Als einen Nachtrag zum Bloggewitter „Bloggen und Karriere“ stelle ich heute einmal ein paar aktuelle Blogdiskussionen vor und frage, was sie über das Verhältnis von Wissenschaffenden und Öffentlichkeit aussagen.
Als der Club of Rome 1972 seinen ersten Bericht über die "Grenzen des Wachstums" vorlegte, geschah dies just im ersten Jahr, in dem in Deutschland mehr Menschen starben als geboren wurden. Trotz millionenfacher, überwiegend junger Zuwanderung ist dies seither so geblieben, die Schere öffnet sich trotz steigender Lebenserwartung immer weiter. Doch kinderarme Länder wie Deutschland und Japan galten damals noch als seltene Ausnahmen und so prognostizierte der Club of Rome damals, die Weltbevölkerung werde bis 2032 auf 14 Milliarden Erdenbürger anwachsen!
Auch wer heute Evolutionsforschung betreibt spürt noch die dunklen Schatten des Sozialdarwinismus, mit dessen Ausprägungen so viel Leid über Menschen gebracht wurde und mit dem auch heute noch Menschen wie Thilo Sarrazin (SPD) Ressentiments schüren. So wurde - und wird! - beispielsweise Minderheiten, Behinderten, Alten oder unheilbar Kranken suggeriert, sie stellten eine nutzlose Belastung der Gesellschaft dar. Und dieser üble Vorwurf zielt nicht nur auf die Betroffenen, sondern auch auf die vielen Menschen, die sich - oft auch aus religiösen Gründen - für Mitmenschlichkeit und Pflege engagieren. Auch in der DDR wurden entsprechende Einrichtungen gerne den Kirchen überlassen...
NS-Propagandabild zur Rechtfertigung von Eugenik & Euthanasie. Aus: "Biologie für Oberschule und Gymnasium", 1940 Foto: J. Graf, Deutsches Ärzteblatt
Kein Mensch ohne Pflege
Mein Einspruch dagegen hat auch, aber nicht nur mit der Bejahung der Menschenwürde zu tun. Auch evolutionswissenschaftlich halte ich den Sozialdarwinismus für schlichtweg falsch. Der Mensch wurde, wie schon Darwin zu Recht erkannte, gerade in seiner Evolution zum "sozialen Tier" und konnte sich nur so - in vertrauensvoller Gemeinschaft - zu einem (einigermaßen) intelligenten Lebewesen mit langer Kindheit und also gegenseitiger Abhängigkeit entwickeln. Ohne mitmenschliche Diakonie (wörtlich: Dienst), ohne Caritas (wörtlich: Nächstenliebe) hätte sich auch kein Homo sapiens sapiens entwickeln können. Und: Gerade auch Pflegebedürftige konnten das Beste aus Menschen zutage fördern und so, allein durch ihr Dasein, menschliche Gemeinschaft befördern.
* Diesen Blogpost widme ich den Pflegenden unseres Landes, deren Engagement derzeit m.E. weder gesellschaftlich noch finanziell ausreichend gewürdigt wird. Ich fürchte, die Auswirkungen unserer gesellschaftlichen Kälte werden wir in unserer im Wohlstand alternden und schrumpfenden Bevölkerung noch deutlicher zu spüren bekommen...
Seit einigen Jahren arbeite ich nun schon zur Evolution von Religiosität und Religionen und erlebe mit Freude und Faszination, wie sich die empirischen Befunde zu einer adaptiven Entwicklung des Glaubens ("Homo religiosus") immer weiter verfeinern und durchsetzen. Es vergeht keine Woche mehr, in dem nicht ein neues Buch, eine Vortrags- oder Artikelanfrage zum Thema hier eingeht. Evolution & Glauben sind in den Wilden Netzen des Web 2.0 längst ebenso Thema wie nächste Woche auf dem katholischen Kirchentag in Mannheim. Und doch bin ich seit einiger Zeit der Meinung, dass zum entstehenden Gesamtbild noch etwas Entscheidendes fehlt - die interdisziplinäre Erforschung des Unglaubens.
