SciLogs International .eu.be.es.de
scilogs Natur des Glaubens spektrum.de

aktuelle Artikel RSS

Warum wir Bürgerwissenschaft - Citizen Science - mehr denn je brauchen

03. Februar 2012, 22:22

Im Focus 4/2012 findet sich auf S. 128 ein Interview mit dem als "Star-Ökonomen" vorgestellten Professor Hans-Werner Sinn (63), der das Münchner Ifo-Institut leitet und Direktor des Center for Economic Studies ist. Schon die Überschrift-Schlagzeile lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Schickt die Abgeordneten in einen Grundkurs!" Und falls noch Zweifel bestehen, wie das gemeint sei, antwortet Sinn auf die Frage: "Welchen Satz hassen Sie am meisten?" mit - "Es gilt das Primat der Politik."

Gerade weil ich auch selbst vor dem Studium eine Finanzausbildung mit Auszeichnung absolviert habe, erlaube ich mir - bei allem Respekt vor einzelnen Arbeiten Sinns - die Anmerkung, dass ich in keiner Gesellschaft leben möchte, in der die Ökonomie das Primat über die Politik hat. Ebensowenig wie die Biologie, die Soziologie, die Psychologie, die Religionswissenschaft, eine Theologie, Philosophie oder sonst eine wissenschaftliche Disziplin.

Was ich mir stattdessen wünsche ist eine Gesellschaft, die sich insgesamt und auch (!) in der Politik ebenso konstruktiv wie selbstbewusst mit Wissenschaft(en) auseinandersetzt und zu ihnen beiträgt. Denn seit sich die empirischen Wissenschaften entwickelten, pendelten sie immer zwischen zwei Polen: Dem Konzept offen-transparenter Bürgerwissenschaften einerseits oder den autoritären Ansprüchen pseudo-prophetischer Szientisten (die Wissenschaft verabsolutierender Stimmen) andererseits.

Die empirischen Wissenschaften begannen als Bürgerwissenschaften!

Praktisch die gesamten empirischen Wissenschaften haben ihre Wurzeln im bürgerschaftlichem Engagement von Menschen, die nicht hauptberuflich als Wissenschaftler arbeiteten. Meist waren sie Geistliche (wie z.B. der Mönch und spätere Abt Gregor Mendel), Staatsbeamte, Lehrer, Mediziner, Unternehmer oder auch einfach mehr oder weniger wohlhabende "Privatgelehrte", die ihr Zeit und Geld nicht dem Luxus, sondern Forschung und Lehre widmeten. Charles Darwin, der lebenslang nur einen Abschluss in anglikanischer Theologie erwarb und nie einen Beruf im Wissenschaftsbetrieb ausübte, zählt ebenso beispielhaft dazu wie sein Mitentdecker, der gelernte Landvermesser Alfred Russel Wallace. Oder wie Albert Einstein, der seine bahnbrechenden Entdeckungen als Patentbeamter machte - nachdem seine Bewerbungen um Institutsstellen abgelehnt worden waren. Auch die heute noch aktive Grande Dame der Primatologie Jane Goodall startete ihre Arbeit als gelernte Sekretärin, gefördert durch das an Ergebnissen orientierte Archäologenpaar Leakey.

In diesem bürgerschaftlichen Verständnis von Wissenschaft ist die Gewinnung (Forschung) und Verbreitung (Lehre) von Wissen grundsätzlich jedem Menschen möglich, wenn auch nicht geleugnet wird, dass dafür im Einzelnen jahrelange, anstrengende Arbeit mit unsicherem Ausgang notwendig sein kann. Jede und jeder - vom Kind bis zum Senior - werden ermutigt, sich aktiv mit dem verfügbaren Wissen auseinander zu setzen und gerne auch etwas Eigenes beizutragen. Nicht Rang, Titel oder berufliche Stellung, sondern alleine die Qualität der empirischen Befunde sind nach diesem Verständnis entscheidend.

Hier stellt Arfon Smith, Direktor für Bürgerwissenschaft (Citizen Science) am Adler-Planetarium Chicago auf der EuropeanaTech-Konferenz in Wien 2011 einige Projekte vor, mit denen Bürgerinnen und Bürger längst auch vom heimischen Computer aus zur Wissenschaft beitragen:



Und wer auch spezifisch deutsche Beispiele sehen möchte, wird beispielsweise im Blog von Beatrice Lugger mit einem Web-Interview mit dem Ökologen Klement Tockner fündig.

Gegenentwurf: Die empirischen Wissenschaften als Angelegenheit einer szientistischen Priesterkaste

Vertreter eines elitären Wissenschaftsverständnisses rümpfen über die Beteiligung von Laien (von griechisch laos = Volk) nur die Nase, die in ihren Augen nur unwissende, bestenfalls zu belehrende Handlanger sind. "Nun beginnt Ihre Menschwerdung!", ließ mich ein geschätzter Kollege nach der Promotion in Religionswissenschaft wissen. Und auch diese Haltung ist nicht wirklich neu: Schon zu Lebzeiten Darwins wirkte der Jenaer Zoologieprofessor Ernst Haeckel. Bei hervorragenden Leistungen für die Biologie ließ er es aber nicht bewenden, sondern verkündete Politik als "angewandte Biologie" samt Sozialdarwinismus, "Rassentabellen" mit höherwertigen Weißen und niederwertigen Farbigen, Forderungen nach Eugenik und der Abschaffung aller Religionen und Weltanschauungen zugunsten, klar, seiner Lehre. Auf einem Freidenkerkongress in Rom ließ er sich denn auch gezielt-provokant zum "Gegenpapst" ausrufen. All dies Jahrzehnte bevor Richard Dawkins überhaupt geboren wurde.

Foto: André Karwath aka Aka, Wikipedia


Auch Kommunisten und Sozialisten nahmen für sich in Anspruch, eine "höhere, wissenschaftliche Wahrheit" zu vertreten, deren Durchbruch die wissende Elite mit allen Mitteln nachhelfen musste. Durch die Wirklichkeit lassen sich solche Ansichten kaum widerlegen - allenfalls wird zugestanden, dass die breite, ungebildete Masse eben in der "Anwendung" versagt habe. Entsprechend treten einige Ökonomen auch heute noch als selbsternannte Propheten auf und wollen Volk und Politik von oben herab belehren. Dass sich gerade auch die etablierten Wirtschaftswissenschaften längst bis auf die Knochen blamiert hat und zum Beispiel Prognosen der so genannten "Wirtschaftsweisen" bei großen Teilen der Bürgerschaft ungewollt Heiterkeit auslösen, wird da einfach ausgeblendet. Wenn sich die Realität nicht nach den Modellen richtet - Pech für die Realität.

Eine moderne Wissensgesellschaft funktioniert nur mit einer aktiven Bürgerwissenschaft 

Also, ich möchte weder in einer Gesellschaft leben, in der die Menschen blind jeder angeblich "wissenschaftlichen" Meinung hinterherlaufen - noch in einer Gesellschaft, die Evolutions-, Klima-, Wirtschafts-, Gen- und anderen -forschungen pauschal mißtraut oder gar Verschwörungen unterstellt. Und die einzige Chance, die ich für eine konstruktiv-kritische Wissensgesellschaft sehe, ist das Schaffen von Möglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger, sich je nach ihren Vorkenntnissen und Eigenschaften auch selbst im Kleinen lernend, lehrend und forschend in die Wissenschaft einzubringen.

Sicher sind heute viele Wissenschaftsbereiche längst so kompliziert geworden, dass sie nur nach einer Spezialausbildung (Studium, ggf. Promotion) einigermaßen überblickt werden können. Andererseits aber sind mit wachsender Bildung, wachsendem Wohlstand und dem World Wide Web aber auch völlig neue Formen der Vernetzung, Information und Beteiligung möglich, von denen früher kaum zu träumen war. An der Universität Jena unterrichte ich zum Beispiel immer wieder hoch engagierte und begabte Studierende, die sich auf den Lehrdienst vorbereiten. Die erhalten eine solide, wissenschaftliche Ausbildung und wären mit Sicherheit nur noch bessere Lehrerinnen und Lehrer, wenn sie attraktive Möglichkeiten fänden, neben der Schule auch wissenschaftlich aktiv zu bleiben!

