Suni ist tot – einer der letzten seiner Art

21. Oktober 2014 von Sören Schewe in Nashörner

Suni ist tot. Damit hat sich die Zahl jener noch zur Fortpflanzung fähigen Tiere der nördlichen Unterart der Breitmaulnashörner mit dem Männchen Sudan und den beiden Weibchen Fatu und Najin auf drei reduziert. Am Samstag fand ich die traurige Nachricht in meinem Postfach. Für den Newsletter der Ol Pejeta Conservancy hatte ich mich damals 2009 angemeldet, als die letzte große Anstrengung zur Rettung unternommen wurde.

Unabhängig von der Art sind sämtliche Populationen der Nashörner weltweit durch Wilderei und den Verlust ihres Lebensraumes großem Druck ausgesetzt. Innerhalb dieser schwierigen Situation nehmen die nördlichen Breitmaulnashörner aber noch eine Sonderstellung ein. Eine Populationsgröße, die schon 2009 einstellig war, lässt auch härteste Optimisten wanken. Trotzdem wagten Fachleute damals das Experiment und verschickten mit Sudan, Suni, Najin und Fatu zwei Paare nördlicher Breitmaulnashörner nach Kenia. Hintergrund dieser Aktion war die Hoffnung, dass die Tiere in ihrer eigentlichen natürlichen Heimat, die tatsächlich nur noch Sudan als Jungtier erlebte (die anderen wurden im Zoo geboren), vielleicht doch noch derart angeregt durch äußere Eindrücke Lust auf Sex bekamen.

Jetzt gibt es bei der Fortpflanzung von Nashörnern in Gefangenschaft zwei recht spezifische Probleme, die das Vorhaben erschweren. So ist eine Paarung ein ziemlicher Kraftakt. Jetzt ist so ein Doggystyle im Tierreich eher was konservatives, die Belastungen die hier allerdings auf die Muskulatur der Nashörner einwirken, sind nicht zu verachten. Eigentlich sind die auch kein Problem, in freier Wildbahn bekommen die Tiere genügend Auslauf, um ausreichend trainiert zu sein. Im Zoo ist das aufgrund des begrenzten Platzes leider anders.
Die andere Sache ist das Alter bzw. die Zeit, die die Tiere in dieser Konstellation bereits im Zoo verbrachten. Sudan wurde zum Beispiel 1974 gefangen. Nach vielen Jahren des Zusammenlebens im Zoo war die erste Hitze der Leidenschaft dann auch mal verraucht. Dass es eher eine Frage des Wollens als Könnens war, zeigte sich recht schnell als die Weibchen der südlichen Unterart ausgerechnet dem alten Sudan wieder Leben in Körperregionen einhauchten, die er vielleicht selbst gar nicht mehr derart auf dem Zettel hatte.

Kommen wir nun zur leidlichen Frage, ob denn da noch irgendwie Hoffnung bestünde. Ehrlich gesagt pisst mich dieses Gefasel um Potentiale zur Rettung bzw. zum Erhalt gerade einigermaßen an. Die große Verschickung der zwei Paare war ein Schuss in den Ofen. Die Tiere waren schon damals nicht mehr jung und mehr als hoffnungsvolle Signale zur Paarung gab es in 5 Jahren nicht. Umso lächerlicher wird die ganze Sache, wenn man die lange Zeit der Trächtigkeit mit einbezieht. Irgendwas in der Hinterhand zu haben klingt immer gut. Aber was bleibt davon? Irgendwo Sperma eingefroren zu haben ist kein Garant für irgendwas. Die ganze Nummer besteht praktisch nur aus Potentialen und Hoffnungen.

Natürlich kommt jetzt auch wieder das alte Lied der Kreuzung ins Spiel. Beide Unterarten der Breitmaulnashörner können sich nämlich nicht nur gemeinsam aufs Poppen verständigen, sondern auch Nachwuchs zeugen. Dadurch ließen sich Merkmale der nördlichen Unterart auch über das Ende der noch lebenden Tiere hinaus erhalten. Dreht man dabei völlig ab, ließe sich auch eine Wiederauferstehung reiner nördlicher Breitmaulnashörner entwerfen. Das dürfte aber nicht weniger Jahrzehnte dauern, wenn - wie in diesem Fall - letztlich nichts als Potential übrig bleibt, welches wie ein Schild vor sich her getragen wird, während klare Ansagen diesbezüglich immer mit den Worten umgangen wurden, dass man Kreuzungen erstmal vermeiden wolle. Hier wird also gehadert und gezaudert bis das genetische Potential wie jetzt aktuell in Form von Suni den Löffel abgibt.

