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Was bedeutet Evolution für Sie?

20. Februar 2012, 22:06

Wo Wissenschaft interdisziplinär und auch kontrovers diskutiert wird, zeigt sich immer wieder, wie unterschiedlich selbst die gleichen Begriffe verwendet werden. Dies gilt im besonderen und weitreichenden Maße schon für den Grundbegriff der "Evolution". Abgeleitet von lateinisch evolvere = ausrollen (einer Buchrolle) wurde es in Charles Darwins "Entstehung der Arten" (1859) nur kurz erwähnt, jedoch bald in all seinen Varianten zum dominierenden Begriff ganzer Forschungsrichtungen.

Mir begegnen Evolutionsbegriffe dabei immer wieder in ganz verschiedenen Reichweiten und weltanschaulichen Deutungen.

Der universale Evolutionsbegriff umschreibt die Annahme einer einzigen, alles Beobachtbare umfassenden Entwicklungsgeschichte. Vom (erst in den 1960er Jahren allgemeiner anerkannten) Urknall aus hätte sich Materie zunächst in physikalischen, dann in chemischen, schließlich biologischen, kulturellen, psychologischen (etc.) Emergenzebenen entfaltet, die wiederum miteinander wechselwirken. Diese eine Evolutionsgeschichte könne im Grundsatz empirisch-historisch und interdisziplinär als eine stetige Annäherung an das reale Geschehen erforscht und beschrieben werden.

Die folgende Buchwerbung für das Buch "Thank God for Evolution" des evangelischen Pastors und evolutionären Theisten Michael Dowd stützt sich auf diese kosmisch-universale Evolutionserzählung.

Eine mittlere Reichweite weisen prozesshafte Evolutionsbegriffe auf, die von Evolution dann sprechen, wenn Sequenzen aus Vielfalt (Variation) und unterschiedlich erfolgreicher Tradition (Reproduktion) erfolgen. Neben der organischen Evolution können damit auch kulturelle Evolutionsprozesse sowie ihre Wechselwirkungen erforscht werden.

Biokulturelle Evolution oder Gen-Kultur-Koevolution (Schaubild, Blume 2009)

Sogar ein wenig älter als die biologische Evolutionsforschung ist beispielsweise die Evolutionsforschung zu Sprachen und Wörtern. In ihr wurden und werden Sprach-Stammbäume erstellt und nach Entwicklungsregeln von Wörtern, Lauten, Redewendungen etc. geforscht. Hier ein kurzer Nature-Bericht aus 2009 zur Evolutionsforschung an Sprachen.

Auch die in diesem Blog im Mittelpunkt stehende Evolutionsforschung zu Religiosität (biologisch) und Religionen (kulturell) zum Homo religiosus steht in diesem Kontext.

Der engste, biologisch reduzierte Evolutionsbegriff versteht unter Evolution (nur) die Veränderung genetisch vererbbarer Merkmale. Dabei geht es also ausdrücklich weder um die Entstehung des ersten Lebens - die Abiogenesis bzw. chemische Evolution - noch um die Emergenz neuer Lebensbereiche wie die kulturelle Evolution. Selbstverständlich leugnen auch Vertreter dieses engen Evolutionsbegriffes meist nicht, dass der biologischen Evolution eine (Selbst-)Organisation von Materie vorausging und die spätere Entwicklung kultureller Fähigkeiten wie Werkzeuggebrauch, Kochen oder Sprache(n) wiederum erhebliche Rückwirkungen auf die biologische Evolution hatte.

Hier ein Einführungsvideo der Videoreihe "Evolution der Lebewesen" von Prof. Ulrich Kutschera:

Neben dieser unterschiedlichen Reichweite von Evolutionsbegriffen werden diese auch weltanschaulich eingefärbt. So lesen evolutionäre Theisten - wie Theodosius Dobzhansky, Teilhard de Chardin oder der oben erwähnte Michael Dowd - das gesamte Evolutionsgeschehen als Selbstoffenbarung Gottes. Andere - sowohl evolutionäre Atheisten wie kreationistische Religiöse - gehen dagegen davon aus, dass sich die Zustimmung zur Evolutionstheorie und der Glauben an eine wirkende Gottheit grundsätzlich ausschlössen. Evolutionäre Pessimisten glauben, dass der Evolutionsprozess letztlich sinn- und ziellos sei und sich am Ende mit dem Erlöschen des Universums unabwendbar wieder erledigen werde. Evolutionäre Optimisten meinen dagegen einen - wenn auch immer wieder gefährdeten und unterbrochenen - Fortschritt im Evolutionsprozess zu erkennen. Evolutionäre Agnostiker betonen schließlich, dass Evolutionsforschung immer nur empirisch und historisch sei - letztentscheidende Aussagen über die Zukunft, Gottes Existenz o.ä. seien daher überhaupt nicht möglich.

Das Angebot ist also groß - und mir dürfte es kaum gelungen sein, alle wesentlichen Varianten des einen Begriffes erfasst zu haben. Daher die offene Frage in die Runde: Was bedeutet Evolution für Sie?



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St George - Kapelle und Gebetsraum am Flughafen Heathrow

15. Februar 2012, 20:16

Seit jener legendären Edmund-Stoiber-Rede zu 10 Minuten wissen wir alle, dass es mit Zeit und Flughäfen eine besondere Bewandnis hat. Als ich also am Flughafen Heathrow in London noch etwas Zeit zwischen dem Umsteigen hatte und dieses Schild sah, war es um mich geschehen. Ich musste ihm voller Entdeckerdrang folgen!

Das geheimnisvolle Schild führte mich zu der Flughafenkapelle St. George. Nahe bei Terminal 3, zwischen Busbahnhof und Betonwüsten gelegen, lud ein hohes Kreuz zu einem kleinen Steinpark und zwei Gebäuden des Gebetes.

Eingeweiht im bewegten Jahr 1968 beteilig(t)en sich viele Spender an der Ausgestaltung dieses Gebetsortes. Einigen Menschen, vor allem Flughafenpersonal und Piloten, waren Plaketten gewidmet, die aus der anonymen Wand einen Ort des Gedenkens machten.

Die Gedenkplakette eines Technikers berührte mich besonders. Sein Todestag wurde hier von seiner ihn "liebenden Familie" als "Gewährung des zweiten Flügels" interpretiert, so dass er nun "in Frieden ruhe in der Umgebung, die er so geliebt hat".

Nach einem kurzen Moment des Innehaltens wandte ich mich nach links, zum Eingang der Kapelle. Wie konnte inmitten dieses Lärms ein Ort des Gottesdienstes entstehen? Der Architekt Jack Forrest griff zur Lösung auf jene alte Form zurück, mit der schon frühe Christen Gemeinschaft und Schutz vor Verfolgung verbunden hatten: Die unterirdische Krypta.

So ging es eine Treppe hinab, in einen Vorraum mit Karten, Flugblättern und Broschüren christlichen Glaubens.

Der Heilige Georg war der Schutzheilige Englands und von Anfang an auch der ökumenischen Kapelle geworden, in der sich anglikanische, katholische und "freie" (v.a. evangelische) Gemeinschaften versammelten.

Erfrischend kühl, leise und verblüffend groß hatte sich der Gottesdienstraum von St. George unter der Betonwüste ausgebreitet - ein Ort der Ruhe unter einer brodelnden Verkehrsdrehscheibe.

Ursprünglich hatte jede der vier Flügel einen Altar einer bestimmten Kirchentradition beherbergt, doch im Laufe der Jahre waren die Altartische füreinander frei gegeben worden, so dass Betende sie je nach Bedarf und Aussage nutzen konnten. Hier der Altarbereich katholischer Tradition.

Auch farblich waren unterschiedliche Akzente gesetzt worden.

Besonders aber beeindruckte mich jener schlichte Altartisch, in dessen Decke - Flugzeuge eingestickt worden waren.

Nach einigen Momenten dankbaren Verweilens stieg ich wieder empor. Heathrow war wie London insgesamt einst ein überwiegend christlicher Ort gewesen, der jedoch zunehmend multireligiös geworden war. Und als ich die Krypta verließ, sah ich, dass die Kapelle mitgewachsen war. Dem Eingang der Krypta direkt gegenüber lud ein interkonfessioneller Gebetsraum ein.

