdem klar, dass wir keine Freunde von Kampfbegriffen sind, sondern es uns um eine rationale Debatte geht.


Quelle:

Wer sich aus welchen Gründen auch immer meinen Artikel durchlesen möchte, der all das ausgelöst hat, kann das natürlich auch tun.

Weitere Beispiele:

EDIT: Einstieg geändert.


10 Kommentare zu “Bloggen über das liebe Vieh – einige Erfahrungen”

  1. Alois Wohlfahrt Antworten | Permalink

    Hallo Sören,

    guter Artikel. Danke das zu thematisieren.

    Es ist in der Tat für den einzelnen Landwirt nicht leicht den Einstieg in die Social Media Welt zu finden. Bei der Internet-Nutzung für die Produktion bekommt der Landwirt von Beratung, Verbänden, Lehranstalten und Industrie noch Unterstützung. Aber bei Social Media kommt vom Umfeld der Landwirte nichts mehr. Wohl auch deshalb, weil dort selbst solches Know-How wenig vorhanden ist. Bei Verbänden und Organisationen kommt erschwerend noch hinzu, dass sie oft Angst vor dem Kontrollverlust haben, wenn Landwirte sich gegenseitig vernetzen. Also wird auch bewusst ein Bogen um das Thema gemacht. Darum bin ich froh um die wenigen, mutigen und neugierigen Landwirte die sich aufmachen diese neue Welt für sich zu erobern.

    Alois

    • Sören Schewe Antworten | Permalink

      Hallo Alois,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Kontrollverlust ist ein gutes Stichwort. Tatsächlich muss man sich, wenn man bloggt und in sozialen Netzen unterwegs ist, ein Stück weit auf die Menschen "da draußen" verlassen. Das kann erstmal ein mulmiges Gefühl verursachen. Hatte ich auch. Wie gesagt: viele Orte sachlicher Diskussion beider Seiten gibt es nicht. Trotzdem habe ich es einfach mal gemacht. Die Erfahrungen waren und sind super. Übrigens auch dank der Landwirte und landwirtschaftlich Gebildeten, die schon länger in meinem Blog kommentieren.

      Ganz wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger, sind aber natürlich jene, die nicht aus der Landwirtschaft kommen und sich trotzdem dafür interessieren, Hinweise beisteuern, nachfragen, das Ganze eben erst lebendig machen.

      • Alois Wohlfahrt Antworten | Permalink

        Hallo Söfen,

        das sehe ich genauso. Es gibt noch so viele Menschen da draussen im Internet, die interessert sind an der Landwirtschaft und an den Landwirten. Manche stellen Fragen, aber die Meisten wohl nicht. Darum halte ich es für notwendig, dass Landwirte hier in Vorleistung gehen und auf die Informationssuchenden zugehen.

        Ich hab da mal einen Beitrag dazu geschrieben, daß ich das "Nicht-kommunizieren" der Landwirte in der Informationsgesellschaft als das Große Problem sehe.
        http://www.netzlandwirt.de/das-dilemma-nicht-zu-kommunizieren/

        Alois

        • Sören Schewe Antworten | Permalink

          Sehr guter Artikel, einen Punkt muss ich aber noch aufgreifen. Jetzt wissen wir beide, dass Landwirte nicht gerade in die Öffentlichkeit strömen, warum ziehen wir den Kreis nicht einfach auseinander? Auch Tierärzten ist Landwirtschaft nicht fremd, zudem habe ich wie oben beschrieben auch schon viele gute Kommentare von Menschen erhalten, die weder noch sind, sondern einfach dort gearbeitet haben - oder früher mal auf dem Hof ihrer Großeltern geholfen haben.

          Ganz wichtig ist auch, dass das Netz weder Fernsehen noch Radio oder Zeitung ist. Schau Dir mal MyKuhtuhe auf youtube an. Tolle Videos, aber niemand kümmert sich um die Community, dafür wurde zum Start in allen Medien mächtig Wind gemacht. Klassische PR, die einfach veraltet ist.

  2. Mona Antworten | Permalink

    Wenn jemand einen guten Blogartikel zu einem wichtigen Thema veröffentlicht, dann werden sich immer Leute finden, die sich dafür interessieren. Ich könnte mir auch vorstellen, dass sich manche Verbraucher direkt mit den Landwirten vernetzen möchten, um auf diese Weise Informationen aus erster Hand zu bekommen. Und was die "nicht-kommunizierenden" Landwirte betrifft, so wollen sich diese vielleicht erst etwas im Internet umsehen bevor sie selbstständig bloggen. Man darf auch nicht vergessen, dass die Internetverbindung auf dem Land oft noch sehr schlecht ist. Die Bundesregierung will zwar in den nächsten Jahren den Breitbandausbau forcieren, aber es dauert wohl noch bis es überall soweit ist.