2011 berichtete ich noch einigermaßen gespannt über iPS-Zellen und deren Potential zur Rettung gefährdeter Arten:

Wenn ich die aktuelle Meldung zu diesem Thema aus dem Nature Magazine richtig interpretiere, stehen die Zeichen der Umwandlung in iPS-Zellen positiv. Zuvor hatte man Fatu, einem der beiden Weibchen, ein paar Millionen Zellen abgeluchst und gespeichert. Das hat übrigens den Vorteil, dass man auch nach Fatus Ableben noch auf ihr Material zurückgreifen kann. Das klingt jetzt nicht romantisch, ist aber ungemein praktisch, sollten weitere Durchbrüche noch etwas auf sich warten lassen. Bereitete die Umwandlung der Körperzellen in iPS-Zellen mithilfe menschlicher Gene zuvor noch Probleme, hat das jetzt endlich funktioniert. Das finde ich schon ziemlich erfreulich, auch wenn gewisse Zweifel natürlich immer irgendwie angebracht sind. Bei vielen Wildtieren fehlt das genaue Wissen über deren Fortpflanzungsphysiologie. Hinzu kommt, dass auch die Menge an verfügbaren "Versuchstieren" nicht besonders groß ist. Zudem wurde zwar schon erforscht, wie man ein Nashorn künstlch befruchtet, aber Super-Ovuationen sind wiederum völliges Neuland. Aber eigentlich möchte ich an all die potentiellen Probleme jetzt erstmal nicht denken. Als ich vor ein paar Wochen einen Artikel über Pharmanimals veröffentlichte, erzählte Gehirn-Blogger Helmut Wicht in den Kommentaren, dass er momentan an einer Laudatio säße - und zwar für jenen Mann, der die ersten transgenen Mäuse entwickelt hat. Wenn Ihr jetzt fragt, was der denn nun mit den Nashörnern zu tun habe, kann ich Euch sagen, dass das einiges ist. Mittlerweile forscht er nämlich an induzierten pluripotenten Stammzellen, womit die Kurve geschafft wäre.

Entweder habe ich das was verpasst oder die Sache ist ebenso verpufft wie alles andere auch. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege.

Immerhin wurde Suni nicht durch Wilderer getötet, sondern starb eines natürlichen Todes - auch wenn das nur ein kleiner Trost ist.

Kontext:

Aktuell gibt es noch sechs nördliche Breitmaulnashörner auf der Welt. Sudan und der jetzt tote Suni galten allerdings schon seit 2009 als die letzten zeugungsfähigen Tiere - natürlich zusammen mit Najin und Fatu, den beiden Weibchen.


Hinweise:


16 Kommentare zu “Suni ist tot – einer der letzten seiner Art”

  1. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Zwei Fragen:
    1.) Kann in einem Absatz, in zwei, drei Sätzen erklärt werden, was genau schlecht daran ist, wenn eine Nashornart ausstirbt?
    2.) Was spricht gegen die Speicherung der Fertilität und dem späteren Wiederauferstehen einer Art über geeignete Austräger?

    MFG
    Dr. W

    • Sören Schewe Antworten | Permalink

      Hallo Dr. Webbaer,

      gute Fragen. Zur ersten Frage kann ich leider nicht konkret werden, habe mich bisher mehr mit der Physiologie der Nashörner und weniger mit ihrer Rolle im Ökosystem ihrer heimat beschäftigt. Da muss ich also bisher passen.

