Kuhfurz in the Greenhouse

27. November 2015 von Sören Schewe in Sichtweisen

Furzende Kühe sind gerade wieder deutlich aktueller - liegt womöglich an der Tatsache, dass auch der Klimawandel derzeit wieder vermehrt in den Fokus gerückt wird. Natürlich kommen dann auch die immer gleichen Lösungsvorschläge aus den gleichen Ecken hinterher. "Mehr Effizienz!" oder auch "Wir müssen weniger konsumieren!" sind dabei nur zwei "Vorschläge". Vor allem müssen wir natürlich weniger Fleisch konsumieren. Oder gleich gar kein Fleisch mehr, schließlich sind Tiere sehr schlechte Futterverwerter. Dabei geht es hier noch um etwas weitaus Grundsätzlicheres.

800 Millionen Menschen - so viele Kleinbauern leben global in großer Armut. Ihnen bietet die Tierhaltung in vielerlei Hinsicht Sicherheit und bedeutet damit Wohlstand. Ohne funktionierende Infrastruktur, die eine medizinische wie auch tiermedizinische Versorgung sichert oder produzierte tierische Lebensmittel schnell und sicher zu den Menschen in den Städten bringt, ist dieser Wohlstand allerdings sehr fragil. Genau da müssen wir mal bei.

Der International Fund for Agricultural Development hat dazu 2010 ein Paper veröffentlicht und kommt darin auf Basis der bisherigen Erfahrungen zu dem Schluss, dass Tierhaltung einen notwendigen Teil der Landwirtschaft darstellt. So dienen die Tiere als Lieferanten für Lebensmittel und bereichern das Nahrungsangebot. Gleichzeitig sorgt die Kacke als Dünger für höhere Erträge im Ackerbau und stellt dabei auch noch eine nachhaltige Nutzung der Flächen sicher, während Wiesen und Weiden nicht nur als Futterquelle erschlossen werden können, sondern auch anderen Tieren deshalb als Lebensraum dienen können. Da sich eben jene Kleinbauern natürlich auch keine Traktoren leisten können, kommen die Tiere ebenso als Zugtiere zum Einsatz. Dieses System - auch in unseren Breiten als Kreislaufwirtschaft bekannt - ist äußerst effektiv und hat sich über Jahrhunderte bewährt.

Was mich zur Effizienz bringt: auch so ein völlig bekloppt behandeltes Thema. Sicher, wenn wir Rinder, Schweine und Geflügel vergleichen, ist das Federvieh am effizientesten bei Futterumsatz und Zunahmen - eine dolle Erkenntnis, die uns aber exakt nix bringt. Stellen wir uns mal kurz folgendes Szenario vor: mit Hilfe einer internationalen Kraftanstrengung spendieren wir einigen jener im IFAD-Paper genannten Bauern ein paar 30.000er-Geflügelställe. Wir sind sogar total schlau und bauen die Ställe auf Flächen, die sich nicht für Ackerbau eignen. Total effizient. Gut, jetzt muss das Getreide importiert werden. Ok, eine Infrastruktur für Equipment-Betreuung, Tiermedizin etc. fehlt auch noch - und dann ist der Bauer auch noch völlig überfordert mit Größe und Technik. Das wird sicher ein Riesenbrüller.

John Moran berichtete von ähnlichen Aktionen in Südost-Asien, wo ein paar ganz Ausgeschlafene Holstein-Kühe in das dort tropische Klima gesetzt haben - und sich dann wunderten, warum die Milchleistung nicht dem vorhandenen genetischen Potenzial entsprach. Da hätte ich helfen können.

Versteht mich nicht falsch: Effizienz ist was Tolles. Sie muss aber auch standort-angepasst sein - nicht nur klimatisch oder geographisch, sondern auch bezüglich der dortigen gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen sowie Fähigkeiten der Menschen. Dabei können wir die Wichtigkeit des Managements gar nicht oft genug betonen und diskutieren. Wenn irgendwo in Asien die Kuh eines Bauern stirbt, weil der Tierarzt zu weit weg war oder im Straßengraben stecken geblieben ist, hilft es dem Bauern am wenigsten, wenn ich mir hier ein Schnitzel spare. Ein gutes Straßennetz und genügend Tierärzte wären in diesem Moment wichtiger - und auch nachhaltiger. Schließlich muss die Kuh wieder ersetzt werden.

