Warum wir Bürgerwissenschaft - Citizen Science - mehr denn je brauchen
Im Focus 4/2012 findet sich auf S. 128 ein Interview mit dem als "Star-Ökonomen" vorgestellten Professor Hans-Werner Sinn (63), der das Münchner Ifo-Institut leitet und Direktor des Center for Economic Studies ist. Schon die Überschrift-Schlagzeile lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Schickt die Abgeordneten in einen Grundkurs!" Und falls noch Zweifel bestehen, wie das gemeint sei, antwortet Sinn auf die Frage: "Welchen Satz hassen Sie am meisten?" mit - "Es gilt das Primat der Politik."
Gerade weil ich auch selbst vor dem Studium eine Finanzausbildung mit Auszeichnung absolviert habe, erlaube ich mir - bei allem Respekt vor einzelnen Arbeiten Sinns - die Anmerkung, dass ich in keiner Gesellschaft leben möchte, in der die Ökonomie das Primat über die Politik hat. Ebensowenig wie die Biologie, die Soziologie, die Psychologie, die Religionswissenschaft, eine Theologie, Philosophie oder sonst eine wissenschaftliche Disziplin.
Was ich mir stattdessen wünsche ist eine Gesellschaft, die sich insgesamt und auch (!) in der Politik ebenso konstruktiv wie selbstbewusst mit Wissenschaft(en) auseinandersetzt und zu ihnen beiträgt. Denn seit sich die empirischen Wissenschaften entwickelten, pendelten sie immer zwischen zwei Polen: Dem Konzept offen-transparenter Bürgerwissenschaften einerseits oder den autoritären Ansprüchen pseudo-prophetischer Szientisten (die Wissenschaft verabsolutierender Stimmen) andererseits.
Die empirischen Wissenschaften begannen als Bürgerwissenschaften!
Praktisch die gesamten empirischen Wissenschaften haben ihre Wurzeln im bürgerschaftlichem Engagement von Menschen, die nicht hauptberuflich als Wissenschaftler arbeiteten. Meist waren sie Geistliche (wie z.B. der Mönch und spätere Abt Gregor Mendel), Staatsbeamte, Lehrer, Mediziner, Unternehmer oder auch einfach mehr oder weniger wohlhabende "Privatgelehrte", die ihr Zeit und Geld nicht dem Luxus, sondern Forschung und Lehre widmeten. Charles Darwin, der lebenslang nur einen Abschluss in anglikanischer Theologie erwarb und nie einen Beruf im Wissenschaftsbetrieb ausübte, zählt ebenso beispielhaft dazu wie sein Mitentdecker, der gelernte Landvermesser Alfred Russel Wallace. Oder wie Albert Einstein, der seine bahnbrechenden Entdeckungen als Patentbeamter machte - nachdem seine Bewerbungen um Institutsstellen abgelehnt worden waren. Auch die heute noch aktive Grande Dame der Primatologie Jane Goodall startete ihre Arbeit als gelernte Sekretärin, gefördert durch das an Ergebnissen orientierte Archäologenpaar Leakey.
In diesem bürgerschaftlichen Verständnis von Wissenschaft ist die Gewinnung (Forschung) und Verbreitung (Lehre) von Wissen grundsätzlich jedem Menschen möglich, wenn auch nicht geleugnet wird, dass dafür im Einzelnen jahrelange, anstrengende Arbeit mit unsicherem Ausgang notwendig sein kann. Jede und jeder - vom Kind bis zum Senior - werden ermutigt, sich aktiv mit dem verfügbaren Wissen auseinander zu setzen und gerne auch etwas Eigenes beizutragen. Nicht Rang, Titel oder berufliche Stellung, sondern alleine die Qualität der empirischen Befunde sind nach diesem Verständnis entscheidend.