Im Eingangsbereich waren auch die Gebetszeiten regelmäßiger Gottesdienste angegeben: Christen, Muslime und Sikhs beteten hier regelmäßig zu ihrem gemeinsamen Gott, dem Schöpfer des Universums. Für Betende jeden Glaubens stand der Raum zudem täglich offen.

Schlicht und doch würdig war der Raum gestaltet, der zum persönlichen wie auch gemeinschaftlichen Gebet einlud.

Am Fenster fand sich ein holzgefertigter Kompass mit Angabe der Qibla, der Gebetsrichtung nach Mekka für Muslime.

Ich fand Poster mit den Feiertagen der Weltreligionen - und eines, das eine gemeinsame Aussage aller gewachsenen Religionsgemeinschaften betonte: Das Gebot unbedingter Kooperation, die Goldene (in einigen Formulierungen Silberne) Regel.

Die Zeit drängte nun, ich musste zum Flieger. Als ich diesen interreligiösen Ort verließ war mir klar, dass er sich mir in seiner religiösen Tapferkeit inmitten hektischer Betriebsamkeit tiefer einprägen würde als so mancher großer, imposante Bau den ich bisher gesehen hatte. Wo abertausende von Meilen geflogen wurde, nahmen sich manche Menschen Zeit für kleine Reisen ins eigene Innere und vor Den, von Dem sie sich geschaffen erfuhren.

In Höhlen hatte sich schon der frühe Mensch Orte der Sammlung, Gemeinschaft und Anbetung geschaffen. Und auch jetzt, da er tonnenschwere Geräte mit Hunderten von Menschen darin in die Wolken und um den Globus jagen kann, vernehmen einige den Ruf der überempirischen Akteure - der Verstorbenen, der Heiligen, der Gottheit.

Wenn Sie einmal am Flughafen Heathrow, Terminal 3 sein sollten - nehmen Sie sich doch 10 Minuten Zeit.



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Ein erweiterter Fitnessbegriff für die Evolutionsforschung des Menschen? Eine Frage an Darwins Geburtstag

12. Februar 2012, 08:35

Heute würde Charles Darwin seinen 203. Geburtstag feiern. Und während fundamentalistische Kreationisten dies als Unglück oder Glaubensprüfung betrachten mögen, begehen besonders in den USA auch immer mehr christliche, jüdische und islamische Glaubensgemeinschaften Evolution Weekend mit speziellen Gottesdiensten und Angeboten rund um die Fragen von Wissenschaft und Glauben. Persönlich habe ich mich aber entschieden, am Darwin-Tag eine Frage aufzuwerfen, die der Bürgerwissenschaftler sich schon selbst stellte, auf die es aber noch immer keine befriedigende Antwort gibt. Genau genommen ist noch nicht einmal klar, ob die Frage überhaupt richtig gestellt ist...

Aber geht das denn überhaupt - in einem Wissenschaftsblog zuzugeben, dass da eine Frage klafft, an der man nicht weiterkommt? Sollten Wissenschaftler nicht immer so tun, als hätten sie alles im Griff, auf alles eine Antwort - oder wenigstens eine heiße Spur? Als könnten sie über Wasser laufen?

Fast hätte es diesen Blogpost gar nicht gegeben, hätte nicht eine Kollegin mir neulich schmunzelnd die aktuelle Ausgabe der Deutschen Universitätstzeitung (duz) vorbeigebracht, dessen vieldeutiger Cartoon des Monats von Sepp Buchegger mich schmunzeln ließ. Danke an die Duz-Redaktion für die Erlaubnis, diesen maliziösen Religionswissenschaftler-Sketch hier im Blog zu veröffentlichen! :-)

Nachdem Sie jetzt also ohnehin wissen, dass bei uns selbst Wunder nicht gut genug sind - kommen wir zur Frage.

Religiosität erhöht im Durchschnitt den Fortpflanzungserfolg. Aber reicht das?

Wie treue Leserinnen und Leser dieses Blogs, der entsprechenden Artikel oder Bücher wissen, forsche ich seit einigen Jahren an der Evolution von Religiosität und Religionen. Dabei hat sich eine zentrale Annahme bereits von Charles Darwin bestätigt: Der gemeinsame und einander durch nicht nur rationales Verhalten signalisierte Glaube an überempirische Akteure (wie Ahnen, Geister, Götter, Gott) ermöglicht es Glaubenden, untereinander durchschnittlich erfolgreicher zu kooperieren. Über Generationen hinweg setzen sich dann immer wieder jene religiösen Varianten durch, die diese Kooperation auch in höhere Kinderzahlen umsetzen - wie die kinderreichen Old Order Amish im Vergleich zu den kinderlosen Shakern. Religiöse Praxis geht daher in allen gewachsenen Weltreligionen evolutionär schlüssig mit durchschnittlich höherem Fortpflanzungserfolg einher.

Fachlich kann ich mich über die auch internationale Resonanz zu diesen Befunden wirklich nicht beklagen. Und als der komplexe Zusammenhang von Religion und Demografie nicht nur aus den USA, sondern zuletzt auch aus Israel in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt ist, berichtete auch der humanistische pressedienst (hpd).

Nun ist der vergleichende Reproduktionserfolg aber nicht nur für gesellschaftliche Prozesse relevant, sondern in der Evolutionsbiologie der gültige Maßstab für evolutionäre ("darwinsche") Fitness.

Nur frage ich mich (und weiß, dass sich auch viele Leserinnen und Leser längst diese Frage stellen): Reicht das als evolutionäre Perspektive aus? Immerhin ist der Mensch ja nicht nur ein biologisches, sondern darüber hinaus auch ein zu Kultur, Bewußtsein und Nachdenken fähiges Wesen. Charles Darwin selbst brachte die Sache in seiner "Abstammung des Menschen" von 1871 (deutsch 1875) auf den Punkt, als er schrieb:

Grosse Gesetzgeber, die Gründer segensreicher Religionen, grosse Philosophen und wissenschaftliche Entdecker unterstützen den Fortschritt der Menschheit in einem viel höheren Grade durch ihre Werke, als durch das Hinterlassen einer zahlreichen Nachkommenschaft.

Jesus und Buddha fallen hierzu beispielsweise ein - wobei letzterer zwar der Überlieferung nach einen Sohn hatte, diesen jedoch später ebenfalls zum zölibatären Mönch ordinierte. Oder denken wir an einen Wissenschaftler, der vielleicht selbst auf Kinder verzichtet, aber ein Medikament entwickelt, das Abertausende Leben rettet. Oder eine kinderlose Politikerin, die eine Politik "für unsere Kinder" gestaltet. Wäre in diesen und unzähligen weiteren Fällen mit biologische Fitness = 0 das Eigentliche gesagt? Und umgekehrt: Hätte sich eine Menschheit, die sich stets nur maximal vermehrt, nicht gerade dadurch längst unweigerlich in ihr Verderben gestürzt? Wurden wir nicht auch durch eine balancierte Demografie zum denkenden Menschen?

Bisherige Lösungsvorschläge

In Darwins "Abstammung" und in Arbeiten späterer Evolutionsforscherinnen und -forscher fand ich im wesentlichen drei Lösungsvorschläge für diese Frage:

1. Verwandten- und Gruppenselektion, "inklusive Fitness", globale Kooperation

Darwin betont, dass auch Menschen, die auf Überleben und Reproduktion zugunsten Anderer verzichten, dennoch (und gerade dadurch!) zum "Erfolg des Stammes" beitragen können - sie es als leuchtendes Beispiel für Kooperation ("Nächstenliebe") oder durch Leben ermöglichende Kulturprodukte. Menschengruppen, in denen sich viele solcher "selbstloser" Menschen fänden, könnten so sehr viel besser bestehen. Martin Nowak nennt Menschen entsprechend bereits "Superkooperatoren". Letztlich ginge es also immer weniger um den Wettbewerb, sondern zunehmend um den gemeinsamen Erfolg des (menschlichen) Lebens.

2. Steigerung des Glücks

Oder ist der Mensch vielleicht der natürlichen und sexuellen Selektion bereits so weit entwachsen, dass er sich eigene Ziele setzen kann - wie beispielsweise die Förderung des menschlichen Glücks bzw. Wohlbefindens? Dann wäre "oberhalb" der Biologie eben nicht mehr nur die "Quantität", sondern auch die "Qualität" menschlichen Lebens zu berücksichtigen. Aber wäre das noch empirische Wissenschaft oder Wunschdenken? Und ein Glücklichmacher im Trinkwasser wirklich ein Fitnessindikator?

3. Gene versus Meme

Von Richard Dawkins stammt die Mem-Metapher. Er empfiehlt seinen Anhängerinnen und Anhängern lieber viele "Meme" als "Gene" in die Welt zu setzen. Aber abgesehen davon, dass nie eine anwendbare Arbeitsdefinition von "Memen" gelang erkenne ich auch kein überzeugendes Gewichtungskriterium. So setzt die Mem-Metapher ja voraus, dass sich die Kinder Anderer bereit finden, die Meme Kinderloser durch die Zeiten zu tragen. Und Terroristen oder Serienmörder wie Jack the Ripper mögen sehr viel mehr "Meme" hervorgerufen haben als eine engagierte Nonne, die ihr Leben der Pflege anderer widmete. Aber könnte das ein Maßstab sein?

Freilich ist es 4. durchaus denkbar, dass schon die Frage falsch gestellt ist. Immerhin ist Evolutionsforschung immer empirische Forschung - also rekonstruierend-beschreibend auf bereits geschehene (historische) Befunde gestützt. Wenn auch Darwin aber über "den Fortschritt der Menschheit" sinniert, so greift er damit doch nicht nur in die Zukunft, sondern nimmt auch eine implizite Bewertung vor. Vielleicht müsste sich Evolutionsforschung einfach damit "begnügen", die Entwicklungsgeschichte des Menschen immer umfassender als biokulturellen Prozess zu rekonstruieren und diese Befunde dann den öffentlichen Debatten, Philosophien und Theologien zur Begutachtung und Bewertung zu überlassen?

Biokulturelle Evolution oder Gen-Kultur-Koevolution (Schaubild, Blume 2009)

Ehrlich gesagt: Ich weiss es einfach (noch) nicht. Bislang habe ich zu "Antwort" 4 tendiert - sicher auch, weil mir dies erlaubte, von einem gesicherten Fundament aus zu forschen. Nun aber frage ich mich, ob es dabei auf Dauer bleiben sollte. Und bin hier einfach einmal so frei, zuzugeben, dass ich da noch rätsele. Darf Sie um Ihre Einschätzungen und Meinungen bitten? Reicht der klassische, biologische Fitnessbegriff des Reproduktionserfolgs für die Evolutionsforschung zum Menschen aus?



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Der Buddhismus als Glücksfall für die Evolutionsforschung zur Religion

08. Februar 2012, 21:46

Die Faszination für indische Religionen insgesamt und den Buddhismus im Besonderen hat in der deutschsprachigen Geistesgeschichte - einschließlich der Religionswissenschaft - eine lange Tradition. Vergleicht man zum Beispiel die Zahl der Abrufe von Hans Küngs siebenteiliger Spurensuche - Die Weltreligionen auf dem Weg auf YouTube, so fällt auf, dass die Teile über Hinduismus und Buddhismus mit Abstand am häufigsten abgerufen wurden.

Neben der menschlichen Neugier nach farbenfroher Exotik (die umgekehrt wiederum indische Bollywood-Filmproduzenten für Alpenkulissen begeistert) erschien und erscheint gerade auch vielen gebildeten, individualisierten Menschen das Versprechen persönlich überprüfbarer Einsichten statt eines beobachtend-richtenden Gottes als sehr viel attraktiver. Essentialistische Religionsdefinitionen, die beispielsweise Religion über den Glauben an Götter bestimmen wollen, treffen so stets schnell auf den Einwand, dass doch der Buddhismus eine "Religion ohne Gott" sei.

Der Buddhismus als Chance für die Evolutionsforschung

In der Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen wird Religiosität seit Charles Darwin (in Varianten) als "Glauben an (bzw. Verhalten zu) überempirische(n) Akteure" gefasst - also an als anwesend und ggf. ansprechbar geglaubte Wesenheiten, die sich beispielsweise in Sternen, Leichnamen, heiligen Stätten, Statuen oder auch dem gesamten Weltall manifestieren können.

Aus dieser evolutionären Perspektive erscheint es als durchaus denk-, ja geradezu erwartbar, dass auch spirituelle und philosophische Systeme aufkommen, die zunächst völlig ohne überempirische Akteure auskommen. Zu erwarten wäre dann jedoch, dass solche Systeme bald überempirische Akteure aufnehmen und so zu überlebensfähigen Religionen "werden".

Und genau dies trifft auf den Buddhismus zu (wie übrigens auch auf weitere Systeme wie den Jainismus, Taoismus usw.). Ursprünglich ging die buddhistische Lehre vom völligen Erlöschen des Erleuchteten aus, was "Gebete" an ihn überflüssig machte: Er war ja nicht mehr da, konnte weder schauen noch antworten.

Doch in der gelebten Realität beschränkten sich diese Einsichten bald auf schmale Eliten, wogegen der Buddhismus in religiösen Traditionen die Verehrung und auch Bändigung zahlloser überempirischer Akteure wie der Ahnen, der Geister, zahlreicher Götter, geistiger Lehrer (wie tibetischer Lamas, die in Kindern wiedergeboren werden können) und Bodhisatvas aufnahm und entfaltete. Das Verbot, den Buddha bildlich darzustellen, wurde nach kaum zwei Jahrhunderten durchbrochen und heute erscheint der Buddha in unzähligen Plastiken von riesigen Statuen bis zu kleinen Hausfigurinen. Ebenso haben sich buddhistische Reliquienscheine - Stupas - zu einem festen Bestandteil buddhistischer Gebets(!)praxis entwickelt.

Bild: Tempelanlage von Borobudur, Indonesien. Gunkarta / Wikimedia

Der real existierende Buddhismus ist nicht a-theistisch, sondern quasi-theistisch - und dies lässt sich nicht aus seiner ursprünglichen Lehre erschließen, sondern allein aus den religiösen Veranlagungen des Menschen und dem höheren kooperativen und damit reproduktiven Potential religiöser Vergemeinschaftungen. Noch ist die Demografie des Buddhismus noch nicht im Detail erforscht - so profane Themen wie Kinder und Familien spielen in der gängigen, westlichen Buddhabegeisterung bis tief in die Wissenschaften bislang leider kaum eine Rolle. Aber die noch wenigen, vorliegenden Befunde deuten doch bereits stark darauf hin, dass auch innerhalb des Buddhismus gilt: Umso theistischer, umso kinderreicher. In seinem Herkunftsland Indien wurde der Buddhismus daher auch vom kinderreicheren, polytheistischen Hinduismus wieder überwachsen, der derzeit wiederum vom monotheistischen Islam demografisch herausgefordert wird.

Dafür haben Buddhisten gemeinhin weder mit der engen Verwandtschaft von Menschen und Tieren noch mit der Evolutionstheorie insgesamt ein Problem und wiesen 2009 in einer US-Befragung sogar eine höhere Zustimmung zu dieser auf als Konfessionslose.

Der Buddhismus - aber auch Hinduismus, Jainismus und andere - bietet also gerade aus evolutionärer Sicht ein hervorragendes Fallbeispiel. Zudem wirft er natürlich viele interessante Fragen auf - so plane ich als nächsten Beitrag in dieser (neuen) Kategorie die Rezension eines Religion-Wissenschafts-Buches des tibetischen Dalai Lama.



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Warum wir Bürgerwissenschaft - Citizen Science - mehr denn je brauchen

03. Februar 2012, 22:22

Im Focus 4/2012 findet sich auf S. 128 ein Interview mit dem als "Star-Ökonomen" vorgestellten Professor Hans-Werner Sinn (63), der das Münchner Ifo-Institut leitet und Direktor des Center for Economic Studies ist. Schon die Überschrift-Schlagzeile lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Schickt die Abgeordneten in einen Grundkurs!" Und falls noch Zweifel bestehen, wie das gemeint sei, antwortet Sinn auf die Frage: "Welchen Satz hassen Sie am meisten?" mit - "Es gilt das Primat der Politik."

Gerade weil ich auch selbst vor dem Studium eine Finanzausbildung mit Auszeichnung absolviert habe, erlaube ich mir - bei allem Respekt vor einzelnen Arbeiten Sinns - die Anmerkung, dass ich in keiner Gesellschaft leben möchte, in der die Ökonomie das Primat über die Politik hat. Ebensowenig wie die Biologie, die Soziologie, die Psychologie, die Religionswissenschaft, eine Theologie, Philosophie oder sonst eine wissenschaftliche Disziplin.

Was ich mir stattdessen wünsche ist eine Gesellschaft, die sich insgesamt und auch in der Politik ebenso konstruktiv wie selbstbewusst mit Wissenschaft(en) auseinandersetzt und zu ihnen beiträgt. Denn seit sich die empirischen Wissenschaften entwickelten, pendelten sie immer zwischen zwei Polen: Dem Konzept offen-transparenter Bürgerwissenschaften einerseits oder den autoritären Ansprüchen pseudo-prophetischer Szientisten (je ihre Wissenschaft verabsolutierender Stimmen) andererseits.

Die empirischen Wissenschaften begannen als Bürgerwissenschaften!

Praktisch die gesamten empirischen Wissenschaften haben ihre Wurzeln im bürgerschaftlichem Engagement von Menschen, die nicht hauptberuflich als Wissenschaftler arbeiteten. Meist waren sie Geistliche (wie z.B. der Mönch und spätere Abt Gregor Mendel), Staatsbeamte, Lehrer, Mediziner, Unternehmer oder auch einfach mehr oder weniger wohlhabende "Privatgelehrte", die ihr Zeit und Geld nicht dem Luxus, sondern Forschung und Lehre widmeten. Charles Darwin, der lebenslang nur einen Abschluss in anglikanischer Theologie erwarb und nie einen Beruf im Wissenschaftsbetrieb ausübte, zählt ebenso beispielhaft dazu wie sein Mitentdecker, der gelernte Landvermesser Alfred Russel Wallace. Oder wie Albert Einstein, der seine bahnbrechenden Entdeckungen als Patentbeamter machte - nachdem seine Bewerbungen um Institutsstellen abgelehnt worden waren. Auch die heute noch aktive Grande Dame der Primatologie Jane Goodall startete ihre Arbeit als gelernte Sekretärin, gefördert durch das an Ergebnissen orientierte Archäologenpaar Leakey.

In diesem bürgerschaftlichen Verständnis von Wissenschaft ist die Gewinnung (Forschung) und Verbreitung (Lehre) von Wissen grundsätzlich jedem Menschen möglich, wenn auch nicht geleugnet wird, dass dafür im Einzelnen jahrelange, anstrengende Arbeit mit unsicherem Ausgang notwendig sein kann. Jede und jeder - vom Kind bis zum Senior - werden ermutigt, sich aktiv mit dem verfügbaren Wissen auseinander zu setzen und gerne auch etwas Eigenes beizutragen. Nicht Rang, Titel oder berufliche Stellung, sondern alleine die Qualität der empirischen Befunde sind nach diesem Verständnis entscheidend.

Hier stellt Arfon Smith, Direktor für Bürgerwissenschaft (Citizen Science) am Adler-Planetarium Chicago auf der EuropeanaTech-Konferenz in Wien 2011 einige Projekte vor, mit denen Bürgerinnen und Bürger längst auch vom heimischen Computer aus zur Wissenschaft beitragen:



Und wer auch spezifisch deutsche Beispiele sehen möchte, wird beispielsweise im Blog von Beatrice Lugger mit einem Web-Interview mit dem Ökologen Klement Tockner fündig.

Gegenentwurf: Die empirischen Wissenschaften nur als Angelegenheit abgeschotteter Eliten

Vertreter eines elitären Wissenschaftsverständnisses rümpfen über die Beteiligung von Laien (von griechisch laos = Volk) nur die Nase, die in ihren Augen nur unwissende, bestenfalls zu belehrende Handlanger sind. "Nun beginnt Ihre Menschwerdung!", ließ mich ein geschätzter Kollege nach der Promotion in Religionswissenschaft wissen. Und auch diese Haltung ist nicht wirklich neu: Schon zu Lebzeiten Darwins wirkte der Jenaer Zoologieprofessor Ernst Haeckel. Bei hervorragenden Leistungen für die Biologie ließ er es aber nicht bewenden, sondern verkündete Politik als "angewandte Biologie" samt Sozialdarwinismus, "Rassentabellen" mit höherwertigen Weißen und niederwertigen Farbigen, Forderungen nach Eugenik und der Abschaffung aller Religionen und Weltanschauungen zugunsten, klar, seiner Lehre. Auf einem Freidenkerkongress in Rom ließ er sich denn auch gezielt-provokant zum "Gegenpapst" ausrufen. All dies Jahrzehnte bevor Richard Dawkins überhaupt geboren wurde.

Foto: André Karwath aka Aka, Wikipedia


Auch Kommunisten und Sozialisten nahmen für sich in Anspruch, eine "höhere, wissenschaftliche Wahrheit" zu vertreten, deren Durchbruch die wissende Elite mit allen Mitteln nachhelfen musste. Durch die Wirklichkeit lassen sich solche Ansichten kaum widerlegen - allenfalls wird zugestanden, dass die breite, ungebildete Masse eben in der "Anwendung" versagt habe. Entsprechend treten einige Ökonomen auch heute noch als selbsternannte Propheten auf und wollen Volk und Politik von oben herab belehren. Dass sich gerade auch die etablierten Wirtschaftswissenschaften längst bis auf die Knochen blamiert haben und zum Beispiel Prognosen der so genannten "Wirtschaftsweisen" bei großen Teilen der Bürgerschaft nur noch ungewollt Heiterkeit auslösen, wird da einfach ausgeblendet. Wenn sich die Realität nicht nach den Modellen richtet - Pech für die Realität.

Eine moderne Wissensgesellschaft funktioniert nur mit einer aktiven Bürgerwissenschaft 

Also, ich möchte weder in einer Gesellschaft leben, in der die Menschen blind jeder angeblich "wissenschaftlichen" Meinung hinterherlaufen - noch in einer Gesellschaft, die Evolutions-, Klima-, Wirtschafts-, Gen- und anderen -forschungen pauschal mißtraut oder gar Verschwörungen unterstellt. Und die einzige Chance, die ich für eine konstruktiv-kritische Wissensgesellschaft sehe, ist das Schaffen von Möglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger, sich je nach ihren Vorkenntnissen und Eigenschaften auch selbst im Kleinen lernend, lehrend und forschend in die Wissenschaft einzubringen.

Sicher sind heute viele Wissenschaftsbereiche längst so kompliziert geworden, dass sie nur nach einer Spezialausbildung (Studium, ggf. Promotion) einigermaßen überblickt werden können. Andererseits aber sind mit wachsender Bildung, wachsendem Wohlstand und dem World Wide Web aber auch völlig neue Formen der Vernetzung, Information und Beteiligung möglich, von denen früher kaum zu träumen war. An der Universität Jena unterrichte ich zum Beispiel immer wieder hoch engagierte und begabte Studierende, die sich auf den Lehrdienst vorbereiten. Die erhalten eine solide, wissenschaftliche Ausbildung und wären mit Sicherheit nur noch bessere Lehrerinnen und Lehrer, wenn sie attraktive Möglichkeiten fänden, neben der Schule auch wissenschaftlich aktiv zu bleiben! Beim ganz neuen Blog NeuroKognition von Manuela Macedonia geht die Debatte schon lebendig los!

Aber statt eines breiten Aufbruches muss ich mit Entsetzen lesen, dass selbst der promovierte Astronomie-Blogger Florian Freistetter ernsthaft glaubt, kein Wissenschaftler mehr zu sein, weil er keine Stelle im Wissenschaftsbetrieb mehr gefunden hat! Der Mann hat promoviert und betreibt einen der erfolgreichsten Wissenschaftsblogs des deutschen Sprachraums, wird von Tausenden gelesen und steht vor der Veröffentlichung seines ersten Buches! Und soll plötzlich kein Wissenschaftler mehr sein?

Vier konkrete Vorschläge für Bürgerwissenschaft

Ich möchte diesen Beitrag mit der Bitte um die Unterstützung von vier Vorschlägen verbinden, die der Scienceblogger Christian Reinboth und ich in den "Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin" eingestellt haben.



In Vorschlag 1 unterstützt Christian den freien Zugang zu öffentlich finanzierter Forschung (Open Access) - eine Forderung, die der Scilogger Lars Fischer bereits mit einer erfolgreichen Bundestagspetition auf den Weg gebracht hat.

Vorschlag 2 fordert eine Verbesserung der prekären (ich würde sogar sagen: skandalösen) Arbeitssituation vieler Nachwuchswissenschaftler, die derzeit Leistung und Laufbahn so vieler junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in unserem Land schlichtweg zerstört und noch mehr entmutigt.

Mein erster Vorschlag (3) greift den Umstand auf, dass sich schon jetzt mehr Freiwillige für die Bundesfreiwilligendienste finden, als überhaupt "Bufdi"-Stellen da sind. Daher schlage ich einen Bufdi-Zug für die (Bürger-)Wissenschaft vor: Freiwillige sollten in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen je nach Vorwissen und Eignung Projekte, Experimente und Exkursionen an Kindergärten und Schulen anbieten können. Für die Wissensgesellschaft wäre das ein Glücksfall, für jüngere Leute eine ideale Chance für Engagement und berufliche Orientierung und für Ältere die Chance, ihre erworbenen Fähigkeiten einzubringen.

Als konkretes Beispiel benenne ich dafür das Buch "Evolutionsbiologie: Moderne Themen für den Unterricht" von Daniel Dreesmann, Dittmar Graf und Klaudia Witte, das hervorragende Experiment- und Projektbeispiele der Evolutionsforschung vom Kindergarten bis zur gymnasialen Oberstufe enthält.



Mein zweiter Vorschlag (4) zielt auf die öffentlich geförderte Etablierung von Open-Access-Journalen, die von gestandenen Wissenschaftlern anonym peer-reviewed werden, zu denen aber jede und jeder Publikationen einreichen kann. Bisher verdienen sich, wie Martin Ballaschk aufzeigt, wenige Konzerne mit der Beschränkung (!) von Wissenszugang goldene Nasen! Auch für solche Journale gibt es bereits ein Beispiel, das religionswissenschaftliche Marburg Journal of Religion.



Schlussplädoyer

Professor Sinn und ich haben bei allen Unterschieden eines gemeinsam: Wir sind beide Beamte, werden also aus den Steuergeldern arbeitender Menschen ("Laien") bezahlt und stehen im "öffentlichen Dienst". Das "Primat der Politik" zu "hassen" und gewählten Abgeordneten pauschal einen "Grundkurs" verordnen zu wollen stellt nach meiner Auffassung eine Arroganz des "Star-Ökonomen" dar, die sich weder freie Bürgerinnen und Bürger noch deren gewählte Vertreterinnen und Vertreter bieten lassen müssen. Empirische Wissenschaft ist keine Angelegenheit selbsternannter Propheten und Priester, sondern eine wertvolle, auch bürgerschaftlich zu gestaltende und im Dialog auszuübende Tätigkeit.

In einem freien Land ist sie auch Ihr gutes Recht! Lassen Sie sich dieses Recht nicht und von Niemandem nehmen!

Literatur:

* Hand, E. 2010: Citizen Science: People Power. Nature 466, 685-687 (2010) (kostenfreier Download)



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Ein Mystiker im Internet - Web-Interview mit Stefan vom Blog Seelengrund

31. Januar 2012, 21:36

In absurden #Heveling-Klischees von "der Netzgemeinde" handelt es sich bei aktiven Internetnutzern wie Bloggern um eine weltanschaulich gleichförmige Masse. In meiner NdG-Kategorie der Web-Interviews möchte ich dagegen aufzeigen, wie bunt und vielseitig der Bereich der deutschsprachigen Blogosphäre gerade auch im Bereich von Religion(en) & Wissenschaft längst geworden ist.



Beim Blognachbarn Stefan vom Blog "Seelengrund" fiel mir zum Beispiel auf, dass er zwar gerne über religiöse und spirituelle ("mystische") Erfahrungen schreibt, sich selbst dabei aber nicht als "Verkünder" versteht und die eigenen Positionen auch immer wieder öffnet und reflektiert. So ist ein kleiner, aber im Ton bemerkenswert feiner Blog entstanden, in dem sich Interessierte dialogisch über außergewöhnliche Erfahrungen in, mit und neben den Weltreligionen austauschen. Als ich ihn wegen eines Webinterviews anfragte, antwortete er verblüfft, er sei doch "nur einer von Vielen, die ungesucht von mystischen Erfahrungen überfallen wurden." Jetzt ließ ich nicht mehr locker.

Stefan Kraus ist 46 Jahre, gelernter Diplom-Verwaltungswirt (FH) und als Bauaufsichtsbeamter tätig. Dass er auch "Gott, Gene und Gehirn" gelesen hat, erfuhr ich erst während des Interviews. :-)

1. Stefan, in Deinem Blog "Seelengrund" bekennst Du Dich als Mystiker und betonst, das Internet habe für die Deutung Deiner Erfahrungen besondere Bedeutung gehabt. Kannst Du uns etwas dazu erzählen?

Nun, das mag für viele Ohren noch immer seltsam klingen, wenn sich jemand als Mystiker bezeichnet. Aber davon sollten wir uns vielleicht lösen. Zunächst einmal ist ja festzustellen, dass wohl weit mehr Menschen mystische Erfahrungen machen, als oftmals angenommen wird. Ihr schreibt in eurem Buch „Gott, Gene und Gehirn“ ja selbst davon, dass es weltweit zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Menschen sind, die mystische Erfahrungen gemacht haben. Dann kommt hinzu, was auch bereits in deiner Frage erkennbar wird: Es ist zu unterscheiden zwischen der mystischen Erfahrung an sich und ihrer Deutung. Und bei der Deutung kann natürlich jeder mitreden, auch wenn man selbst keine mystischen Erfahrungen gemacht hat. Wenn ein Mystiker einer bestimmten Religion angehört, kann er – sofern seine Religion dafür offen ist - seine Erfahrungen innerhalb seines eigenen religiösen Kontextes deuten, sie darin einbetten, und mit etwas Glück auch kommunizieren. Wobei in der Mystik natürlich stets die Schwierigkeit einer adäquaten Versprachlichung und somit einer Kommunikation mitgedacht werden muss. Ich selbst begreife die Deutung und Einbettung – und was viel wichtiger ist: was sich daraus für das Leben beziehen lässt - jedoch als einen nach allen Seiten offenen und ständigen Prozess. Dann wird es schon schwieriger, Dialogpartner und eine entsprechende Vielfältigkeit zu finden. Und diese sind unverzichtbar, um Lernprozesse einzuleiten, neue Impulse zu erhalten, individuelle Korrekturen zu erfahren, usw. Hierbei ist das Internet natürlich eine gewaltige Hilfe.

2. Aus der Perspektive der Evolutionsforschung erkunden wir ja auch Religiosität und Spiritualität als komplexe Merkmale, die uns Menschen evolutionär zugewachsen sind und sich bei jedem Menschen individuell ausprägen. Wie wirken solche wissenschaftlichen Erklärungsansätze auf Dich?

Da ich gegenüber den Wissenschaften immer neugierig war, finde ich solche wissenschaftlichen Ansätze zunächst einmal spannend, in einem weitergehenden Sinne dann aber für mich selbst auch schlichtweg unabdingbar. Dabei ist klar, dass ich hier nicht einem Szientismus das Wort rede. Ein von mir sehr geschätzter Kommentator in meinem Blog hat es treffend mal so ausgedrückt, dass „vorgängig ‚tieferer Erkenntnis‘ das ontologische Fundament zu beäugen sei, auf das man sie sonst unbedacht stellt“. Das gilt natürlich, was meine Betrachtung anbelangt, sowohl für Religion und Spiritualität, als auch für Wissenschaft. Glaube im religiösen bzw. spirituellen Sinne - und an dieser Stelle sei angemerkt, dass natürlich auch jede Deutung mystischer Erfahrung einen Glauben darstellt –  ist ja nicht das infantile Brüderchen des Wissens; andererseits sind Glaube und Wissen dennoch verbunden. Für mich gilt: Wenn Glaube und Wissen anfangen, sich zu meiden oder zu beißen, stimmt etwas nicht. Um die Ursache solcher Unstimmigkeiten aufzuspüren, bedarf es wiederum etwas Philosophie, und sei es auch so laienhaft wie in meinem Fall. Immerhin ist für die individuelle Entwicklung auch Offenheit maßgeblich, und so das Wagnis zunächst einmal wichtiger als die Fähigkeit. Wenn ich anerkenne, dass die Evolution den Menschen auch zu einem sinnsuchenden Wesen gemacht hat, dann sollten sich Wissenschaft, Philosophie, Religion und Spiritualität offen begegnen. Denn was taugt schon mein Glaube, wenn er sich vor Erkenntnissen und Gedanken aus anderer Richtung als der eigenen verstecken, oder diese verdrehen muss, um zu bestehen? Und diese Begegnung kann man nach meiner Erfahrung durchaus gelassen angehen.

3. Das Web bringt Menschen auf neue Art zusammen, so dass sich auf Deinem Blog immer wieder Dialoge über Erfahrungen, Gefühle, Überzeugungen usw. ergeben. Andererseits aber wimmelt es im Internet auch von aggressiven und höhnischen Stimmen, die sich durch die vermeintliche Anonymität ermutigt fühlen, vom Leder zu ziehen. Wie gehst Du mit diesen Schattenseiten des Internets um? Erlebst Du es als Risiko, sich online so zu öffnen?

Ja, persönliche Öffnungen im Internet, insbesondere wenn sie das verletzliche Innere betreffen, sollten sich des von dir angesprochenen Risikos bewusst sein. So etwas zu tun ist natürlich eine Frage der Motivation. Möchte man zum Beispiel anderen damit Mut machen, wäre es irgendwie widersinnig, wenn man sich selbst zu ängstlich gibt. Möchte man zu seinen Erfahrungen und Empfindungen offenen, ehrlichen Austausch, wäre es wenig hilfreich, sich selbst bedeckt zu halten. Aber eine solche Öffnung hängt auch davon ab, wie verletzlich man selbst ist. Das muss natürlich jeder für sich abwägen und entscheiden. In meinem Blog „Seelengrund“ habe ich zum Glück noch keinen solchen "Angriff" erlebt, aber bei meinen anderen Webaktivitäten schon. Bislang hatte ich kein Problem damit, solche Kommentare einfach stehen zu lassen.

Hier ein Seelengrund-Video:

4. Zwischen mystischen und orthodoxen Strömungen gab es ja quer durch die Weltreligionen immer Spannungen. Du hast nach eigenen Angaben die katholische Kirche inzwischen verlassen. Wie sollten sich Kirchen und Religionen Deines Erachtens im Bezug auf spirituelle und mystische Erfahrungen von Mitgliedern und Suchenden verhalten?

Nun, auch wenn ich gelegentlich dazu aufrufe, man solle sich in Sachen Spiritualität und Mystik etwas zutrauen, so nehme ich dennoch gleichzeitig eine recht entspannte Haltung gegenüber kirchlichen und religiösen Positionen ein, welche sich – in welcher Form auch immer – gegenüber der Mystik distanziert verhalten oder äußern. Zum einen kann eine weitergehende Öffnung solcher Positionen für Mystik und Spiritualität natürlich nur als Prozess vonstattengehen. Was das Christentum angeht, habe ich den Eindruck, dass dieser Prozess bereits begonnen hat. Das Interesse an Mystik und Spiritualität scheint mir überhaupt zugenommen zu haben, was sicherlich auch dem Internet zu verdanken ist. Und in diesem Prozess wird wohl auch eine Rolle spielen, dass es nicht wenige Menschen sind, die spirituelle und mystische Erfahrungen machen. Zum anderen habe ich aber eine gewisse Scheu, einen solchen Prozess als notwendig zu bezeichnen. Zwar kann ich für mich die Mystik als die „Seele der Religion“ betrachten und das auch äußern, aber das heißt ja nicht, dass andere das auch müssten. Ich denke, im Grundsatz gibt es keinen richtigen oder falschen Glauben, und wenn jemand zum Beispiel in seinem Glauben oder in einer Lehre Offenbarung und Mystik als Gegensätze begreift, dann ist das doch genauso legitim wie es als Einheit zu glauben. Natürlich gibt es auch dabei problematische Facetten, insbesondere dort, wo ein Glaube oder eine religiöse Lehre anfängt Schaden anzurichten, sei es in der Psyche Einzelner oder als Gewaltbereitschaft einiger Fundamentalisten. Es steht mir also nicht zu, zu sagen, wie sich Kirchen und Religionen in Bezug auf spirituelle und mystische Erfahrungen verhalten sollten. Aber es wäre natürlich schön, wenn auf allen Seiten die Freiheit des Denkens und Glaubens anerkannt und respektiert würde, Dialoge offen und in einem angstfreien Raum geführt werden könnten.

Danke für dieses Interview, Stefan. Wer weitere Fragen an Dich hat, kann sie hier auf NdG einstellen oder Dich im "Seelengrund" besuchen.

Gehirn & Geist-Literatur zum Thema:

Spiritualität: Bucher, A. 2011: "Spiritualität - Moderne Sinnsuche", Gehirn & Geist 03/2011, S. 14 - 19

Religiosität: Blume, M. 2009: "Homo religiosus", Gehirn und Geist 04/2009. S. 32 - 41

 



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Soziale Netzwerke schon bei Jägern und Sammlern - Harvard-Studie zu den Hadza

28. Januar 2012, 10:04

Immer noch hält sich in Teilen der Öffentlichkeit das Klischee von einem brutalen Evolutionsprozess, der letztlich nur Egoismus belohne. Dagegen verweist die Forschung immer stärker auf die enormen Potentiale von Kooperation, die gerade auch die Evolution des Menschen ermöglicht haben.

Letztes Jahr hatte ich auch hier die Auffassung vertreten, dass soziale Netzwerke wie Facebook auch deswegen so erfolgreich und süchtig-machend seien, da sie direkt an unseren sozialen und kooperativen Gelüste nach Teilhabe, Anerkennung und Reputation andocken.

Einer interdisziplinären Forschergruppe aus Coren Apicella, Frank Marlowe, James Fowler und Nicholas Christakis mit Schwerpunkt in Harvard gelang nun jedoch gar der Nachweis, dass die sozialen Netzwerke von heutigen Jägern und Sammlern der Hadza strukturell "modernen" sozialen Netzwerken entsprechen. So schlossen sich die erforschten Hadza zu flexiblen Gruppen ("Camps") zusammen, in denen sich je kooperative ("Kooperatoren") oder weniger kooperative ("Defektoren") Individuen fanden - auch über genetische Verwandtschaftsgrade hinweg. Entsprechend mehr oder weniger erfolgreich konnten und können Hadza-Gruppen gemeinschaftlich Nahrungsbeschaffung, Arbeit (wie Werkzeugherstellung) und Kinderbetreuung organisieren.

Hier der eindrucksvolle Forschungsbericht von Coren Apicella:

 

Evolutionäre Anthropologie und die Prägung unserer Ahnen

Man kann es also gar nicht oft genug sagen: Homo oeconomicus-Modelle & Co., die von grundlegend egoistischen Akteuren ausgehen, sind falsch. Zwar sind Menschen durchaus keine Engel - auch Tendenzen zu Homophily (der Bevorzugung Gleicher) und also Fremdenfeindlichkeit fanden sich durchaus bei den Hadza. Und doch sind wir über abertausende Generationen hinweg auf Kooperation und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Anerkennung usw. evolviert, die nun - individuell verschieden und selbstverständlich soziokulturell ausgeprägt - unser Verhalten prägen. Die Macht, die das Internet über uns gewinnt, resultiert vor allem daraus, dass es diese Sehnsüchte anzusprechen vermag. Von den Hadza und anderen Wildbeutervölkern können wir lernen, wie es dazu kam.

Literatur:

* Apicella, C., Marlowe, F., Fowler, H., Christakis, N. (2012): Social networks and cooperation in hunter-gatherers. In: Nature 481/2012, S. 497 - 502 (kostenpflichtig)

* Blume, M. (2011): Wir Wildbeuter im Web 2.0 - Die soziale Macht des Internet(t). In: Heimat & identität 3/2011, S. 6 - 13 (Open-Access)



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Exzellente Bürgerwissenschaftlerinnen - Jane Goodall und Antoinette Brown Blackwell

25. Januar 2012, 07:34

Nachdem ich im letzten Post Charles Darwin und Albert Einstein als Beispiele benannt habe, dass auch neben- und ehrenamtlich engagierte Wissenschaftler Wissen erarbeiten und verbreiten können, möchte ich nun zwei hervorragende Beispiele für Bürgerwissenschaftlerinnen benennen.

1. Antoinette Brown Blackwell (1825 - 1911)

Schon in einem früheren Blogpost hatte ich diese großartige Forscherin und Aktivistin vorgestellt, die als eine der ersten Frauen in den USA ein Studium absolvieren (wenn auch noch keinen Abschluss machen) und dann als Theologin zur ersten Gemeindepastorin der Nation aufsteigen konnte. Sie brillierte als Frauenrechtlerin, Ehefrau und Mutter, religiöse, politische und wissenschaftliche Vortragsrednerin sowie Autorin, die z.B. in ihrem großartigen "The Sexes throughout Nature" (1875) Frauen diskriminierende Lesarten des Evolutionsprozesses bei ihrem (von ihr durchaus bewunderten) Zeitgenossen Charles Darwin und anderer, fast ausschließlich männlicher Wissenschaftskollegen aufzeigte.

Brown Blackwell erhielt schließlich gar den Ehrendoktor des Oberlin College, das nachträglich stolz auf ihre Leistung war. Selbstverständlich wurde sie trotz ihrer Bekanntheit von den männlichen "Kollegen" über Jahrzehnte hinweg weitgehend ignoriert - und bis heute liegt nicht einmal eine deutschsprachige Biografie oder eine breitere Diskussion ihrer evolutionswissenschaftlichen Arbeiten vor. Doch heutige Kolleginnen wie Sarah Blaffer Hrdy bauen auf ihren Arbeiten auf und ich widmete ihr eine Publikation zur Rolle der Frau in der Evolution der menschlichen Religiosität.

2. Jane Goodall (geb. 1934)

Die dankenswerterweise immer noch aktive und vielleicht bedeutendste Stimme der Primatologie des 20. Jahrhunderts ist Jane Goodall. Und als sie mit ihren Forschungen anfing hatte sie genau einen Abschluss: Den einer Sekretärinnenschule.

Das hinderte das berühmte Paläoontologenpaar Mary und Louis Leakey nicht daran, ihr und zwei weiteren Frauen (Dian Fossey und Birute Galdikas) Chancen zu eröffnen, afrikanische Affen zu erforschen. So hofften sie - wie wir heute wissen, zu Recht - Neues über die Evolution der Vor- und Frühmenschen zu erfahren.

Jane Goodall entwickelte neue Forschungs- und Beschreibungsmethoden und empörte etablierte Behavioristen u.a. mit ihrer Entscheidung, den beobachteten Affen Namen statt Nummern zu geben. Auch beschrieb sie ohne Scheu Vorformen von Religiosität und Spiritualität bei Primaten. Hier sehen Sie ein kurzes Video, in dem die inzwischen längst promovierte und mit unzähligen Würden bedachte Wissenschaftlerin und Institutsgründerin erklärt, wie sie durch die Erfahrungen ihrer eigene Mutterschaft zur besseren Primatologin wurde.

Wir können m.E. nur hoffen, dass sich viele Mädchen und Frauen ein Beispiel an dem Mut dieser und vieler weiterer Frauen nehmen und Wissenschaft nicht als die Angelegenheit streng statusbewusster Herren abtun. Blognachbarin Beatrice Lugger lehrt und lebt es - wie einige andere auch - hier auf den Scilogs: Jede und jeder von uns kann etwas beitragen!



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Albert Einstein und Charles Darwin als Bürgerwissenschaftler

21. Januar 2012, 09:27

Immer noch gibt es das Missverständnis, dass man hauptberuflich Wissenschaftler sein müsste, um Wissenschaft betreiben zu können. Dabei beklagen die meist auf halben Stellen befristet angestellten und mit Lehre und Verwaltung eingedeckten Kolleginnen und Kollegen oft zu Recht, dass ihnen kaum Zeit für eigene Forschungen bliebe - und dass deren Erträge nicht selten auch noch von anderen verniedlicht oder abgeschöpft würden.

Bürgerwissenschaftler - In einer dynamischen Wissensgesellschaft wird Wissen in der Breite geschaffen und aufgenommen

Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt jedoch, dass die Auffassung, Wissenschaft könne nur als hauptamtlicher Beruf betrieben werden, falsch und schädlich ist. Vielmehr wurde Wissenschaft meist von Menschen betrieben, die andere, wissensnahe Berufe - etwa den des Geistlichen, Lehrers oder Schriftstellers - ausübten und daneben Zeit in die Erforschung bestimmter Fragen investierten. In Zeiten ihrer Blüte war Wissenschaft eben gerade nicht nur eine Angelegenheit abgeschotteter Hauptamtlicher, sondern Thema in Vereinen und Salons, in Zeitschriften und auf Ausstellungen, in populären Büchern und Vorträgen.

Zwei Beispiele recht bekannter Bürgerwissenschaftler möchte ich Ihnen gerne vorstellen.

1. Charles Darwin (1809 - 1882)

Charles Darwin erwarb während seines ganzen Lebens nur einen einzigen, wissenschaftlichen Abschluss: Den eines Bachelors in anglikanischer Theologie. Seine Forschungen betrieb er zeitlebens als Privatgelehrter, vernetzt mit Kolleginnen und Kollegen über Briefe und gegenseitige Besuche, Publikationen und wissenschaftliche Vereinigungen (Societies).

Charles Darwin 1868. Bild: Wikimedia commons

Der Mitentdecker der Evolutionstheorie, Alfred Russel Wallace (1823 - 1913) war übrigens gelernter Landvermesser. Und es ist tatsächlich zu fragen, ob das extrem interdisziplinäre Verständnis der Evolutionstheorie überhaupt mit vergleichbaren Freiheiten an einem Fachinstitut oder Lehrstuhl hätte entwickelt werden können.

2. Albert Einstein (1879 - 1955)

1905 war das "Wunderjahr" (Annus mirabilis) im Wirken Albert Einsteins, in dem er in einer Reihe von Veröffentlichungen die Grundlagen der Physik erschütterte und erneuerte. Sicher tat er dies bereits als promovierter Mitarbeiter von einer bezahlten Stelle an einer Universität oder einem Institut aus?

Weit gefehlt: Einstein hatte 1905 ein Diplom als "Fachlehrer für Mathematik und Physik". Seine Bewerbungen für Assistentenstellen an Universitäten waren ausnahmslos abgelehnt worden - und so arbeitete Einstein 1905 als "technischer Experte 3. Klasse" beim Patentamt Bern...

Albert Einstein 1921 - Bild: Wikimedia Commons

Über das Internet wird Wissenschaft wieder zu einer Angelegenheit vieler

Das Internet bietet in Form von Blogs, Online-Angeboten wie Wikipedia, Netzwerken u.v.m. völlig neue Chancen der Vernetzung haupt- und ehrenamtlicher Wissenschaftler. Ernsthaft Forschende und Vermittelnde wird man auch genau an dieser dialogischen Vernetzung erkennen.

Wo auch immer Sie arbeiten - nie waren die Chancen größer, auch eigene Beiträge zur Vertiefung und Verbreiterung des Wissens zu leisten.



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Meinem Vater, Falko Blume (1950 - 2012)

17. Januar 2012, 14:32

Am Samstag unterlag mein Vater nach langem Kampf dem Krebs. Einer von zwei Gründen, warum ich mich entschlossen habe, ihm auch hier zu gedenken, ist, dass es ohne ihn diesen Blog gar nicht gegeben hätte. Und das meine ich nicht nur in der Weise, in der wir alle unser Leben der Lebenskette unserer Vorfahren verdanken. Mein Vater ermöglichte uns nicht nur die Freiheit, sondern auch die Liebe zur Freiheit, nicht nur die Neugier, sondern auch den Willen, daraus etwas zu machen.

Falko Blume wuchs in der ehemaligen DDR auf, wo er auch meine Mutter kennen lernte. Er war Offizier in der Armee (NVA), auf dem aufsteigenden Ast und das System erschien damals noch stabil. Doch er lehnte sich zunehmend auf und versuchte schließlich sogar zu fliehen. Später habe ich ihn gefragt, warum er nicht nur seine Karriere, sondern sein Leben riskiert hatte. Er nannte zwei Gründe: "Ein freies Leben." und "Quedlinburg." Als Kind musste er erleben, wie immer größere Teile der wunderschönen, historischen Stadt seiner Kindheit dem Verfall oder sogar Abriß für sozialistische Zweckbauten preis gegeben wurden. Andere Leute vertreten vielleicht politische Ideologien. Mein Vater vertrat eine politische Ästhetik, gegen die jeder linke oder rechte Extremismus durchfiel. "Glaube keinem Regime, das das geschichtlich Gewachsene nicht achtet." Er wäre gerne Restaurator geworden und hätte alte Möbel und Gebäude restauriert. Doch in der DDR gab es eine solche Berufslaufbahn nicht - denn das Alte wurde meist verachtet.

Seine Flucht wurde verraten. Er verbrachte über ein Jahr in Bautzen und anderen Stasi-Gefängnissen, bevor er und meine Mutter in den Westen abgeschoben wurden. Meine Schwester und ich kamen dann dazu. Dieses Jahr war das einzige Thema, über das wir ihn nicht befragen durften. Was auch immer sie dort mit ihm getan haben - gebrochen haben sie ihn nicht. Nur eins konnte mein Vater sein Leben lang nicht ertragen: Wenn in Freiheit Aufgewachsene sich in Jammerei oder "Politikverdrossenheit" ergingen. Er kannte den Wert der Freiheit, für die er seinen Preis bezahlt hatte. Er ließ keinen Wahltermin verstreichen und unterstützte, dass ich mich später in der JU, als Jugendgemeinderat und Stadtrat engagierte. Und obwohl die DDR sie erfolgreich "entkirchlicht" hatte, waren meine Eltern dabei, als ich mich als Erwachsener evangelisch taufen ließ. Wieder so ein Satz von ihm, den ich jedem theoretischen Proseminar über Religionsfreiheit vorziehe: "Uns haben sie solange zu Dingen gezwungen, bis wir an nichts mehr glauben konnten. Ihr dürft jetzt Eure Wege finden."

Als die Mauer fiel, haben wir vor Freude geweint und gefeiert.

Verwandte hatten wir "im Westen" zunächst gar nicht, sondern waren Migranten ohne Migrationshintergrund. Wossis aus einem Land, das andere nicht einmal aus dem Urlaub kennen konnten. "Ausländer" für manche Einheimischen, "Kartoffeln" für viele mit Migrationshintergrund. Doch meine Eltern jammerten nicht, sondern packten an. Über Jahrzehnte hinweg stand mein Vater Montag bis Samstag um vier Uhr auf, um Zeitungen auszutragen und danach regulär ins Büro zu gehen. Meine Mutter arbeitete im Krankenhaus, oft Nachtschichten. Sobald ich alt genug war, übernahm ich die Zeitungs-Sonntagsausgabe und habe seitdem immer gearbeitet. Es soll Leute geben, die Leistung nur als Last sehen. Meinen Eltern lebten uns vor, dass Arbeit auch Würde sein kann.

Mein Vater war in einer Zeit aufgewachsen, in der Männer weniger Gefühle, sondern Stärke zu zeigen hatten. Und so tat ich mich als verträumter Bücher- und Computerwurm lange sehr schwer damit, in seinen Augen zu bestehen. Meine Mutter hatte mir später einmal erzählt, dass sie beide intern davon ausgingen, dass ich noch mit Mitte 30 alleine bei ihnen wohnen würde. Ein Proto-Nerd, sozusagen. Und wenn ich mir die Bilder von damals anschaue, kann ich ihrer Erwartung nicht widersprechen.

Tja, und dann kam doch alles anders - und ich konnte mich doch wieder auf ihn verlassen. Als ich meiner Familie während meines Wehrdienstes im Alter von 19 Jahren verkündete, dass ich die Richtige gefunden habe und heiraten wolle, war es mein Vater, der das doch etwas verblüffte Schweigen brach: "Junge, ich zahl die Ringe!"

Es folgte eine Bankausbildung (mit Auszeichnung), ein Studium (mit einem Bundespreis), Kinder, Karriere, Promotion, Bücher. Man braucht wohl keinen schwarzen Gürtel in Psychologie, um zu sehen, wem ich mit all dem eigentlich imponieren wollte. Und vor ein paar Jahren erhielt ich dann zum Geburtstag im ersehnten Bücherstapel auch noch eine Karte meines Vaters. Darin, in Handschrift einfach sechs Worte: "Michael, ich bin stolz auf Dich." Ich habe geheult vor Glück - es war in meinen Augen das wertvollste Geschenk, das ich je bekommen habe. Und bin mir ziemlich sicher - hoffe - eine Menge Männer da draußen wissen, was ich meine. Wir alle müssen uns von unseren Vätern irgendwann abgrenzen - und uns dann doch, hoffentlich, wiederfinden. Wie sehr man uns auch "gendern" mag - das wird wohl bleiben.

Drei Generationen: Falko, Michael & Elyas Blume


Mein Vater hat mich gefordert, aber nicht überfordert. Gott sei Dank war er nicht perfekt - sonst wäre er kein realistisches Vorbild gewesen. So kann ich versuchen, an ihm Maß zu nehmen: Als Vater, Ehemann, Bruder, Neuschwabe, Schaffer, Christdemokrat, Geschichts- und Kunstfan, Freiheitsfreund. Die Ringe, die mein Vater uns schenkte, haben meine Frau und ich heute noch. Dafür haben wir unseren Eltern wiederum drei Enkel beschert - und sind glücklich, dass mein Vater noch lange genug gegen den Krebs kämpfen konnte, um auch noch unseren Jüngsten im Arm zu halten. Ein Dank an all die Mediziner und Forscher (wie Blognachbar Sebastian Reusch), die so etwas möglich machen. Es soll Kinder geben, die ihren Eltern alles Mögliche vorwerfen. Ich kann nur sagen, dass ich das Leben, das ich lebe, liebe - und weiß, wem ich es zu verdanken habe.

Ihr da draußen: Wenn Ihr die Gelegenheit noch habt, nehmt Eure Eltern einfach mal wieder in die Arme! Sicher haben auch sie ihre Kanten, aber, ganz unter uns: Die haben wir alle doch auch.

Vor einigen Tagen hatten mein Vater und ich dann die Gelegenheit, voneinander Abschied zu nehmen, zu zweit unter uns. Wir hatten einen Film gesehen (Avatar, in dem ein vermeintlich fortschrittliches Regime Gewachsenes zerstört, bevor es gestürzt wird...). Ich hatte Essen gemacht und wir redeten. Da sprach er plötzlich aus heiterem Himmel anerkennend vom Blogpost über den Guten Rutsch und Hals- und Beinbruch. "Ich wusste gar nicht, dass Dich meine Bloggerei interessiert.", meinte ich verblüfft. Und mein Vater sagte nur: "Seitdem ich endlich Zeit habe, lese ich Deine Texte, und ich lese sie gerne. Schreib weiter, Junge." Und später erfuhr ich von meiner Mutter, dass er sich Texte sogar hatte vorlesen lassen.

An diesem Abend entschied ich, auch hier an Dich zu erinnern, Dad. Und wenn Dich auch die Zähler nicht mehr erfassen - Du fällst jetzt ja, wissenschaftlich gesehen, in den Bereich der überempirischen Akteure -, dann spüre ich doch, dass Du weiterhin mitliest. Ich schreibe hier unten also schon mal weiter. Und wenn wir uns dann einmal wiedersehen, hoffe ich so gelebt zu haben, dass die Karte von Dir immer noch gilt.

In Liebe, Dein Michael



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