Genervte Regenwürmer? Zwei Analysen

27. Februar 2015 von Sören Schewe in Allgemein

Wie geht es eigentlich unserem Boden? Und wie steht es um die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen? Gleich zwei ausführlichere Berichte unternahmen zu Beginn des Jahres den Versuch einer Bestandsaufnahme.

Vor einigen Wochen erschien der Bodenatlas des BUND (1). Dank zweier Publikationen in Deutsch und Englisch fand er auch im Englisch-sprachigen Teil meiner Twitter-Timeline einige Beachtung. Im gleichen Zeitraum erschien der DLG-Nachhaltigkeitsbericht. Zeit für eine genauere Betrachtung. Tatsächlich finden sich in beiden Berichten auch einige Gemeinsamkeiten.

Jede Straße und jedes Haus bedeuten auch weniger Fläche für die Natur, für natürlichen Boden und damit auch für die Landwirtschaft. Flächenversiegelung heißt das dann offiziell - eine heikle Thematik, die in beiden Berichten Erwähnung findet.

Flächenverbrauch

So lesen wir im DLG Nachhaltigkeitsbericht über die kontinuierliche Abnahme der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Durch die Zunahme an Siedlungs- und Verkehrsflächen werden rund 74 ha Boden pro Tag versiegelt. Ginge es nach dem Willen der Bundesregierung, dann soll dieser Wert ab 2020 nur noch 30 ha betragen. Im Bodenatlas ist in diesem Zusammenhang von 77 ha täglich versiegelter Fläche die Rede. Das angestrebte Ziel der Bundesregierung wird von den Autoren angezweifelt.

Neben der Versiegelung sind auch die Probleme erodierender und verdichteter Böden in beiden Berichten ein Thema.

Erosion

Darunter versteht man in gewisser Weise ein Verschwinden des Bodens. Dazu kann zum Beispiel Wind beitragen, indem er die oberste Schicht des Bodens trocknet und dann abträgt. Auch Wasser kann ein Problem werden, wenn Partikel weggeschwemmt werden. Gut, der Boden ist dann nicht weg, nur woanders. Aber an einer Hauswand oder in einem Fluss ist er lediglich Dreck und hilft niemandem.

Im DLG Nachhaltigkeitsbericht erfahren wir, dass etwa 17% der deutschen Landwirtschaftsfläche als besonders erosionsgefährdet gelten. Allerdings sind Landwirte gesetzlich zu einer standort- und witterungs-angepassten Bearbeitung des Bodens verpflichtet. Darunter versteht man zum Beispiel einen Zwischenfruchtanbau oder auch eine pfluglose Bodenbearbeitung, um die Schichten und Lebewesen im Boden möglichst wenig zu stören und Wasser im Boden zu halten.

Verdichtung

Lockerer Boden auf Wanderschaft ist also nicht erwünscht. Gewissermaßen das Gegenteil - also zu dichter Boden - ist ebenfalls problematisch. Die Gefahr besteht, wenn schwere Landmaschinen über den Boden fahren und diesen zusammendrücken.

Die Folge der Verdichtung ist das Verschwinden der Hohlräume im Boden. Der Lufttransport wird gestört, aber auch Wasser kann nicht ungehindert seiner Wege gehen und daher auch nicht versickern.

Im DLG-Bericht wird dazu das Umweltbundesamt erwähnt. Nach dessen Schätzungen gibt es auf etwa der Hälfte deutscher Ackerflächen diesbezüglich Probleme.

Biodiversität

Auch die Biodiversität ist in der Landwirtschaft ein großes Thema. Ganz grob versteht man darunter die Vielfalt der Pflanzen und Tiere, die sich in den ländlichen Gegenden tummeln. Letztes Jahr schrieb ich dazu einen Artikel:

Ende der 1980er Jahre wurden sogenannte agro-environmental schemes in der EU etabliert, um der biologischen Vielfalt wieder etwas auf die Sprünge zu helfen. Bestandteile dieser AES sind der verringerte Einsatz von Pestiziden, Crop Rotation (also der Wechsel von angebauten Pflanzen auf den Feldern), der Erhalt der vorhandenen Landschaft, dauerhafte Ackerrandstreifen und der Anbau von mindestens 15% Hülsenfrüchtlern.

Aber auch unterhalb der Grasnarbe kommen wir um einen Blick auf die lebenden Organismen nicht herum - womit wir dann auch wieder bei Erosion und Verdichtung wären. Um zu vermeiden, dass den Regenwürmern da unten die Luft ausgeht oder der
Lebensraum verschwindet, sind eine pfluglose Bodenbearbeitung oder die Verringerung des Reifendrucks der Landmaschinen gegen Verdichtung sehr wichtig - auch, wenn diese Bestrebungen laut Bodenatlas bei weitem nicht ausreichen.