Hier stellt Arfon Smith, Direktor für Bürgerwissenschaft (Citizen Science) am Adler-Planetarium Chicago auf der EuropeanaTech-Konferenz in Wien 2011 einige Projekte vor, mit denen Bürgerinnen und Bürger längst auch vom heimischen Computer aus zur Wissenschaft beitragen:
Und wer auch spezifisch deutsche Beispiele sehen möchte, wird beispielsweise im Blog von Beatrice Lugger mit einem Web-Interview mit dem Ökologen Klement Tockner fündig.
Gegenentwurf: Die empirischen Wissenschaften als Angelegenheit einer szientistischen Priesterkaste
Vertreter eines elitären Wissenschaftsverständnisses rümpfen über die Beteiligung von Laien (von griechisch laos = Volk) nur die Nase, die in ihren Augen nur unwissende, bestenfalls zu belehrende Handlanger sind. "Nun beginnt Ihre Menschwerdung!", ließ mich ein geschätzter Kollege nach der Promotion in Religionswissenschaft wissen. Und auch diese Haltung ist nicht wirklich neu: Schon zu Lebzeiten Darwins wirkte der Jenaer Zoologieprofessor Ernst Haeckel. Bei hervorragenden Leistungen für die Biologie ließ er es aber nicht bewenden, sondern verkündete Politik als "angewandte Biologie" samt Sozialdarwinismus, "Rassentabellen" mit höherwertigen Weißen und niederwertigen Farbigen, Forderungen nach Eugenik und der Abschaffung aller Religionen und Weltanschauungen zugunsten, klar, seiner Lehre. Auf einem Freidenkerkongress in Rom ließ er sich denn auch gezielt-provokant zum "Gegenpapst" ausrufen. All dies Jahrzehnte bevor Richard Dawkins überhaupt geboren wurde.
Foto: André Karwath aka Aka, Wikipedia
Auch Kommunisten und Sozialisten nahmen für sich in Anspruch, eine "höhere, wissenschaftliche Wahrheit" zu vertreten, deren Durchbruch die wissende Elite mit allen Mitteln nachhelfen musste. Durch die Wirklichkeit lassen sich solche Ansichten kaum widerlegen - allenfalls wird zugestanden, dass die breite, ungebildete Masse eben in der "Anwendung" versagt habe. Entsprechend treten einige Ökonomen auch heute noch als selbsternannte Propheten auf und wollen Volk und Politik von oben herab belehren. Dass sich gerade auch die etablierten Wirtschaftswissenschaften längst bis auf die Knochen blamiert hat und zum Beispiel Prognosen der so genannten "Wirtschaftsweisen" bei großen Teilen der Bürgerschaft ungewollt Heiterkeit auslösen, wird da einfach ausgeblendet. Wenn sich die Realität nicht nach den Modellen richtet - Pech für die Realität.
Eine moderne Wissensgesellschaft funktioniert nur mit einer aktiven Bürgerwissenschaft
Also, ich möchte weder in einer Gesellschaft leben, in der die Menschen blind jeder angeblich "wissenschaftlichen" Meinung hinterherlaufen - noch in einer Gesellschaft, die Evolutions-, Klima-, Wirtschafts-, Gen- und anderen -forschungen pauschal mißtraut oder gar Verschwörungen unterstellt. Und die einzige Chance, die ich für eine konstruktiv-kritische Wissensgesellschaft sehe, ist das Schaffen von Möglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger, sich je nach ihren Vorkenntnissen und Eigenschaften auch selbst im Kleinen lernend, lehrend und forschend in die Wissenschaft einzubringen.
Sicher sind heute viele Wissenschaftsbereiche längst so kompliziert geworden, dass sie nur nach einer Spezialausbildung (Studium, ggf. Promotion) einigermaßen überblickt werden können. Andererseits aber sind mit wachsender Bildung, wachsendem Wohlstand und dem World Wide Web aber auch völlig neue Formen der Vernetzung, Information und Beteiligung möglich, von denen früher kaum zu träumen war. An der Universität Jena unterrichte ich zum Beispiel immer wieder hoch engagierte und begabte Studierende, die sich auf den Lehrdienst vorbereiten. Die erhalten eine solide, wissenschaftliche Ausbildung und wären mit Sicherheit nur noch bessere Lehrerinnen und Lehrer, wenn sie attraktive Möglichkeiten fänden, neben der Schule auch wissenschaftlich aktiv zu bleiben!