      Die zweite Frage kann ich dafür recht klar beantworten. Natürlich spricht nichts dagegen. Es gibt aber keine Garantie für ein späteres Gelingen, Technologien wie die künstliche Befruchtung können funktionieren - oder auch nicht. Und von den iPS-Zellen habe ich nix mehr gehört. Auf die Thematik bin ich in diesem Artikel eingegangen:

      http://www.scilogs.de/vom-hai-gebissen/sperma-blut-und-tr-nen-nashorngeschichten-im-context/

      • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

        Danke, Herr Schewe, für Ihre Reaktion und den Webverweis, Ihr Kommentatorenfreund kennt Sie ja mittlerweile als sachnahen Bearbeiter, der auch mit kritischen Fragen umzugehen weiß.
        Bei Frage 1 täte ihn aber eine möglichst schlüssige Sicht interessieren.
        Nichts gegen Nashörner natürlich und deren Fortbestand als Art und insbesondere auch als Subart, aber manche haben's dbzgl. schon gerne philosophisch.
        MFG + GN,
        Dr. W

        • Sören Schewe Antworten | Permalink

          Mit einer philosophischen Sichtweise kann ich leider nicht dienen, wohl aber mit einer pragmatisch ökonomischen: in das Projekt zur Rettung des nördlichen Breitmaulnashorns ist schon so viel Geld und noch viel mehr Know-how geflossen, dass es einfach schade wäre, wenn all das den Bach runter ginge.

          Wenn es um den Schutz von Wildtieren aber auch Lebensräumen geht, taucht gerade bzgl. des afrikanischen Kontinentes oft das Tourismus-Argument auf. Wenn dort aber irgendwann nur noch drei Zebras stehen, wird wohl kein Mensch mehr dafür Geld bezahlen wollen. Daher ist es natürlich auch ökonomisch tragisch, wenn eine Nashorn- oder eine andere Art von unserem Planeten verschwindet.

          Vielleicht geben Sie mir mal einen Anstoß für eine philosophische Betrachtung...

          • Dr. Webbaer | Permalink

            Vielleicht geben Sie mir mal einen Anstoß für eine philosophische Betrachtung...

            Es sollte so sein, dass das, was der Mensch für das Tier tut, deshalb getan wird, weil er es auch immer für sich tut. [1]
            Dass beispielsweise der Bauer, der Jäger & und der Tourismusbetreiber kein Gegner sein müssen.

            MFG
            Dr. W

            [1] vs. Physiozentrismus

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Fast alle Grosssäugetiere sind in Gefahr auszusterben, weil sie grosse Lebensräume brauchen und daher mit der Landnutzung durch den Menschen konkurrieren.
    Die Situation könnte man durch die Schaffung grosser Nationalparks oder gar durch vernetzte Naturparks verbessert werden.
    Ein Zusammenleben mit Grossäugern ist dagegen in vielen Fällen problematisch, vor allem wenn es sich um Raubtiere wie Grosskatzen, um Bären und Wölfe handelt. Deshalb finde ich es gut, wenn möglichst wenig Landfläche möglichst effizient vom Menschen genutzt wird und grosse Landflächen übrigbleiben, die nicht vom Menschen beansprucht werden.

    • Sören Schewe Antworten | Permalink

      Hallo Herr Holzherr,

      diesen Kommentar hätte ich unter einem Artikel zum Sabah-Nashorn verstanden, bei den Nashörnern des afrikanischen Kontinents steht die Wilderei doch klar im Vordergrund. Sicher, auch hier gibt es Landwirtschaft und Menschen, die Platz brauchen (über Zusammenstöße von Menschen und Tieren dort lese ich immer wieder mal), die massive Vernichtung liegt hier aber nicht begründet.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Landnutzung durch Landwirtschaft oder Bebauung und Wilderei haben etwas gemeinsam: Beide können Menschen eine Lebensunterhalt geben und in beiden Fällen muss die Wildnis oder das wilde Tier weichen. Entweder weil es stört oder weil es tot mehr wert ist als lebendig.
        Es könnte mehr Wildnis und Natur übrigbleiben, wenn die Natur weniger direkten ökonomischen Wert für den Menschen hätte. Wenn ab 2050 mehr als 70% der Menschen in Städten leben und diese Städte nachhaltig und selbstgenügsam (Recycling) wären, dann gäbe es keinen Grund mehr die Natur auszubeuten.