Der Methan-Ausstoß bei Rindern ist ein spannendes Thema - auch deshalb, weil er sich durch Haltung und Fütterung beeinflussen lässt. Man könnte auch manipulieren sagen. Falls also jemand von VW einen neuen Job sucht - Abgas ist Abgas. Grundsätzlich halte ich dieses Abarbeiten an furzenden Rindern und Effizienz-Debatten nach Maßtabelle aber für ziemlich sinnlos. Bei der Verfügbarkeit großer Weideflächen sind nun mal Rinder "the way to go". Und nicht etwa Tiere, die zwar total effizient irgendwas verwerten, deren Futter aber erst noch herangeschafft werden muss bzw. deren effiziente Haltung Ställe benötigt, die sich keiner der 800 Millionen Kleinbauern leisten kann.

Furz hin oder her.


Anmerkung

Falls jemand die hier sonst üblichen Belege und Hinweise vermisst, liegt das an meinem Bedürfnis einfach mal was loswerden zu müssen. Versteht das also als Rant. Fundiert geht es dann nächste Woche weiter.

PS: Habe gerade noch zwei Sätze ergänzt, um die Übergänge eleganter zu gestalten.


12 Kommentare zu “Kuhfurz in the Greenhouse”

  1. Cornelia Antworten | Permalink

    Endlich mal alle Probleme ausgeleuchtet - und klar gemacht, warum es wichtig ist, nicht nur lokale Gegebenheiten zu beachten, sondern auch lokale Rassen zu erhalten

    • Sören Schewe Antworten | Permalink

      Dass ich in diesem kleinen Rant alles ausgeleuchtet hätte, ist zu viel der Ehre. Aber ich arbeite dran ;) Danke!

  2. Dierk Haasis Antworten | Permalink

    Erinnert mich an ein wenig sinnvolles Faktum, dass ich letztens über die Menge Kalorien* hörte, die man zur Aufzucht eines Hähnchen benötigt und wie viel davon im Mund des Verbrauchers landen. IIRC, war das ein Verhältnis von ca. 10:1, aber ich lege dafür nicht einmal einen Brathahn, geschweige denn meine Hand ins Feuer.

    Ich fragte mich nur, ob wir die nicht bei uns landenden Kalorien überhaupt verwerten könnten. Es hat ja wenig Sinn, uns Gras futtern zu lassen, das ohne signifikant zu nähren, durch uns durch läuft. Selbstverständlich könnte man Gras für uns direkt nutzbar machen - ach richtig, das heisst dann bsplw. Hafer, Weizen, Roggen oder Mais, von denen wir direkt auch nur einen sehr kleinen Teil nutzen. Wie viel Kalorien wir in das einzelne Korn stecken, und was davon bei uns ankommt, wurde leider nicht verglichen.

    *Die sagten Kalorien, ich benutze das mal etwas freier für 'nutzbare Nahrung'.

    • Sören Schewe Antworten | Permalink

      Eben. Das ist ein entscheidener Punkt dabei, also nicht nur die Menge Nährstoffe an sich, sondern auch die Nutzbarkeit der Nährstoffe für uns. Deshalb gibt es neben Hunger aus Nahrungsmangel auch den Hunger durch mangelnden Nährstoff-Reichtum der Lebensmittel. Gerade deshalb wird im IFAD-Paper besonders schwangeren Frauen der Konsum tierischer Produkte empfohlen.

    • klaus Antworten | Permalink

      Tatsächlich hinkt der kcal-vergleich, wenn ich Energie aus Pflanzen, die vom Menschen nicht verwertbar sind, für die Erzeugung von biologisch hochwertigen tierischen Proteinen !!! nutze. Kann ich auch in Energie umrechnen, verschweigt dann aber den wirklichen Nutzen.

  3. Noldor Antworten | Permalink

    Falls also jemand von VW einen neuen Job sucht - Abgas ist Abgas.