    • Sören Schewe Antworten | Permalink

      Hallo Mona,

      was Du schreibst, ist völlig richtig. Es gibt immer auch immer wieder vermeintlich erfahrene Blogger/Kommunikatoren, die die Ansicht vertreten, dass man über gewisse Themen nicht bloggen könne ohne großen Alarm in den Kommentaren. Zudem werden vielleicht auch viele, die gerne kommunizieren möchten, auch verschreckt, wenn sie sich eben entsprechende Kommentare in Online-Medien durchlesen. Dem wollte ich mal etwas entgegen setzen und Zweifler ermutigen.

    • Alois Wohlfahrt Antworten | Permalink

      Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass Verbraucher einen direkten Draht zum Landwirt möchten. Ich komme ja aus einer Touristenregion und der Urlaub auf dem Bauernhof ist ein gewichtiger Zweig. Die Urlauber bekommen quasi fast überall Familienanschluß. Sie bekommen Einblick in die Arbeit und in die Denkweise und Einstellungen der Bauern. Ich bin überzeugt, solche guten Kontakte oder sogar Bindungen würden auch entstehen, wenn sich Landwirte über die Netze für Verbraucher öffnen würden. Direktvermarkter gehen diesen Weg fast automatisch, weil sie wissen wie wichtig das Persönliche für den Erfolg ist. Wenn jedoch Landwirte nur anonyme Rohstofferzeuger für die Ernährungsindustrie sind haben sowohl die Landwirte als auch die Industrie kein Interesse daran an einer solchen Entwicklung. Die Folgen sehen wir immer mehr. Die Verbraucher verstehen die Landwirte nicht mehr und umgekehrt verstehen die Landwirte die Verbraucher nicht mehr.

      • Sören Schewe Antworten | Permalink

        Hallo Alois,

        gerade der letzte Satz Deines Kommentars ist ziemlich entscheidend. Gerade in sozialen Medien ist Kommunikation keine Einbahnstraße (Phrasendrescherei, ich weiß). Habe es hier ja oft erlebt, dass Diskussionen mich letztlich weiter gebracht haben als der Artikel, den ich geschrieben habe.

        Zum Thema Kommunikation und Bindung: im Englisch-sprachigen Raum beobachte ich schon eine Weile die ziemlich lebhafte Community in der Landwirtschaft, die weder homogen noch auf Landwirte beschränkt ist. Egal ob Landwirte, Techniker, Kommunikatoren, Wissenschaftler oder Tierärzte - man tauscht sich untereinander und mit Interessierten aus. Bis zu dem Punkt werden hier aber noch ein paar Jahre ins Land gehen.

  3. Klaus Antworten | Permalink

    @Christin Voigt (einem Initiator der Petition): "Es folgt nur, dass alles, was tiergerecht ist, nicht "Massentierhaltung" ist" möchte ich als Landwirt so nicht stehen lassen und verweise hiermit auf auf die Betriebsgrößen in "Übersee": z.B. Biologische Rinderhaltung in Australien mit mehreren 100.000 Tieren, wobei ein Blick in Betriebe des Biologischen Landbaus auch zeigt, dass "Bio" nicht automatisch "Tiergerecht" ist (z.B. wenn man Gesundheitsparameter als Tierwohlindikatoren heranzieht (http://www.ksta.de/wissen/kranke-tiere-auch-im-bio-stall,15938544,13916870.html).
    Warum wurde von den Initiatoren der Petition vergessen, dass Tierschutz nicht teilbar ist? D.h., in Deutschland gelten die Vorgaben des Tierschutzgesetzes und der Tierschutznutztierhaltungsverordnung immer noch auf das Tier bezogen - unabhängig von der Bestandsgröße. Kann man sich nicht darauf einigen, dass Tierwohl mit dem Betriebsmanagement steht und fällt - unabhängig von der Landbauform?

    Im Übrigen: großes Lob an Sören für diesen Blog, der viele unterschiedlich Interessierte zusammenführt! Man verzeihe mir bitte, dass ich in diesem Kommentar wieder einen Link gesetzt habe. Damit erspare ich mir aber das komplizierte zitieren.

    • Sören Schewe Antworten | Permalink

      Hallo Klaus,

      die Petition dürfte mittlerweile verraucht sein. Macht aber nix, Dein Kommentar hilft ja auch meinen Leserinnen und Lesern. Nicht zuletzt auch mir, deshalb freue ich mich auch sehr über Deine Links.

      Mit Deinem Kommentar stimme ich natürlich völlig überein, deshalb plädierte ich schon damals am Ende des Artikels für eine Petition/ein Banner gegen verantwortungslose Tierhaltung.

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