        • Sören Schewe Antworten | Permalink

          Grundsätzlich stimme ich Ihnen ja zu - auch schon in ihrem ersten Kommentar. Der wichtige Einwand ist hier allerdings, dass Wilderei eben nicht nur lukrativ für Arme ist (also notwendig ist für Menschen), sondern gerade in Afrika auch viele externe durchaus gut ausgebildete Akteure unterwegs sind, die damit eine Nachfrage von Stadt-Menschen bedienen, welche völlig abgekoppelt von jeglicher Nachhaltigkeit funktioniert. Hokus-Pokus kann man nicht rational verkaufen.

          • Martin Holzherr | Permalink

            Wer Nashorn so teuer wie Gold verkauft lebt von Aberglaube und Selbsttäuschung. Was aber passiert, wenn es kein Nashorn mehr gibt, weil es keine Nashörner mehr gibt? Dann wird wohl gefälschtes Nashorn-(pulver) auf den Markt gebracht. Das könnte man im Prinzip jetzt schon tun um die Nashörner zu schützen.

  3. Sören Schewe Antworten | Permalink

    Hallo Herr Holzherr,

    ich halte Eingriffe in den Markt für hoch problematisch, die letzten Versuche in diese Richtung gingen fatal nach hinten los. So etwas kann nur bei 100%iger Kontrolle funktionieren. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass das illusorisch ist.

    Falls Sie meinen Artikel zu Legalisierungs-Ideen verpasst haben:

    http://www.scilogs.de/vom-hai-gebissen/legalisierte-wilderei-hell-no/

  4. Sören Schewe Antworten | Permalink

    @Webbaer:

    Mit dieser philosophischen Betrachtungsweise bin ich völlig einverstanden. Eine Erkenntnis aus unserer Diskussion: ich muss mich mal dringend bzgl . der Ökologie bzw. der Rolle der Nashörner im Gefüge ihres Lebensraumes informieren.

  5. Kathrin S. Antworten | Permalink

    Was spräche gegen künstliche Befruchtung - sofern möglich? Schließlich ist das ja bei Nutztieren ganz üblich.

    • Sören Schewe Antworten | Permalink

      Hallo Kathrin,

      künstliche Befruchtung waurde tatsächlich nicht nur in Betracht gezogen, sondern auch schon praktiziert - mit einigem Aufwand. Wissenschaftler des Leibniz Instituts für Zoo- und Wildtierforschung haben dafür eigens mithilfe toter wweiblicher Nashörner an deren Anatomie angepasste Geräte entwickelt. Das erste erfolgreich durch künstliche Befruchtung gezeugte und geborene Nashorn gehört übrigens zur südlichen Unterart der Breitmaulnashörner und "entstand" im Budapester Zoo.

      Grundsätzlich kann man Wild- und Nutztiere nur bedingt miteinander vergleichen. Eins der wichtigen Zuchtziele und Teil der genetischen Auswahl ist bei Nutztieren bspw. auch immer eine gute Fruchtbarkeit. Zudem stehen immer eine große Auswahl weiblicher Tiere und das Sperma mehrerer Männchen zur Verfügung. Der Landwirt kann also gut steuern, ob er bei der nächsten Generation auf Leistung geht oder nicht doch besser auf andere Aspekte achtet. Die Tiere werden so gut wie möglich überwacht, um optimale Zeitpunkte für künstliche Befruchtungen zu erwischen, während der Schwangerschaft bzw. kurz vor der Geburt ist besondere Betreuung ohnehin wichtig.

      Wildtiere ticken in vielerlei Hinsicht anders. Der Grund für die große Verschickung nach Afrika war bspw. die Absicht normaler Sexual-Zyklen, die so im Zoo nicht mehr beobachtet werden konnten (womit dann auch keine funktionierende künstl. Befruchtung möglich war).

      Sollte es dennoch ein reines nördliches Breitmaulnashorn als Nachwuchs geben, haben wir natürlich unabhängig von der Methode - egal ob künstliche Befruchtung oder natürliche Paarung - das Problem des kleinen Genpools. Da ist Inzucht unausweichlich. Die kann man zwar mal praktizieren, aber ohne Aussicht auf Auffrischung des Genpools sehe ich da mittlerweile schwarz.

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