Stattdessen muss ich mit Entsetzen lassen, dass selbst der promovierte Astronomie-Blogger Florian Freistetter ernsthaft glaubt, kein Wissenschaftler mehr zu sein, weil er keine Stelle im Wissenschaftsbetrieb mehr gefunden hat! Der Mann hat promoviert und betreibt einen der erfolgreichsten Wissenschaftsblogs des deutschen Sprachraums, wird von Tausenden gelesen und steht vor der Veröffentlichung seines ersten Buches! Und soll kein Wissenschaftler mehr sein?

Vier konkrete Vorschläge für Bürgerwissenschaft

Ich möchte diesen Beitrag mit der Bitte um die Unterstützung von vier Vorschlägen verbinden, die der Scienceblogger Christian Reinboth und ich in den "Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin" eingestellt haben.



In Vorschlag 1 unterstützt Christian den freien Zugang zu öffentlich finanzierter Forschung (Open Access) - eine Forderung, die der Scilogger Lars Fischer bereits mit einer erfolgreichen Bundestagspetition auf den Weg gebracht hat.

Vorschlag 2 fordert eine Verbesserung der prekären (ich würde sogar sagen: skandalösen) Arbeitssituation vieler Nachwuchswissenschaftler, die derzeit Leistung und Laufbahn so vieler junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in unserem Land schlichtweg zerstört und noch mehr entmutigt.

Mein erster Vorschlag greift den Umstand auf, dass sich schon jetzt mehr Freiwillige für die Bundesfreiwilligendienste finden, als überhaupt "Bufdi"-Stellen da sind. Daher schlage ich einen Bufdi-Zug für die (Bürger-)Wissenschaft vor: Freiwillige sollten in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen je nach Vorwissen und Eignung Projekte, Experimente und Exkursionen an Kindergärten und Schulen anbieten können. Für die Wissensgesellschaft wäre das ein Glücksfall, für jüngere Leute eine ideale Chance für Engagement und berufliche Orientierung und für Ältere die Chance, ihre erworbenen Fähigkeiten einzubringen.

Als konkretes Beispiel benenne ich dafür das Buch "Evolutionsbiologie: Moderne Themen für den Unterricht" von Daniel Dreesmann, Dittmar Graf und Klaudia Witte, das hervorragende Experiment- und Projektbeispiele der Evolutionsforschung vom Kindergarten bis zur gymnasialen Oberstufe enthält.



Mein zweiter Vorschlag zielt auf die öffentlich geförderte Etablierung von Open-Access-Journalen, die von gestandenen Wissenschaftlern anonym peer-reviewed werden, zu denen aber jede und jeder Publikationen einreichen kann. Auch für solche Journale gibt es bereits ein Beispiel, das religionswissenschaftliche Marburg Journal of Religion.



Schlussplädoyer

Professor Sinn und ich haben bei allen Unterschieden eines gemeinsam: Wir sind beide Beamte, werden also aus den Steuergeldern arbeitender Menschen ("Laien") bezahlt und stehen im "öffentlichen Dienst". Das "Primat der Politik" zu "hassen" und gewählten Abgeordneten pauschal einen "Grundkurs" verordnen zu wollen stellt nach meiner Auffassung eine Arroganz des "Star-Ökonomen" dar, die sich weder freie Bürgerinnen und Bürger noch deren gewählte Vertreterinnen und Vertreter bieten lassen müssen. Empirische Wissenschaft ist keine Angelegenheit selbsternannter Propheten und Priester, sondern eine wertvolle, auch bürgerschaftlich zu gestaltende und im Dialog auszuübende Tätigkeit.

In einem freien Land ist sie auch Ihr gutes Recht! Lassen Sie sich dieses Recht nicht und von Niemandem nehmen!



Geschrieben in Bürgerwissenschaft | 0 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Ein Mystiker im Internet - Web-Interview mit Stefan vom Blog Seelengrund

31. Januar 2012, 21:36

In absurden #Heveling-Klischees von "der Netzgemeinde" handelt es sich bei aktiven Internetnutzern wie Bloggern um eine weltanschaulich gleichförmige Masse. In meiner NdG-Kategorie der Web-Interviews möchte ich dagegen aufzeigen, wie bunt und vielseitig der Bereich der deutschsprachigen Blogosphäre gerade auch im Bereich von Religion(en) & Wissenschaft längst geworden ist.



Beim Blognachbarn Stefan vom Blog "Seelengrund" fiel mir zum Beispiel auf, dass er zwar gerne über religiöse und spirituelle ("mystische") Erfahrungen schreibt, sich selbst dabei aber nicht als "Verkünder" versteht und die eigenen Positionen auch immer wieder öffnet und reflektiert. So ist ein kleiner, aber im Ton bemerkenswert feiner Blog entstanden, in dem sich Interessierte dialogisch über außergewöhnliche Erfahrungen in, mit und neben den Weltreligionen austauschen. Als ich ihn wegen eines Webinterviews anfragte, antwortete er verblüfft, er sei doch "nur einer von Vielen, die ungesucht von mystischen Erfahrungen überfallen wurden." Jetzt ließ ich nicht mehr locker.

Stefan Kraus ist 46 Jahre, gelernter Diplom-Verwaltungswirt (FH) und als Bauaufsichtsbeamter tätig. Dass er auch "Gott, Gene und Gehirn" gelesen hat, erfuhr ich erst während des Interviews. :-)

1. Stefan, in Deinem Blog "Seelengrund" bekennst Du Dich als Mystiker und betonst, das Internet habe für die Deutung Deiner Erfahrungen besondere Bedeutung gehabt. Kannst Du uns etwas dazu erzählen?

Nun, das mag für viele Ohren noch immer seltsam klingen, wenn sich jemand als Mystiker bezeichnet. Aber davon sollten wir uns vielleicht lösen. Zunächst einmal ist ja festzustellen, dass wohl weit mehr Menschen mystische Erfahrungen machen, als oftmals angenommen wird. Ihr schreibt in eurem Buch „Gott, Gene und Gehirn“ ja selbst davon, dass es weltweit zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Menschen sind, die mystische Erfahrungen gemacht haben. Dann kommt hinzu, was auch bereits in deiner Frage erkennbar wird: Es ist zu unterscheiden zwischen der mystischen Erfahrung an sich und ihrer Deutung. Und bei der Deutung kann natürlich jeder mitreden, auch wenn man selbst keine mystischen Erfahrungen gemacht hat. Wenn ein Mystiker einer bestimmten Religion angehört, kann er – sofern seine Religion dafür offen ist - seine Erfahrungen innerhalb seines eigenen religiösen Kontextes deuten, sie darin einbetten, und mit etwas Glück auch kommunizieren. Wobei in der Mystik natürlich stets die Schwierigkeit einer adäquaten Versprachlichung und somit einer Kommunikation mitgedacht werden muss. Ich selbst begreife die Deutung und Einbettung – und was viel wichtiger ist: was sich daraus für das Leben beziehen lässt - jedoch als einen nach allen Seiten offenen und ständigen Prozess. Dann wird es schon schwieriger, Dialogpartner und eine entsprechende Vielfältigkeit zu finden. Und diese sind unverzichtbar, um Lernprozesse einzuleiten, neue Impulse zu erhalten, individuelle Korrekturen zu erfahren, usw. Hierbei ist das Internet natürlich eine gewaltige Hilfe.

2. Aus der Perspektive der Evolutionsforschung erkunden wir ja auch Religiosität und Spiritualität als komplexe Merkmale, die uns Menschen evolutionär zugewachsen sind und sich bei jedem Menschen individuell ausprägen. Wie wirken solche wissenschaftlichen Erklärungsansätze auf Dich?