Stattdessen muss ich mit Entsetzen lassen, dass selbst der promovierte Astronomie-Blogger Florian Freistetter ernsthaft glaubt, kein Wissenschaftler mehr zu sein, weil er keine Stelle im Wissenschaftsbetrieb mehr gefunden hat! Der Mann hat promoviert und betreibt einen der erfolgreichsten Wissenschaftsblogs des deutschen Sprachraums, wird von Tausenden gelesen und steht vor der Veröffentlichung seines ersten Buches! Und soll kein Wissenschaftler mehr sein?
Vier konkrete Vorschläge für Bürgerwissenschaft
Ich möchte diesen Beitrag mit der Bitte um die Unterstützung von vier Vorschlägen verbinden, die der Scienceblogger Christian Reinboth und ich in den "Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin" eingestellt haben.
![]()
In Vorschlag 1 unterstützt Christian den freien Zugang zu öffentlich finanzierter Forschung (Open Access) - eine Forderung, die der Scilogger Lars Fischer bereits mit einer erfolgreichen Bundestagspetition auf den Weg gebracht hat.
Vorschlag 2 fordert eine Verbesserung der prekären (ich würde sogar sagen: skandalösen) Arbeitssituation vieler Nachwuchswissenschaftler, die derzeit Leistung und Laufbahn so vieler junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in unserem Land schlichtweg zerstört und noch mehr entmutigt.
Mein erster Vorschlag greift den Umstand auf, dass sich schon jetzt mehr Freiwillige für die Bundesfreiwilligendienste finden, als überhaupt "Bufdi"-Stellen da sind. Daher schlage ich einen Bufdi-Zug für die (Bürger-)Wissenschaft vor: Freiwillige sollten in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen je nach Vorwissen und Eignung Projekte, Experimente und Exkursionen an Kindergärten und Schulen anbieten können. Für die Wissensgesellschaft wäre das ein Glücksfall, für jüngere Leute eine ideale Chance für Engagement und berufliche Orientierung und für Ältere die Chance, ihre erworbenen Fähigkeiten einzubringen.
Als konkretes Beispiel benenne ich dafür das Buch "Evolutionsbiologie: Moderne Themen für den Unterricht" von Daniel Dreesmann, Dittmar Graf und Klaudia Witte, das hervorragende Experiment- und Projektbeispiele der Evolutionsforschung vom Kindergarten bis zur gymnasialen Oberstufe enthält.
Mein zweiter Vorschlag zielt auf die öffentlich geförderte Etablierung von Open-Access-Journalen, die von gestandenen Wissenschaftlern anonym peer-reviewed werden, zu denen aber jede und jeder Publikationen einreichen kann. Auch für solche Journale gibt es bereits ein Beispiel, das religionswissenschaftliche Marburg Journal of Religion.
Schlussplädoyer
Professor Sinn und ich haben bei allen Unterschieden eines gemeinsam: Wir sind beide Beamte, werden also aus den Steuergeldern arbeitender Menschen ("Laien") bezahlt und stehen im "öffentlichen Dienst". Das "Primat der Politik" zu "hassen" und gewählten Abgeordneten pauschal einen "Grundkurs" verordnen zu wollen stellt nach meiner Auffassung eine Arroganz des "Star-Ökonomen" dar, die sich weder freie Bürgerinnen und Bürger noch deren gewählte Vertreterinnen und Vertreter bieten lassen müssen. Empirische Wissenschaft ist keine Angelegenheit selbsternannter Propheten und Priester, sondern eine wertvolle, auch bürgerschaftlich zu gestaltende und im Dialog auszuübende Tätigkeit.
In einem freien Land ist sie auch Ihr gutes Recht! Lassen Sie sich dieses Recht nicht und von Niemandem nehmen!
Geschrieben in Bürgerwissenschaft | 0 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink














