Stefan Rahmstorf | 29. November 2011, 14:05
Heute ist in der Zeitschrift mare mein Artikel über Venedig und den Anstieg des Meeresspiegels erschienen. Die Stadt Venedig ist in vieler Hinsicht einzigartig, aber ihr Kampf gegen die immer häufigeren Überschwemmungen dürfte auch vielen anderen Städten in diesem Jahrhundert bevorstehen.
Mein Artikel ist online frei zugänglich - wer allerdings die Fotos sehen möchte (von 6x6 Mittelformatnegativen - hier zeige ich nur den "Ausschuss"), der sollte auf jeden Fall einen Blick in das gedruckte Heft werfen. Dafür ist die Online-Fassung des Textes korrekt, während sich in der Printfassung beim Redigieren durch die Redaktion leider einige Fehler eingeschlichen haben.
Am gravierendsten für mich war dabei, dass ich über die Ergebnisse einer Expertenkommission der holländischen Regierung berichtet hatte, die auf "bis zu 3,50 Anstieg bis zum Jahr 2200" gekommen war. Es handelte sich also um die Obergrenze einer breiten Unsicherheitsspanne, denn niemand kann heute genau den künftigen Anstieg vorhersagen (siehe die Übersichtsgrafik hier). Doch in der gedruckten Fassung hieß es auf einmal apodiktisch, dass "der Meeresspiegel im Jahr 2200 dreieinhalb Meter höher sein wird als heute".
Wer als Klimaforscher solche unsauberen und übertriebenen Statements macht, verspielt sofort seinen guten Ruf, daher achten wir immer peinlich darauf, dergleichen zu vermeiden. Doch leider passiert es manchmal, dass ein Journalist die Aussagen dann etwas "knackiger" macht und verschärft. Immer wieder hatte ich im Laufe der Jahre damit zu kämpfen (ein Beispiel siehe hier). Ich erinnere mich noch an mein erstes (und letztes) kleines Spiegel-Interview (1999), wo es um die Risiken eines Versiegens des Nordatlantikstroms ging. Auf die Spiegel-Frage "Droht Europa nun eine neue Eiszeit?" hatte ich mit "Sicher nicht." geantwortet, gefolgt weiteren Erläuterungen. So stand es auch in der von mir autorisierten Fassung - im gedruckten Heft waren die Worte "Sicher nicht" dann weg.
Auf Überschriften oder Zwischenüberschriften der eigenen Artikel hat man meist auch keinerlei Einfluss - auch den mare-Titel meines Artikels habe ich erst als fait accompli gesehen (ich wollte den Beitrag einfach "Acqua Alta" nennen, so wie die Einheimischen die Hochwasser in Venedig bezeichnen). Noch ein Beispiel: in der aktuellen Ausgabe der ZEIT erläutern vier Forscher die wichtigsten neuen Ergebnisse des abgelaufenen Jahres - da taucht über meinem Beitrag die Überschrift "Der IPCC untertreibt" auf. Mancher könnte daher meinen, ich unterstelle dem IPCC eine Untertreibungsabsicht. Dabei hat der IPCC den damaligen Kenntnisstand völlig korrekt wiedergegeben. Durch die im Beitrag erwähnte neue Studie hat sich aber inzwischen herausgestellt, dass unsere bisherigen Klimamodelle die Abnahme der Eisdicke in der Arktis stark unterschätzen.
Nicht zuletzt die Frustration darüber, in den klassischen Medien keine Kontrolle über das Endprodukt zu haben, hat mich dazu gebracht, lieber zu bloggen als Zeitungen meine Artikel anzubieten. Und doch ... einige meiner eigenen Bilder in mare abgedruckt zu sehen, das hat meinem Fotografenherzen einen lange gehegten Traum erfüllt!
Links:
Meeresspiegel-Webseiten des PIK
KlimaLounge: Konferenztod in Venedig
Update 30.11.: Zur Leserfrage unten hier die Meeresspiegeldaten für Venedig und Triest aus Carbognin et al. (2010).
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Medien-Check
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