Da ich gegenüber den Wissenschaften immer neugierig war, finde ich solche wissenschaftlichen Ansätze zunächst einmal spannend, in einem weitergehenden Sinne dann aber für mich selbst auch schlichtweg unabdingbar. Dabei ist klar, dass ich hier nicht einem Szientismus das Wort rede. Ein von mir sehr geschätzter Kommentator in meinem Blog hat es treffend mal so ausgedrückt, dass „vorgängig ‚tieferer Erkenntnis‘ das ontologische Fundament zu beäugen sei, auf das man sie sonst unbedacht stellt“. Das gilt natürlich, was meine Betrachtung anbelangt, sowohl für Religion und Spiritualität, als auch für Wissenschaft. Glaube im religiösen bzw. spirituellen Sinne - und an dieser Stelle sei angemerkt, dass natürlich auch jede Deutung mystischer Erfahrung einen Glauben darstellt –  ist ja nicht das infantile Brüderchen des Wissens; andererseits sind Glaube und Wissen dennoch verbunden. Für mich gilt: Wenn Glaube und Wissen anfangen, sich zu meiden oder zu beißen, stimmt etwas nicht. Um die Ursache solcher Unstimmigkeiten aufzuspüren, bedarf es wiederum etwas Philosophie, und sei es auch so laienhaft wie in meinem Fall. Immerhin ist für die individuelle Entwicklung auch Offenheit maßgeblich, und so das Wagnis zunächst einmal wichtiger als die Fähigkeit. Wenn ich anerkenne, dass die Evolution den Menschen auch zu einem sinnsuchenden Wesen gemacht hat, dann sollten sich Wissenschaft, Philosophie, Religion und Spiritualität offen begegnen. Denn was taugt schon mein Glaube, wenn er sich vor Erkenntnissen und Gedanken aus anderer Richtung als der eigenen verstecken, oder diese verdrehen muss, um zu bestehen? Und diese Begegnung kann man nach meiner Erfahrung durchaus gelassen angehen.

3. Das Web bringt Menschen auf neue Art zusammen, so dass sich auf Deinem Blog immer wieder Dialoge über Erfahrungen, Gefühle, Überzeugungen usw. ergeben. Andererseits aber wimmelt es im Internet auch von aggressiven und höhnischen Stimmen, die sich durch die vermeintliche Anonymität ermutigt fühlen, vom Leder zu ziehen. Wie gehst Du mit diesen Schattenseiten des Internets um? Erlebst Du es als Risiko, sich online so zu öffnen?

Ja, persönliche Öffnungen im Internet, insbesondere wenn sie das verletzliche Innere betreffen, sollten sich des von dir angesprochenen Risikos bewusst sein. So etwas zu tun ist natürlich eine Frage der Motivation. Möchte man zum Beispiel anderen damit Mut machen, wäre es irgendwie widersinnig, wenn man sich selbst zu ängstlich gibt. Möchte man zu seinen Erfahrungen und Empfindungen offenen, ehrlichen Austausch, wäre es wenig hilfreich, sich selbst bedeckt zu halten. Aber eine solche Öffnung hängt auch davon ab, wie verletzlich man selbst ist. Das muss natürlich jeder für sich abwägen und entscheiden. In meinem Blog „Seelengrund“ habe ich zum Glück noch keinen solchen "Angriff" erlebt, aber bei meinen anderen Webaktivitäten schon. Bislang hatte ich kein Problem damit, solche Kommentare einfach stehen zu lassen.

Hier ein Seelengrund-Video:

4. Zwischen mystischen und orthodoxen Strömungen gab es ja quer durch die Weltreligionen immer Spannungen. Du hast nach eigenen Angaben die katholische Kirche inzwischen verlassen. Wie sollten sich Kirchen und Religionen Deines Erachtens im Bezug auf spirituelle und mystische Erfahrungen von Mitgliedern und Suchenden verhalten?

Nun, auch wenn ich gelegentlich dazu aufrufe, man solle sich in Sachen Spiritualität und Mystik etwas zutrauen, so nehme ich dennoch gleichzeitig eine recht entspannte Haltung gegenüber kirchlichen und religiösen Positionen ein, welche sich – in welcher Form auch immer – gegenüber der Mystik distanziert verhalten oder äußern. Zum einen kann eine weitergehende Öffnung solcher Positionen für Mystik und Spiritualität natürlich nur als Prozess vonstattengehen. Was das Christentum angeht, habe ich den Eindruck, dass dieser Prozess bereits begonnen hat. Das Interesse an Mystik und Spiritualität scheint mir überhaupt zugenommen zu haben, was sicherlich auch dem Internet zu verdanken ist. Und in diesem Prozess wird wohl auch eine Rolle spielen, dass es nicht wenige Menschen sind, die spirituelle und mystische Erfahrungen machen. Zum anderen habe ich aber eine gewisse Scheu, einen solchen Prozess als notwendig zu bezeichnen. Zwar kann ich für mich die Mystik als die „Seele der Religion“ betrachten und das auch äußern, aber das heißt ja nicht, dass andere das auch müssten. Ich denke, im Grundsatz gibt es keinen richtigen oder falschen Glauben, und wenn jemand zum Beispiel in seinem Glauben oder in einer Lehre Offenbarung und Mystik als Gegensätze begreift, dann ist das doch genauso legitim wie es als Einheit zu glauben. Natürlich gibt es auch dabei problematische Facetten, insbesondere dort, wo ein Glaube oder eine religiöse Lehre anfängt Schaden anzurichten, sei es in der Psyche Einzelner oder als Gewaltbereitschaft einiger Fundamentalisten. Es steht mir also nicht zu, zu sagen, wie sich Kirchen und Religionen in Bezug auf spirituelle und mystische Erfahrungen verhalten sollten. Aber es wäre natürlich schön, wenn auf allen Seiten die Freiheit des Denkens und Glaubens anerkannt und respektiert würde, Dialoge offen und in einem angstfreien Raum geführt werden könnten.

Danke für dieses Interview, Stefan. Wer weitere Fragen an Dich hat, kann sie hier auf NdG einstellen oder Dich im "Seelengrund" besuchen.

Gehirn & Geist-Literatur zum Thema:

Spiritualität: Bucher, A. 2011: "Spiritualität - Moderne Sinnsuche", Gehirn & Geist 03/2011, S. 14 - 19

Religiosität: Blume, M. 2009: "Homo religiosus", Gehirn und Geist 04/2009. S. 32 - 41

 



Geschrieben in Religion im Internet , Web-Interviews | 29 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Soziale Netzwerke schon bei Jägern und Sammlern - Harvard-Studie zu den Hadza

28. Januar 2012, 10:04

Immer noch hält sich in Teilen der Öffentlichkeit das Klischee von einem brutalen Evolutionsprozess, der letztlich nur Egoismus belohne. Dagegen verweist die Forschung immer stärker auf die enormen Potentiale von Kooperation, die gerade auch die Evolution des Menschen ermöglicht haben.

Letztes Jahr hatte ich auch hier die Auffassung vertreten, dass soziale Netzwerke wie Facebook auch deswegen so erfolgreich und süchtig-machend seien, da sie direkt an unseren sozialen und kooperativen Gelüste nach Teilhabe, Anerkennung und Reputation andocken.

Einer interdisziplinären Forschergruppe aus Coren Apicella, Frank Marlowe, James Fowler und Nicholas Christakis mit Schwerpunkt in Harvard gelang nun jedoch gar der Nachweis, dass die sozialen Netzwerke von heutigen Jägern und Sammlern der Hadza strukturell "modernen" sozialen Netzwerken entsprechen. So schlossen sich die erforschten Hadza zu flexiblen Gruppen ("Camps") zusammen, in denen sich je kooperative ("Kooperatoren") oder weniger kooperative ("Defektoren") Individuen fanden - auch über genetische Verwandtschaftsgrade hinweg. Entsprechend mehr oder weniger erfolgreich konnten und können Hadza-Gruppen gemeinschaftlich Nahrungsbeschaffung, Arbeit (wie Werkzeugherstellung) und Kinderbetreuung organisieren.

Hier der eindrucksvolle Forschungsbericht von Coren Apicella:

 

Evolutionäre Anthropologie und die Prägung unserer Ahnen

Man kann es also gar nicht oft genug sagen: Homo oeconomicus-Modelle & Co., die von grundlegend egoistischen Akteuren ausgehen, sind falsch. Zwar sind Menschen durchaus keine Engel - auch Tendenzen zu Homophily (der Bevorzugung Gleicher) und also Fremdenfeindlichkeit fanden sich durchaus bei den Hadza. Und doch sind wir über abertausende Generationen hinweg auf Kooperation und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Anerkennung usw. evolviert, die nun - individuell verschieden und selbstverständlich soziokulturell ausgeprägt - unser Verhalten prägen. Die Macht, die das Internet über uns gewinnt, resultiert vor allem daraus, dass es diese Sehnsüchte anzusprechen vermag. Von den Hadza und anderen Wildbeutervölkern können wir lernen, wie es dazu kam.

Literatur:

* Apicella, C., Marlowe, F., Fowler, H., Christakis, N. (2012): Social networks and cooperation in hunter-gatherers. In: Nature 481/2012, S. 497 - 502 (kostenpflichtig)

* Blume, M. (2011): Wir Wildbeuter im Web 2.0 - Die soziale Macht des Internet(t). In: Heimat & identität 3/2011, S. 6 - 13 (Open-Access)



Geschrieben in Evolutionspsychologie , Spieltheorie , Netzkultur(en) | 17 Kommentare | 1 Trackbacks | Permalink


Exzellente Bürgerwissenschaftlerinnen - Jane Goodall und Antoinette Brown Blackwell

25. Januar 2012, 07:34

Nachdem ich im letzten Post Charles Darwin und Albert Einstein als Beispiele benannt habe, dass auch neben- und ehrenamtlich engagierte Wissenschaftler Wissen erarbeiten und verbreiten können, möchte ich nun zwei hervorragende Beispiele für Bürgerwissenschaftlerinnen benennen.

1. Antoinette Brown Blackwell (1825 - 1911)

Schon in einem früheren Blogpost hatte ich diese großartige Forscherin und Aktivistin vorgestellt, die als eine der ersten Frauen in den USA ein Studium absolvieren (wenn auch noch keinen Abschluss machen) und dann als Theologin zur ersten Gemeindepastorin der Nation aufsteigen konnte. Sie brillierte als Frauenrechtlerin, Ehefrau und Mutter, religiöse, politische und wissenschaftliche Vortragsrednerin sowie Autorin, die z.B. in ihrem großartigen "The Sexes throughout Nature" (1875) Frauen diskriminierende Lesarten des Evolutionsprozesses bei ihrem (von ihr durchaus bewunderten) Zeitgenossen Charles Darwin und anderer, fast ausschließlich männlicher Wissenschaftskollegen aufzeigte.

Brown Blackwell erhielt schließlich gar den Ehrendoktor des Oberlin College, das nachträglich stolz auf ihre Leistung war. Selbstverständlich wurde sie trotz ihrer Bekanntheit von den männlichen "Kollegen" über Jahrzehnte hinweg weitgehend ignoriert - und bis heute liegt nicht einmal eine deutschsprachige Biografie oder eine breitere Diskussion ihrer evolutionswissenschaftlichen Arbeiten vor. Doch heutige Kolleginnen wie Sarah Blaffer Hrdy bauen auf ihren Arbeiten auf und ich widmete ihr eine Publikation zur Rolle der Frau in der Evolution der menschlichen Religiosität.

2. Jane Goodall (geb. 1934)

Die dankenswerterweise immer noch aktive und vielleicht bedeutendste Stimme der Primatologie des 20. Jahrhunderts ist Jane Goodall. Und als sie mit ihren Forschungen anfing hatte sie genau einen Abschluss: Den einer Sekretärinnenschule.

Das hinderte das berühmte Paläoontologenpaar Mary und Louis Leakey nicht daran, ihr und zwei weiteren Frauen (Dian Fossey und Birute Galdikas) Chancen zu eröffnen, afrikanische Affen zu erforschen. So hofften sie - wie wir heute wissen, zu Recht - Neues über die Evolution der Vor- und Frühmenschen zu erfahren.

Jane Goodall entwickelte neue Forschungs- und Beschreibungsmethoden und empörte etablierte Behavioristen u.a. mit ihrer Entscheidung, den beobachteten Affen Namen statt Nummern zu geben. Auch beschrieb sie ohne Scheu Vorformen von Religiosität und Spiritualität bei Primaten. Hier sehen Sie ein kurzes Video, in dem die inzwischen längst promovierte und mit unzähligen Würden bedachte Wissenschaftlerin und Institutsgründerin erklärt, wie sie durch die Erfahrungen ihrer eigene Mutterschaft zur besseren Primatologin wurde.

Wir können m.E. nur hoffen, dass sich viele Mädchen und Frauen ein Beispiel an dem Mut dieser und vieler weiterer Frauen nehmen und Wissenschaft nicht als die Angelegenheit streng statusbewusster Herren abtun. Blognachbarin Beatrice Lugger lehrt und lebt es - wie einige andere auch - hier auf den Scilogs: Jede und jeder von uns kann etwas beitragen!



Geschrieben in Bürgerwissenschaft | 5 Kommentare | 1 Trackbacks | Permalink


Albert Einstein und Charles Darwin als Bürgerwissenschaftler

21. Januar 2012, 09:27

Immer noch gibt es das Missverständnis, dass man hauptberuflich Wissenschaftler sein müsste, um Wissenschaft betreiben zu können. Dabei beklagen die meist auf halben Stellen befristet angestellten und mit Lehre und Verwaltung eingedeckten Kolleginnen und Kollegen oft zu Recht, dass ihnen kaum Zeit für eigene Forschungen bliebe - und dass deren Erträge nicht selten auch noch von anderen verniedlicht oder abgeschöpft würden.

Bürgerwissenschaftler - In einer dynamischen Wissensgesellschaft wird Wissen in der Breite geschaffen und aufgenommen

Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt jedoch, dass die Auffassung, Wissenschaft könne nur als hauptamtlicher Beruf betrieben werden, falsch und schädlich ist. Vielmehr wurde Wissenschaft meist von Menschen betrieben, die andere, wissensnahe Berufe - etwa den des Geistlichen, Lehrers oder Schriftstellers - ausübten und daneben Zeit in die Erforschung bestimmter Fragen investierten. In Zeiten ihrer Blüte war Wissenschaft eben gerade nicht nur eine Angelegenheit abgeschotteter Hauptamtlicher, sondern Thema in Vereinen und Salons, in Zeitschriften und auf Ausstellungen, in populären Büchern und Vorträgen.

Zwei Beispiele recht bekannter Bürgerwissenschaftler möchte ich Ihnen gerne vorstellen.

1. Charles Darwin (1809 - 1882)

Charles Darwin erwarb während seines ganzen Lebens nur einen einzigen, wissenschaftlichen Abschluss: Den eines Bachelors in anglikanischer Theologie. Seine Forschungen betrieb er zeitlebens als Privatgelehrter, vernetzt mit Kolleginnen und Kollegen über Briefe und gegenseitige Besuche, Publikationen und wissenschaftliche Vereinigungen (Societies).

Charles Darwin 1868. Bild: Wikimedia commons

Der Mitentdecker der Evolutionstheorie, Alfred Russel Wallace (1823 - 1913) war übrigens gelernter Landvermesser. Und es ist tatsächlich zu fragen, ob das extrem interdisziplinäre Verständnis der Evolutionstheorie überhaupt mit vergleichbaren Freiheiten an einem Fachinstitut oder Lehrstuhl hätte entwickelt werden können.

2. Albert Einstein (1879 - 1955)

1905 war das "Wunderjahr" (Annus mirabilis) im Wirken Albert Einsteins, in dem er in einer Reihe von Veröffentlichungen die Grundlagen der Physik erschütterte und erneuerte. Sicher tat er dies bereits als promovierter Mitarbeiter von einer bezahlten Stelle an einer Universität oder einem Institut aus?