Immer noch ist in wenig informierten Medien zu lesen, bei islamischen Salafisten handele es sich schlicht um eine "traditionalistische" und "rückwärtsgewandte" Bewegung. Dabei gehören die Salafisten in den Bereich des religiösen Fundamentalismus - der ein Produkt der Moderne ist, sie zugleich aufnimmt und bekämpft. So erschien die den Namen begründende, evangelikale Schriftenreihe "The Fundamentals" Anfang des 20. Jahrhunderts und versuchte, gerade mit neuen, nicht-traditionellen Argumenten etwa die liberale Theologie oder die Evolutionstheorie abzuwehren. Hinter dem Anspruch (!) ein urtümliches Christentum zu vertreten stand schon damals eine moderne Ideologie und Methodik, die gewachsene Traditionen verwarf. Und dies gilt weiterhin für Fundamentalismen in allen Religionen.
Wissenschaft, Familie und ein spannender, dann auch mal unbefristeter Beruf - kann das irgendwie zusammen gehen? Immerhin verlassen jährlich zahlreiche studierte Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler die Universitäten, ohne dass es für uns "natürliche" Arbeitgeber (wie etwa für Theologen, Naturwissenschaftler oder auch Mediziner - obgleich Markus Dahlem da auch bedrückendes zu berichten hat...) gibt. Die Folgen sind oft harte Konkurrenz, personelle Abhängigkeiten und befristet-geteilte Arbeitsverhältnisse ohne Erfolgsgarantie.
Als nach dem Gewinn eines Bundes-Studienpreises überraschend ein (wissenschaftsnahes) Jobangebot kam und unser erstes Kind unterwegs war, entschied ich, keinen klassischen Karriereweg einzuschlagen, sondern neben dem Beruf weiter wissenschaftlich zu arbeiten: zu promovieren, zu publizieren, Lehraufträge anzunehmen und schließlich zu bloggen. Wie wirkte sich das aus? Ein Rückblick anläßlich des Bloggewitters "Bloggen und Karriere: Unvereinbar?".
Es soll noch immer Leute geben, die sich für wissenschaftlich und gebildet halten, die Macht der Mythen aber selbst dann nicht (an-)erkennen, wenn sie sich ihnen direkt aussetzen. Dabei geschieht dies längst nicht mehr nur innerhalb der religiösen Traditionen, sondern in abgeleiteter und kommerzialisierter Form auch in Büchern, Spielen - und vor allem im Kino, das mit würdevollen Eingangsbereichen, abgedunkelten Räumen, Vorhängen, Vor- und Nachspännen gezielt eigene Ritualräume aufspannt. In der Einleitung zum prachtvollen Avatar-Bildband zu Ehren von James Cameron eröffnet Peter Jackson (u.a. Herr der Ringe) mit einem Absatz, der auch religionswissenschaftlich zu den "weisen Worten" gezählt werden kann:
Erfreulich: Immer mehr Berufsgruppen interessieren sich für die Evolutionsforschungen zu Religiosität und Spiritualität. Gleich nach der Lehrzeitschrift "Ethik und Unterricht" kam eine weitere Anfrage von Prof. Dr. Georg Hoffmann, Herausgeber der Medizinerzeitschrift Trilliumreport rein. Ob ich auch für sie einmal eine zusammenfassende Einführung vornehmen würde? Gerne, zumal wir uns auch einig wurden, den Schwerpunkt online auch über NdG öffentlich zu machen.
Die Zeitschrift Herder Korrespondenz (gegr. 1946) ist so etwas wie die katholische Edelfeder in Deutschland, deren (zunehmend ökumenischer und interreligiöser) Mix aus aktuellen Meldungen und Berichten, theologischen und wissenschaftlichen Texten im spartanisch weiß-roten Setting mich seit Jahren fasziniert. Sozusagen die Brezel unter den Religionszeitschriften: schlicht, und einfach nicht zu verbessern. Umso euphorischer war ich, als eines Abends eine Anfrage genau der HK-Redaktion für einen Artikel im Postfach lag - und zwar für einen Text zu Religion & Bloggen.