Stickstoff

Womit wir dann bei einem weiteren Streitpunkt in und um den Boden angekommen wären: Stickstoff. Der ist grundsätzlich erstmal sehr wichtig als Nährstoff für Pflanzen. Das bedeutet aber auch, das er dem Boden durch Ackerbau entzogen wird und irgendwie wieder rein muss. Sonst drohen Ertragsverluste. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: die Verwendung organischen Düngers - also Scheiße - oder Kunstdünger. Als weiterer Weg wäre hier noch der Anbau von Hülsenfrüchtlern zu nennen. Durch ihre Symbiose mit Bakterien an den Wurzeln sind sie in der Lage Stickstoff aus der Luft zu binden.

Aber zurück zum Dünger: egal, wie genau Landwirte bei der Düngung vorgehen, ein Teil dessen geht immer auf Reisen - zum Beispiel durch Auswaschungen. Dann landet Dünger in Flüssen und beeinflusst das dortige Ökosystem. Eutrophierung heißt das dann, wenn diese Nährstoffe im Wasser das Algenwachstum fördern. Will man natürlich nicht. Im DLG-Bericht lernen wir noch, dass das Ausmaß der Auswaschungen von der Art des Bodens und dem Witterungsverlauf beeinflusst wird. So seien leichte und flachgründige Böden bei hohen Niederschlägen stärker von Auswaschungen betroffen als lehmige und teifgründige Böden.

Agrarhandel

Weitaus deutlicher auseinander gehen die Meinungen der beiden Berichte allerdings beim Thema des weltweiten Agrarhandels. Im DLG Nachhaltigkeitsbericht ist die Sache mit dem Leitspruch "Trade instead of aid" klar. Importe landwirtschaftlicher Produkte aus Entwicklungsländern seien deren Exporte und brächten damit Geld in diese Länder, das dann wiederum in den Aufbau der dortigen Strukturen investiert werden kann, um Praxis und Technik zu verbessern.

Im Bodenatlas liest sich das etwas anders. Dort ist vom Land-Fuß-Abdruck die Rede - damit lässt sich theoretisch errechnen, wie viel Fläche unser Lebensstil erfordert. Das Motto "Handeln statt Spenden" ist in den Augen der Autoren nichts anderes als Landverbrauch in anderen Ländern für unsere Bedürfnisse. Europa findet hier als jener Kontinent Erwähnung, der am stärksten von Land außerhalb seiner Grenzen abhängig ist. Darunter befinden sich auch Länder wie China, Russland, die Mongolei oder Brasilien. Der Vorwurf liegt in der Tatsache, dass einige dieser Länder eben kaum ihre eigene Bevölkerung versorgen können.

Ausblick

Sowohl der Bodenatlas als auch der DLG-Nachhaltigkeitsbericht sind mit zusammen gut 140 Seiten sehr ausführlich, weshalb dieser kleine Artikel auch nur einen Überblick zur Thematik des Bodens geben kann und soll. Weitere Artikel werden folgen, um dann einzelne Aspekte genauer - gerade auch kritisch - zu betrachten. Einige Beispiele:

  • Pflügen bzw. die pfluglose Bodenbearbeitung
  • viel diskutiert ist auch das Potential von Weiden und Wiederkäuern
  • und - ganz klar - Dünger
  • auch nicht zu verachten: das Potential unserer Städte für den Gemüseanbau bspw.
  • Auch das Thema Agrarhandel verlangt eine genauere Betrachtung.

Persönlich finde ich den Bereich des grazing management sehr spannend und arbeite mich gerade etwas ein - nicht ohne Falltüren für jemanden, der in diesem Bereich neu ist, womit ich nicht die Wiederkäuer meine. Wenn Ihr da also Hinweise auf grundlegende Literatur habt, sagt Bescheid.

Disclaimer:

Ich habe diesen Artikel ursprünglich nicht für mein Blog geschrieben, sondern im Auftrag des DLG e.V. gegen Honorar. Inhaltliche Vorgaben gab es keine, außer den beiden Reports natürlich, die ich aus reiner Laune vermutlich nicht gelesen hätte ;)


Anmerkung

  1. Der Bodenatlas war ein Kooperationsprojekt. Neben dem BUND waren noch die Heinrich Böll-Stiftung, das Institute for Advanced Sustainability Studies und Le Monde diplomatique beteiligt.
  2. Joa, da fehlte plötzlich ein Abschnitt zum Agrarhandel. Habe ihn noch fix ergänzt.