Weit gefehlt: Einstein hatte 1905 ein Diplom als "Fachlehrer für Mathematik und Physik". Seine Bewerbungen für Assistentenstellen an Universitäten waren ausnahmslos abgelehnt worden - und so arbeitete Einstein 1905 als "technischer Experte 3. Klasse" beim Patentamt Bern...

Albert Einstein 1921 - Bild: Wikimedia Commons

Über das Internet wird Wissenschaft wieder zu einer Angelegenheit vieler

Das Internet bietet in Form von Blogs, Online-Angeboten wie Wikipedia, Netzwerken u.v.m. völlig neue Chancen der Vernetzung haupt- und ehrenamtlicher Wissenschaftler. Ernsthaft Forschende und Vermittelnde wird man auch genau an dieser dialogischen Vernetzung erkennen.

Wo auch immer Sie arbeiten - nie waren die Chancen größer, auch eigene Beiträge zur Vertiefung und Verbreiterung des Wissens zu leisten.



Geschrieben in Willkommen , Personen , Charles Darwin , Bürgerwissenschaft | 38 Kommentare | 2 Trackbacks | Permalink


Meinem Vater, Falko Blume (1950 - 2012)

17. Januar 2012, 14:32

Am Samstag unterlag mein Vater nach langem Kampf dem Krebs. Einer von zwei Gründen, warum ich mich entschlossen habe, ihm auch hier zu gedenken, ist, dass es ohne ihn diesen Blog gar nicht gegeben hätte. Und das meine ich nicht nur in der Weise, in der wir alle unser Leben der Lebenskette unserer Vorfahren verdanken. Mein Vater ermöglichte uns nicht nur die Freiheit, sondern auch die Liebe zur Freiheit, nicht nur die Neugier, sondern auch den Willen, daraus etwas zu machen.

Falko Blume wuchs in der ehemaligen DDR auf, wo er auch meine Mutter kennen lernte. Er war Offizier in der Armee (NVA), auf dem aufsteigenden Ast und das System erschien damals noch stabil. Doch er lehnte sich zunehmend auf und versuchte schließlich sogar zu fliehen. Später habe ich ihn gefragt, warum er nicht nur seine Karriere, sondern sein Leben riskiert hatte. Er nannte zwei Gründe: "Ein freies Leben." und "Quedlinburg." Als Kind musste er erleben, wie immer größere Teile der wunderschönen, historischen Stadt seiner Kindheit dem Verfall oder sogar Abriß für sozialistische Zweckbauten preis gegeben wurden. Andere Leute vertreten vielleicht politische Ideologien. Mein Vater vertrat eine politische Ästhetik, gegen die jeder linke oder rechte Extremismus durchfiel. "Glaube keinem Regime, das das geschichtlich Gewachsene nicht achtet." Er wäre gerne Restaurator geworden und hätte alte Möbel und Gebäude restauriert. Doch in der DDR gab es eine solche Berufslaufbahn nicht - denn das Alte wurde meist verachtet.

Seine Flucht wurde verraten. Er verbrachte über ein Jahr in Bautzen und anderen Stasi-Gefängnissen, bevor er und meine Mutter in den Westen abgeschoben wurden. Meine Schwester und ich kamen dann dazu. Dieses Jahr war das einzige Thema, über das wir ihn nicht befragen durften. Was auch immer sie dort mit ihm getan haben - gebrochen haben sie ihn nicht. Nur eins konnte mein Vater sein Leben lang nicht ertragen: Wenn in Freiheit Aufgewachsene sich in Jammerei oder "Politikverdrossenheit" ergingen. Er kannte den Wert der Freiheit, für die er seinen Preis bezahlt hatte. Er ließ keinen Wahltermin verstreichen und unterstützte, dass ich mich später in der JU, als Jugendgemeinderat und Stadtrat engagierte. Und obwohl die DDR sie erfolgreich "entkirchlicht" hatte, waren meine Eltern dabei, als ich mich als Erwachsener evangelisch taufen ließ. Wieder so ein Satz von ihm, den ich jedem theoretischen Proseminar über Religionsfreiheit vorziehe: "Uns haben sie solange zu Dingen gezwungen, bis wir an nichts mehr glauben konnten. Ihr dürft jetzt Eure Wege finden."

Als die Mauer fiel, haben wir vor Freude geweint und gefeiert.

Verwandte hatten wir "im Westen" zunächst gar nicht, sondern waren Migranten ohne Migrationshintergrund. Wossis aus einem Land, das andere nicht einmal aus dem Urlaub kennen konnten. "Ausländer" für manche Einheimischen, "Kartoffeln" für viele mit Migrationshintergrund. Doch meine Eltern jammerten nicht, sondern packten an. Über Jahrzehnte hinweg stand mein Vater Montag bis Samstag um vier Uhr auf, um Zeitungen auszutragen und danach regulär ins Büro zu gehen. Meine Mutter arbeitete im Krankenhaus, oft Nachtschichten. Sobald ich alt genug war, übernahm ich die Zeitungs-Sonntagsausgabe und habe seitdem immer gearbeitet. Es soll Leute geben, die Leistung nur als Last sehen. Meinen Eltern lebten uns vor, dass Arbeit auch Würde sein kann.

Mein Vater war in einer Zeit aufgewachsen, in der Männer weniger Gefühle, sondern Stärke zu zeigen hatten. Und so tat ich mich als verträumter Bücher- und Computerwurm lange sehr schwer damit, in seinen Augen zu bestehen. Meine Mutter hatte mir später einmal erzählt, dass sie beide intern davon ausgingen, dass ich noch mit Mitte 30 alleine bei ihnen wohnen würde. Ein Proto-Nerd, sozusagen. Und wenn ich mir die Bilder von damals anschaue, kann ich ihrer Erwartung nicht widersprechen.

Tja, und dann kam doch alles anders - und ich konnte mich doch wieder auf ihn verlassen. Als ich meiner Familie während meines Wehrdienstes im Alter von 19 Jahren verkündete, dass ich die Richtige gefunden habe und heiraten wolle, war es mein Vater, der das doch etwas verblüffte Schweigen brach: "Junge, ich zahl die Ringe!"

Es folgte eine Bankausbildung (mit Auszeichnung), ein Studium (mit einem Bundespreis), Kinder, Karriere, Promotion, Bücher. Man braucht wohl keinen schwarzen Gürtel in Psychologie, um zu sehen, wem ich mit all dem eigentlich imponieren wollte. Und vor ein paar Jahren erhielt ich dann zum Geburtstag im ersehnten Bücherstapel auch noch eine Karte meines Vaters. Darin, in Handschrift einfach sechs Worte: "Michael, ich bin stolz auf Dich." Ich habe geheult vor Glück - es war in meinen Augen das wertvollste Geschenk, das ich je bekommen habe. Und bin mir ziemlich sicher - hoffe - eine Menge Männer da draußen wissen, was ich meine. Wir alle müssen uns von unseren Vätern irgendwann abgrenzen - und uns dann doch, hoffentlich, wiederfinden. Wie sehr man uns auch "gendern" mag - das wird wohl bleiben.

Drei Generationen: Falko, Michael & Elyas Blume


Mein Vater hat mich gefordert, aber nicht überfordert. Gott sei Dank war er nicht perfekt - sonst wäre er kein realistisches Vorbild gewesen. So kann ich versuchen, an ihm Maß zu nehmen: Als Vater, Ehemann, Bruder, Neuschwabe, Schaffer, Christdemokrat, Geschichts- und Kunstfan, Freiheitsfreund. Die Ringe, die mein Vater uns schenkte, haben meine Frau und ich heute noch. Dafür haben wir unseren Eltern wiederum drei Enkel beschert - und sind glücklich, dass mein Vater noch lange genug gegen den Krebs kämpfen konnte, um auch noch unseren Jüngsten im Arm zu halten. Ein Dank an all die Mediziner und Forscher (wie Blognachbar Sebastian Reusch), die so etwas möglich machen. Es soll Kinder geben, die ihren Eltern alles Mögliche vorwerfen. Ich kann nur sagen, dass ich das Leben, das ich lebe, liebe - und weiß, wem ich es zu verdanken habe.

Ihr da draußen: Wenn Ihr die Gelegenheit noch habt, nehmt Eure Eltern einfach mal wieder in die Arme! Sicher haben auch sie ihre Kanten, aber, ganz unter uns: Die haben wir alle doch auch.

Vor einigen Tagen hatten mein Vater und ich dann die Gelegenheit, voneinander Abschied zu nehmen, zu zweit unter uns. Wir hatten einen Film gesehen (Avatar, in dem ein vermeintlich fortschrittliches Regime Gewachsenes zerstört, bevor es gestürzt wird...). Ich hatte Essen gemacht und wir redeten. Da sprach er plötzlich aus heiterem Himmel anerkennend vom Blogpost über den Guten Rutsch und Hals- und Beinbruch. "Ich wusste gar nicht, dass Dich meine Bloggerei interessiert.", meinte ich verblüfft. Und mein Vater sagte nur: "Seitdem ich endlich Zeit habe, lese ich Deine Texte, und ich lese sie gerne. Schreib weiter, Junge." Und später erfuhr ich von meiner Mutter, dass er sich Texte sogar hatte vorlesen lassen.

An diesem Abend entschied ich, auch hier an Dich zu erinnern, Dad. Und wenn Dich auch die Zähler nicht mehr erfassen - Du fällst jetzt ja, wissenschaftlich gesehen, in den Bereich der überempirischen Akteure -, dann spüre ich doch, dass Du weiterhin mitliest. Ich schreibe hier unten also schon mal weiter. Und wenn wir uns dann einmal wiedersehen, hoffe ich so gelebt zu haben, dass die Karte von Dir immer noch gilt.

In Liebe, Dein Michael



Geschrieben in Personen | 22 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin von Winfried Menninghaus

13. Januar 2012, 07:13

Immer wieder hatte ich mich darüber gewundert, warum selbst in den Wissenschaften kaum bekannt war, dass schon Charles Darwin selbst hervorragende Begriffe und Hypothesen zur Evolution von Religiosität und Religionen geprägt hatte. Lange Zeit hatte ich zu der Annahme tendiert, dies müsse vor allem an den polemischen Frontstellungen zwischen religionskritischen "Darwinisten" einerseits und religiösen Kreationisten andererseits gelegen haben, zwischen denen sich sorgfältige Lesarten nicht durchsetzen konnten. Dank des neuen Buches "Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin" des Literaturwissenschaftlers Winfried Menninghaus weiß ich es nun besser.

Menninghaus hatte vor einigen Jahren die Beantragung und dann von 2007 bis 2010 die Leitung des interdisziplinären Forschungsclusters "Languages of Emotion" an der FU Berlin übernommen. Das Buch darf schon jetzt als ein wichtiger Ertrag dieses Natur- und Kulturwissenschaften verbindenden Projektes gelten. Menninghaus stellt dabei Begriffe und Hypothesen vor, die Darwin (insbesondere während seines Theologiestudiums in Cambridge als intensiver Genießer von Musikdarbietungen und Kunstausstellungen bekannt) selbst zur Evolution der Künste wie Ästhetik, Singen, Tanzen, Rhetorik, aber auch der Schaffung von Gemälden und Skulpturen formuliert hatte. Selbstverständlich handelte es sich dabei je nur um vorsichtige Entwürfe - doch erweisen sie sich als weit besser als das meiste, was heute in Schrumpfversionen (wie den "Singing-for-Sex"-Entwürfen) als "darwinistisch" verkauft wird!

Menninghaus weist damit nach: Nicht also nur die evolutionäre Religionsforschung Darwins, sondern überhaupt seine Ansätze zu den "höheren" geistigen und kulturellen Fähigkeiten des Menschen fielen den breiten Gräben zwischen Natur- und Kulturwissenschaftlern zum Opfer!

Das Werk erweist sich damit als ein wichtiger und wegweisender Brückenschlag, der aber auch noch aufzeigt, wie viel Arbeit noch vor uns liegt. So rezipiert Menninghaus dominant bis (zum Beispiel beim Thema Religion) fast ausschließlich englischsprachige Studien. Die inhaltlich oft hochwertigen, aber allzu verstreuten Publikationen aus den Federn interdisziplinärer, deutschsprachiger Evolutionsforscher finden dagegen noch kaum zusammen. Eckart Voland wird immerhin mit englischsprachigen Publikationen zitiert, Wolfgang Steinig und Josef Reichholf finden Erwähnung, Gerhard Vollmer fehlt aber beispielsweise (noch) völlig. Mir scheint das kein böser Wille sondern nur ein weiterer Hinweis auf die noch immer fehlende Vernetzung und mangelnde, öffentliche Präsenz der deutschsprachigen, interdisziplinären Evolutionsforscher zu sein.

Auch ist in der gegenseitigen Verständlichmachung zwischen den Disziplinen noch einiges zu leisten. Ich fürchte, man muss schon etwas länger in der interdisziplinären Evolutionsforschung geackert haben, um Sätze wie den folgenden auf Anhieb zu erfassen:

Auch unabhängig von der ausstehenden Klärung solcher Fragen verstärkt das hier vertretene Modell der menschlichen Künste in jedem Fall die Bedeutung derjenigen Fähigkeiten und Dispositionen, die von den Künsten kooptiert, (re)konfiguriert und neu benutzt werden, also nicht eigens und modular für diese Zwecke evolviert sind. Das Modell erweitert Darwins Kriterium lernbarer Varianz zu der Hypothese, dass nicht - oder nicht nur - je einzelne spezialisierte Fähigkeiten zu kunstvollen Höhen getrieben werden, sondern dass die Produktion und Rezeption der Künste Höchstleistungen in der (vermutlich kulturell erworbenen) domänenübergreifenden Zusammenarbeit ehemals separater Adaptionen darstellen. Diese Theorie gibt Kants transzendentalphilosophischer Hypothese eines zugleich "freien" und stimmigen "Spiels unserer Vermögen" im "ästhetischen Gefallen" eine neue evolutionstheoretische Formulierung. (S. 259)

Inhaltlich halte ich das für wegweisend - ich fürchte nur, dass es für Neulinge in dem Forschungsfeld allzu schwer verständlich sein könnte. Und doch kann ich nur hoffen, dass sich möglichst viele Leserinnen und Leser auf Menninghaus' konstruktiven und ertragreichen Brückenschlag einlassen und die Forschungen zu menschlicher Kultur endlich auch im deutschen Sprach- und Forschungsraum eine tragfähigere, empirisch-evolutionäre Grundlage erhalten.



Geschrieben in Philosophische Fragen , Evolutionspsychologie , Charles Darwin | 5 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Shadowrun, die Maya und die Zukunft

08. Januar 2012, 21:47

Am Ende des 20. Jahrhunderts gab es eine Zeit, in der fantastische Welten nicht über den Bildschirm aufgesogen, sondern in den Köpfen geboren wurden. Pen-&-Paper-Rollenspiele entführten eine Generation kleiner Spielergruppen (Parties) in imaginäre Welten epischer Fantasy, die meist an fantastischen "Mittelaltern" (und vor allem Mittelerden...) angelehnt waren, aber bisweilen auch in Raumschiffen oder "nahen Zukünften" spielten.

Das im 21. Jahrhundert und also nächster Zukunft angesiedelte Shadowrun begann 1990 seinen Überraschungserfolg mit einer spaßigen Mischung aus den dunklen Fantasien des Cyberpunk (einer von Technik und großen Konzernen regierten Dystopie) und wilder, tolkienscher Fantasy (samt Elfen, Orks, Trollen usw.).

Kultur- wie auch religionswissenschaftlich spannend war und ist Shadowrun aus einer ganzen Reihe von Gründen. So stellt es eine Mischung aus dystopischen (übersteigert-negativen) wie auch utopischen (übersteigert-positiven) Zukunftsbildern dar. Damit lief es sowohl finsteren Post-Apokalypse-Konkurrenten wie auch schneidigen Wir-erobern-den-Weltraum-Wettbewerbern locker den Rang ab. Als Entscheidungsdatum für den Einbruch des Neuen wählte bereits Shadowrun den neuen Zyklus des Maya-Kalenders um 2010 - 2014, der jedoch nicht als Untergang, sondern als Übergang interpretiert wurde. Und es griff eine ganze Reihe von wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Themen auf und verband sie spielerisch.

1. Eine magisch-religiöse Wiederverzauberung der Zukunft

Während sich gesellschaftlich der endgültige Durchbruch eines zunehmend ökonomisch, technisch und wissenschaftlich rationalisierten Weltbildes abzuzeichnen schien, wurde in Shadowrun eine buchstäblich "ver-rückte" Gegenwelt aufgezogen: Neben der uniformierten Welt der vermassten Konzernangestellten ("Salarymen") und Konsumsklaven wurde eine anarchische Gegenwelt beschworen, in der munter prophezeit, geglaubt, gezaubert und gebetet wurde. Alte Naturreligionen traten wieder ins Leben und Geistertänze eroberten die Lebensräume und Kulturen amerikanischer Indianer zurück. Neben die Natur- traten aber auch Stadtschamanen, die sich mit tierischen Totemgeistern verbanden. Und neben die alten Religionen traten neue Heilsversprechen, die nicht selten von Konzernen oder anderen, finsteren Mächten gesteuert wurden. Drachen und Elementargeister wurden beschworen und bekämpft. Und auch die überlebenden Kirchen reagierten: An theologischen Fakultäten wurden Hermetiker ausgebildet, die in alte und neue Geheimnisse des Arkanen einzudringen vermochten. Was unser Chronologs-Theologe Hermann Aichele da wohl mit uns hätte anstellen können!? ;-)

Klar: Viele Spielerinnen und Spieler sahen in den Geistlichen der Neuen Zeit einfach bessere Heiler mit coolen Effekten. Aber insbesondere an den zunehmend erfolgreichen Shadowrun-Romanen wurde auch die Tendenz deutlich, dass in dieser zugleich chromblitzenden und verzauberten Welt Menschen die Fragen nach Gott, Sinn, Gut und Böse auf neue und freche Weise thematisierten. Etwa ein Drittel der Romane hat ausdrücklich mythologisch-religiöse Titel und in fast allen wird mit diesen Themen gespielt.

Und habe ich eigentlich schon erwähnt, wie die Erfolgspunkte der Shadowrun-Parties hießen? Karma.

2. Globalisierung und Regionalisierung

Auch eine weitere, moderne Entwicklung wurde aufgegriffen und übersteigernd vorweg genommen: Die Gleichzeitigkeit von ökonomischer Globalisierung und lebensweltlicher Regionalisierung. Die beliebtesten Lieferanten wie auch Gegner der Shadowrunner waren multinationale Konzerne, die Globalisierung vor allem als Chance sahen, Menschen dort auszubeuten, wo sie billig zu haben waren und die produzierten Waren dort zu verkaufen, wo Menschen bezahlen konnten. Doch zugleich, oha, zeichnete sich Shadowrun durch die Liebe zur Region aus: Als erster Spielort etablierte sich Seattle und bald kamen immer mehr Beschreibungen und Romane zu Regionen nicht nur der USA, sondern auch Europas dazu. Dabei wurden regionale Eigenheiten der Gegenwart - Dialekte, kulturelle und religiöse Schwerpunkte, Wirtschaftsstrukturen etc. - aufgegriffen und fantastisch vergrößert. Shadowrunner waren Weltbürger, die sich nur in ihrem jeweiligen Kiez wirklich "daheim" fühlten.

3. Was macht die Technik mit uns?

Debatten um die Chancen und Gefahren virtueller Realitäten und Netzkulturen, Neuroenhancement etwa durch technisch verbesserte Gehirne und Augen sowie generell des Transhumanismus (als Vision der Verschmelzung von Mensch und Technologie) wurden in Shadowrun bereits zelebriert. Wie hieß doch ein schöner Werbespruch zu künstlichen Augen? "Gott war ganz gut, aber Zeiss ist besser."

In der virtuellen Welt des Shadowrun-Internet ("Matrix") konnten Menschen bereits leben und sterben. Und eher Suchtmittel als Unterhaltung waren die BTL (Better-Than-Life-Chips) mit denen sich die Konsumenten die großartigsten Erlebnisse direkt "erlebend" ins Hirn injizieren konnten. Rigger konnten mit ihren Fahrzeugen verschmelzen. Doch mit jeder technischen "Verbesserung", die sich Shadowrunner einbauen ließen, gaben sie auch "Essenz" auf. Sie wurden ein Stück weniger Mensch und verloren den Zugang zu ihren Gefühlen und den (auch) magisch-religiösen Wurzeln ihres Seins.

Der Markt erobert die Fantasie...

Selbstverständlich konnte auch die blühende Fantasie des Shadowrun-Überraschungserfolges der Aufmerksamkeit der Spiele- und Filmindustrie nicht entgehen. Computer- und Konsolenspiele verwandelten die Welt in bunte Schießstände, in denen die Story als Lieferant für coole Killer und bunte Oberschurken mit Spezialfertigkeiten dient. Ob dagegen die widerständisch gepflegten "Kopfkinos" und Romane auf Dauer eine Chance haben werden steht noch in den Sternen.

Aber andererseits - die Zukunft war und ist doch immer wieder für Überraschungen gut. Das musste einfach mal gespielt werden.



Geschrieben in Fantasy | 9 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Faszination Apokalypse - Ein Buch zum Weltuntergang von Thomas Grüter

04. Januar 2012, 19:36

Eigentlich seltsam, dass die Erde noch besteht. Denn am Samstag endete der Kalenderzyklus unseres Jako-O-Familienkalenders. Tja, und es begann ein neuer. Mit dem Maya-Kalender wird es genau so sein: Am 21.12.2012 endet der 13. Kalenderzyklus dieser Hochkultur. Und gäbe es deren Priesterschaft heute noch, so würde auf den 13. eben der 14. Kalenderzyklus folgen, ganz ebenso wie bei Jako-O.

Als Religionswissenschaftler bin ich natürlich nicht überrascht - eher amüsiert -, wie versessen unsere angeblich doch so rational-aufgeklärte Gesellschaft auf Weltuntergänge ist. Den Glauben an ein göttliches Strafgericht haben die meisten hinter sich gelassen - und zittern nun vor der Rache "der Natur". Engel raus, Außerirdische rein. Und dass "Sterne" vom Himmel stürzen oder ganze, wunderbare Städte aus diesem herab steigen kann man auch schon in der Bibel lesen. Auch Blognachbar und Theologe Hermann Aichele weiß dazu einiges zu erzählen...

Aus der Sicht der Evolutionsforschung finde ich diese menschliche Faszination für Weltuntergangsszenarien übrigens gar nicht sonderbar. Als Homo sapiens haben wir Appetit auf Geschichten - ganz besonders, wenn sie Fragen des Überlebens und der Reproduktion thematisieren. Und was könnte also fesselnder sein als eine Story, in der fast die ganze Menschheit verschlungen wird, bevor sich die wenigen Überlebenden wieder glücklich paaren...

Kein Wunder, dass sich die modern-"säkularen" Erzählungen kräftig bei den alten Mythenmotiven bedienen, die genau diese Faszinationen abrufen. Sie können es gerne einmal an sich testen - beobachten Sie doch einmal, was die folgenden Kinoausschnitte in Ihnen so alles auslösen...

Nachdem ich von Thomas Grüter bereits das Buch über Verschwörungstheorien sowie jenes über die neuere Intelligenzforschung verschlungen habe, habe ich mir für den Jahreswechsel sein Buch zu Weltuntergängen gegönnt:

Faszination Apokalypse - Mythen und Theorien vom Untergang der Welt

Und ich darf als Religionswissenschaftler anerkennen: Hier hat der Autor eine ebenso sorgfältig recherchierte wie flüssig zu lesende Zusammenstellung von zunächst religiösen Weltuntergangsszenarien zusammen gestellt. Der Begriff Apokalyse entstammt ja selbst der Bibel und bezeichnet dort eine Offenbarung, die in ebenso dramatischen wie schwer zu entschlüsselnden Bildern gekleidet ist - und nur deswegen so fesselt, weil sie die eingangs erwähnte Faszination bedient.