    Bring die Agronomen nicht noch auf dumme Gedanken. Alle Nutztiere mit implantieten Chips zur Abgasmessung?
    Es genügt doch wenn uns Verschwörungstheoretiker weismachen wollen, wir würden verchipt, wie auch immer.

    Achja, muss ich dann meinen VW Diesel zum Tierarzt bringen? Vielleicht wären dort die Messungen genauer. Aber mein VW ist zu alt für Abgasmessungspfusch.

    • Sören Schewe Antworten | Permalink

      Ich habe mal kurz den Kursiv-Befehl geschlossen ;)

      Implantierte Chips zur Tieranalyse werden kommen - da kannste einen drauf lassen. Warum nicht auch für den Methan-Ausstoß? Sollte sich über die Futter-Zusammensetzug im Pansen vorhersagen lassen.

      Über einen Golf beim Tierarzt habe ich noch gar nicht nachgedacht, mich aber immerhin schon amüsiert.

  4. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Ja, der Klimaschutz hat auch einem Heer von Verhaltens-Ideologien und Anti-Agrariern den Tisch gedeckt.
    Die Landwirtschaft ist nach Umweltbundesamt nach der mobilen und stationären Verbrenung der zweitgrösste Treibhausgasproduzent. Viele sehen nur eine Abhilfe: der Verzicht auf Fleisch (desen Verzehr ohnehin eine Sünde ist) und eine nicht-industrialiserte Form der Landwirtschaft.
    Im ETH-Life-Artikel Produkte müssen klimafreundlicher werden wird beispielsweise konstatiert, dass viele Produktkategorien auf dem Weg zu mehr Klimafreundlichkeit sind, ausser beim Fleisch und beim Fliegen, wo es offenbar nur eine Alternative gebe: Den Verzicht. Zitat: "Allerdings gibt es Bereiche, bei denen die Wissenschaftler Probleme orten zum Beispiel beim Fleisch und beim Fliegen. Beides führt zu hohen Treibhausgas-Emissionen, die nur schwer zu senken sind. Doch auch hier gibt es zumindest schon Ansätze für zukünftige Lösungen, wie zum Beispiel Biotreibstoff oder Fleisch aus dem Reagenzglas. ... Denn trotz aller technischen Fortschritte hält Girod fest: « Die Konsumenten können durch Veränderung ihres Konsumverhalten einen wichtigen Beitrag leisten.» "

    Hier noch die Verlautbarung des Umwelbundesamtes zur Rolle der Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft:

    2013 stammten rund 54 Prozent (%) der gesamten Methan (CH4)-Emissionen und über 77 % der Lachgas (N2O)-Emissionen in Deutschland aus der Landwirtschaft.

    Im Jahr 2013 war die deutsche Landwirtschaft für die Emission von rund 64 Millionen Tonnen (Mio. t) Kohlendioxid (CO2)-Äquivalenten verantwortlich. Das sind 6,7 % der gesamten Treibhausgas-Emissionen dieses Jahres. Die Emissionen aus der Landwirtschaft sind damit nach den energiebedingten Emissionen aus der stationären und mobilen Verbrennung (83,7 %) und vor den prozessbedingten Emissionen der Industrie (6,5 %) der zweitgrößte Verursacher von Treibhausgasen in Deutschland.

    Wer allerdings aus ein paar Befunden und Messwerten sofort Massnahmen wie Verzicht auf Fleischproduktion ableitet, der macht es sich zu einfach und ist wohl auch nicht Landwirt und schon gar nicht Kleinbauer.

    • klaus Antworten | Permalink

      So einfach ist das nicht, wenn man berücksichtigt, dass 95 % der Treibhausgasemissionen natürlichen Ursprungs sind. Der Anteil der Landwirtschaft an den restlichen anthropogen verursachten Treibhausgasemissionen liegt lt. Umweltministerium bei 7 %, davon Tierhaltung 3,5 %.. Für eine Branche, die Mittel zum Leben produziert und dabei noch auf regenerative Energie in Form von Futterpflanzen zurückgreift, finde ich das erstaunlich wenig:http://www.umweltbundesamt.de/daten/klimawandel/treibhausgas-emissionen-in-deutschland

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