Quellen


2 Kommentare zu “Genervte Regenwürmer? Zwei Analysen”

  1. Küstennebel Antworten | Permalink

    Europa findet hier als jener Kontinent Erwähnung, der am stärksten von Land außerhalb seiner Grenzen abhängig ist. Darunter befinden sich auch Länder wie China, Russland, die Mongolei oder Brasilien. Der Vorwurf liegt in der Tatsache, dass einige dieser Länder eben kaum ihre eigene Bevölkerung versorgen können.

    Das ist der typische Unfuch von Leuten, die einerseits die Exporte nach z.B. Afrika bekämpfen, dort eine subsistenzwirtschaft für Bauern fordern - und damit letztlich nichts anderes als das eigene Ökolandwirtschaftliche Selbstbild exportieren wollen - dabei aber immer noch nicht kapiert haben, das die Welternährung eine globale Angelegenheit ist und sein muss, wenn wir alle von einem vielfältigen Teller essen möchten.

    Die landwirtschaftlichen Flächen sind begrenzt, aber die Erträge pro Fläche sind verbesserungsfähig. Jedenfalls solange man sich nicht auf eine ideologisierte Reduktion der Produktionsmengen einläßt, sondern eine vernunftgesteuerte optimierte Landwirtschaft betreibt, die Umweltbedürfnisse beachtet, den Boden schützt und diese Technik auch durch Bewirtschaftung von Flächen in anderen Ländern, die dieses Know How nicht haben, exportiert und dort genauso wie hier produziert.

    Es ist ein Verdienst der Konzerne Flächen zu nutzen, die in vielen Staaten einfach brach liegen bleiben. Es mag sein das diese Flächen dann oft nicht der dortigen Bevölkerung zu Gute kommen, aber es werden durch Arbeitsplätze vor Ort die Möglichkeiten geschaffen. Das ermöglicht wiederum den dort ansässigen Menschen durch Handel zugriff auf allerlei Waren aus dem Ausland zu erhalten.

    Aber das nur am Rande. Zu den Böden

    http://www.keckl.de/texte/Anti%20Bodenatlas.pdf

    kann man hier viel nachlesen, wie die Bodennutzung in der Landwirtschaft stattfindet und was von den Statistiken oft zu halten ist.

    hinzu kommt schlicht, das der Flächenbedarf pro Kopf sinkt für die Ernährung, das läßt natürlich auch mehr Raum für Versiegelungsflächen, ohne besonders zu schaden.

    Ausserdem sind Versiegelungen nicht durchgängig. Nur weil 77ha ausgewiesen sind, werden diese nicht 100% versiegelt. Es bleiben bis zu 50 Prozent der Flächen punktuell Versiegelungsfrei. Hat also ein Haus einen 120qm Garten, wird durchaus die gesamte Fläche als versiegelte Verstädterung gezählt. Das entspricht aber nicht ganz der Wirklichkeit.

    Hinzu kommt die Frage, in wie weit die ökologisch motivierten Warner wider die Versiegelung die Gesamtzahlen heran gezogen haben. Sieht man also das gerade einmal 10 Prozent von Deutschlands Fläche versiegelt ist, davon jedoch effektiv 20-50 Prozent Fläche immer noch Versiegelungslücken aufweisen, wird das Katastrophisieren eines punktuellen Problems deutlich.

    Es geht also - wieder mal - um ein aufgebauschtes Problem der Ökotruppe.

    Natürlich ist es richtig und wichtig daran zu arbeiten, die Umwelt dort wieder herzustellen, wo sich die Gesellschaft zurück zieht. Da bietet der Städterückbau erhebliche Chancen.

    Auch können durch eine moderne Landwirtschaft mit ihren technischen Vorteilen und hohen Erträgen viele Flächen der Natur überlassen werden und müssen gar nicht für die Bewirtschaftung heran gezogen werden.

    MFG

    • Sören Schewe Antworten | Permalink

      Hallo Küstennebel,

      entschuldige bitte die späte Antwort. Du hast da ein paar gute Punkte erwähnt, wobei - wenn man sich beide Berichte anschaut und die polemischen Seitenhiebe im Bodenatlas weglässt - sich doch einige Gemeinsamkeiten finden. Ich halte es persönlich nicht für sonderlich hilfreich, jetzt alle Fehler in einer Fummel-Arbeit rauszusuchen, sondern konzntriere mich lieber auf die unbestritten bestehenden Probleme bzw. Herausforderungen und wie diese angegangen werden können. Was ich damit meine, kannst Du Dir bei meinem aktuellen Artikel ansehen.

      Grüße

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