Beginnend bei den Maya und Azteken über die vier Zeitalter der griechisch-römischen Antike, das Ragnarök der Germanen und den im Zaraostrismus wurzelnden, sich dann in jüdischen und später christlichen und islamischen Varianten auffächernden Messianismus bietet Grüter eine inhaltlich wesentlich korrekte und umfassende Übersicht. Dabei steigt er tief ein und zeigt auf, wie und wo sich verschiedene Interpretationsschichten gebildet und zum Beispiel Jenseitshoffnungen durchgesetzt haben. Ganz "nebenbei" vermittelt Grüter damit auch eine Menge religionsgeschichtlichen Wissens, zum Beispiel auch mit der eindrücklichen Schilderung des blutigen Scheiterns des Täuferreiches von Münster. Seine Interpretationen des Ragnarök-Mythos als Beschreibung des Göttersterbens angesichts des aufstrebenden Monotheismus und seine Deutung der Johannes-Apokalypse halte ich für interessant und wissenschaftlich haltbar.

Grüter setzt sodann seinen Weg fort zu modernen, "politische Religionen" (Ideologien) wie besonders dem Marxismus-Leninismus, aber auch rechtspopulären Untergangspropheten wie Oswald Spengler (Untergang des Abendlandes) und Samuel Huntington (Kampf der Kulturen). Einen geradezu "vergnüglichen" Abschluss bietet seine Vorstellung und Diskussion diverser moderner Untergangsszenarien: Nukleare Katastrophen durch Atomkrieg, biologische bzw. chemische Waffen, ökologischer Kollaps samt Rohstoffmangel (erhält bei ihm die höchste Wahrscheinlichkeits-Punktzahl), große Vulkanausbrüche, Meteoriten- und Kometeneinschlag, Gammablitze, Supernovas, Vakuumzerfall, schwarzes Loch, feindliche Außerirdische und Matrix-mäßige künstliche Intelligenzen. Also fast alles, was das Herz so begehrt - nur Waldsterben, Pandemien und Klimawandel habe ich als eigene Fallstudien vermißt. Obwohl man ja kaum hinterher kommt - laut Lars Fischer meldet die Daily Mail den kommenden Ausbruch des Vulkan Laacher See...

Zu meiner Überraschung stellte sich heraus, dass Grüters Buch also nicht nur eine flüssig zu lesende Übersicht bietet, sondern sogar als Nachschlagewerk taugt. So muss man schreiben (können)!

Halten wir also fest: Wer Grüter gelesen hat, erkennt, dass es es Weltuntergangserzählungen geben wird, so lange es Menschen gibt. Mit diesen werden lautstarke Warner auch in Zukunft Aufmerksamkeit auf ihre religiösen, politischen oder wissenschaftlich-wirtschaftlichen Offenbarungen (Apokalypsen) lenken. Und dies sicher auch nach dem 21. Dezember 2012...



Geschrieben in Evolutionspsychologie | 6 Kommentare | 2 Trackbacks | Permalink


Guter Rutsch und Hals- und Beinbruch! Wo kommen diese Grüße her?

30. Dezember 2011, 07:37

Was wünschte uns denn da die Scilogs-Redaktion? Frohe Weihnachten und schöne Feiertage. Klar. Aber was hat es mit dem "guten Rutsch" auf sich?

Guter Rutsch aus dem Jüdisch-Hebräischen Rosch HaSchana

Der jüdische Neujahrstag heißt Rosch HaSchana (wörtlich: Haupt des Jahres, ebenso wie zum Beispiel das türkische yılbaşı). Hebräisch grüßt man dazu Schana tova, aber auch umgangssprachlich "Guten Rosch!" Die Gelehrten debattieren, ob und wann dieser Gruß aus dem Jiddischen, dem Rotwelsch oder einfach aus jüdisch-deutschem Sprachgebrauch in die Allgemeinsprache einsickerte. Dort konnte er sich wunderbar mit dem launigen "Rutschen" verbinden, das ein Hinübergleiten in neue Umstände ebenso bildhaft festhalten konnte wie auch die Zustände eisgefrorener Wege.

Und dies leitet auch gleich über zum nächsten Wunsch, den die Scilogs-Redaktion auch gleich hätte anfügen können:

Hals- und Beinbruch aus dem Jüdisch-Hebräischen Hazlacha uwracha

Vielleicht haben Sie sich schon einmal gewundert, warum sich Leute gegenseitig lächelnd "Hals- und Beinbruch" wünschen, der sogar zu "Mast- und Schotbruch" (zur See) oder auch "Kopf- und Bauchschuss" (Armee) "weiterentwickelt" wurde. Sind wir Menschen etwa so mißgünstig? Und warum lächeln wir dabei?

Weil es ursprünglich ein jüdischer Segenswunsch war: Hazlacha uwracha, heißt auf hebräisch "Erfolg/Glück und Segen!" und wurde im Jiddischen zu "Hatslokhe u brokhe", von wo es in den deutschen Sprachgebrauch übersprang. Und so "wissen" wir auch heute noch, dass mit Hals- und Beinbruch eigentlich Gutes gemeint sei, obwohl es doch eigentlich übel klingt - genau das macht ja den sprachlichen Charme aus. Und passt auch noch so gut zum "guten Rutsch"!

Die Herkunft nicht nur von Wörtern, sondern auch von Wortbedeutungen aus religiösen Traditionen erscheint Ihnen als Hokuspokus? Nun, dann besuchen wir einen lateinischen Gottesdienst!

Hokuspokus aus dem Katholisch-Lateinischen Hoc est enim corpus meum

"Hoc est enim corpus meum", deutsch: "Dies ist mein Leib" verkündeten katholische Priester im feierlichen Moment der "Verwandlung" von Brot und Wein beim Abendmahl, bis zur Reformation selbstverständlich nur auf Latein "gültig". Für große Teile der Gemeinde war dies ein magischer Moment (göttlicher Substanzwandel!) - zugleich aber haperte es mit Lateinkenntnissen nicht nur beim Volk, sondern auch in Teilen der Priesterschaft. Bis heute geben wir daher unserer Skepsis über nur vorgespielte Kompetenz Ausdruck, wenn wir meinen: "Da macht einer wieder seinen Hokuspokus."

Simsalabim aus dem Islamisch-Arabischen Bismillah rahman i rahim

Das "Simsalabim" hat dagegen den Zauber des Geheimnisvollen noch etwas stärker behalten - denn wo die Christen des Mittelalters mit Anhängern des Islam in Kontakt kamen, hatten sie mit kulturell und wissenschaftlich erblühenden und teilweise auch weiter entwickelten Kulturen zu tun. So verdanken wir beispielsweise das damals unerhörte Rechnen mit der Null hinduistischen Gelehrten und der Vermittlung durch die islamische Kultur, die uns schließlich auch die arabischen Ziffern bescherte. Fromme Muslime beginnen Tätigkeiten - zu denen auch wichtige Reden, Vorträge oder Präsentationen gehören - mit der Formel "Bismillah rahman i rahim", beim Namen Gottes, des Barmherzigen. Und so eröffnen auch heute noch mysteriöse Magier mit astronomisch-mathematischen Symbolen, spitzen Hüten und Turbanen ihr Zauberwirken mit einem "Simsalabim"...

Allen Leserinnen und Lesern, Kommentatorinnen und Kommentatoren von "Natur des Glaubens" wünsche ich einen guden Rosch und hazlacha uwracha! Mögen wir auch 2012 hinter zunächst unverstandenem Hokuspokus evolutionäre Erkenntnisse finden und über das neue spektrum.de staunen, das - Simsalabim - von einem ganz besonderen "Mitarbeiter" mit-gestaltet wurde... ;-)

 



Geschrieben in Kleine Weisheiten | 4 Kommentare | 1 Trackbacks | Permalink


szmtag